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2. Nachricht

Schön, dass Du wieder hier bist! Ich wollte Dir ja von mir erzählen… Also, dann mal los! Ich bin 1881 in Aschaffenburg geboren worden und habe fast mein ganzes Leben hier gelebt – bis auf die etwas mehr als zwei Jahre, in denen ich als Soldat während des Ersten Weltkriegs in Frankreich gekämpft habe. Und bis auf meine letzten Tage. Mit sechzig Jahren, im April 1942, musste ich Aschaffenburg verlassen. “Evakuieren” nannte man das.

Ich wollte hier nicht weg. Aschaffenburg ist meine Heimatstadt gewesen, ich war hier Zuhause, mein ganzes Leben ist mit ihr verknüpft. Ich möchte Dir von dieser Zeit und dieser Stadt erzählen: Von meiner Familie, die auch hier lebte. Von meinem Geschäft, das ich gemeinsam mit meinem Schwager, Max Levi, führte. Von all den kleinen und großen Dingen, die ein Leben ausmachen.

Von meinem Ende möchte ich aber nicht erzählen. Denn mir ist vor allem wichtig, dass Du erfährst, wie selbstverständlich das Zusammenleben von Jüdinnen und Juden und Christinnen und Christen in Aschaffenburg vor dem “Umbruch”, wie ich die Machtübernahme durch Adolf Hitler 1933 und deren Folgen nenne, war.

Ob man Mitglied der jüdischen Gemeinde war, wie ich, oder als Katholik den Gottesdienst in der Agathakirche besuchte, spielte in meiner Stadt keine Rolle. Wir Jüdinnen und Juden feierten unseren Glauben in der Synagoge am heutigen Wolfsthalplatz, die Protestant*innen in der Christuskirche und die Katholik*innen, nun, die hatten die größte Auswahl. Schau mal, unserer Synagoge. Ein wirklich schönes Gotteshaus hatten wir!

Ich habe mir überlegt, dass ich mich regelmäßig bei Dir melde. So lernst Du mich und mein Leben in Aschaffenburg besser kennen. Bis bald also, Dein Max Hamburger.

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