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Roßmarkt

Der heute als Roßmarkt bezeichnete Straßenzug in der östlichen Unterstadt beginnt am ehem. Herstalltor, dem westlichen Eingang ins Schöntal, und endet an der Sandkirche. Einst war die Straße in mehrere Abschnitte unterteilt. Zwischen Herstallstraße und Einmündung der Badergasse war seit dem 14. Jh. bis vor 1809 und in der 2. Hälfte des 19. Jh. die Bezeichnung „Katzenmarkt“ üblich. Auf dem Urkataster von 1845 ist nur der mittlere Teil zwischen der Einmündung der Badergasse und der Ohmbachsgasse als „Roßmarkt“ bezeichnet. Der Abschnitt zwischen Ohmbachsgasse und der Einmündung der Sandgasse wurde „Nebensandgasse“ genannt. Die Abgrenzung der Bezeichnungen ist indes nicht immer ganz klar und ihre Deutung vielfältig. Die Ableitung des Straßennamens von einem Platz, an dem Handel mit Pferden getrieben wurde, oder einem Pferde-Auftriebplatz für den herrschaftlichen Gebrauch scheint naheliegend. Doch ließe sich das heutige Roß- auch von roz/rozzen (d.h. Hanf oder Flachs mit Feuer und Wasser mürbe machen) ableiten, was auf die Verarbeitung von Flachs hindeutet. Zahlreiche Lesarten gibt es auch für den „Katzenmarkt“. Der Assoziation, dass hier ein Ort gemeint sei, an dem Katzen gehandelt wurden, steht entgegen, dass sich die Bezeichnung auf die Lage an der Stadtbefestigung bezieht, denn als „Katze“ wurde im Mittelalter ein Bollwerk bezeichnet. Eine „Katze“ konnte auch ein Schutzdach für Belagerer, ein schweres Belagerungsgeschütz oder ein Bauteil im Befestigungsbau sein. Alois Grimm hält diese Zuordnung für wahrscheinlich, da sich der Mauerzug zwischen Herstalltor und Sandtor befand und damit in besonders exponierter Lage.

Der Verlauf des Straßenzuges hat sich wegen seiner Begrenzung durch die ehem. Stadtbefestigung nicht verändert, die Bebauung hingegen sehr. Direkt am Herstalltor bestand schon früh eine bürgerliche Bebauung. Im Bereich zwischen Haus Nr. 17 und dem Gässchen „Hinter der Eich“ befanden sich Höfe von adeligen Herren. Im weiteren Verlauf bis zum Sandtor gab es bis um 1800 fast nur Gartengrundstücke. Sie wurden auf Initiative von Carl Theodor von Dalberg zu Beginn des 19. Jh. mit Wohnhäusern bebaut. Auf der Stadtseite bestand am Herstalltor kleinbürgerliche Bebauung, danach folgten bis zur Badergasse Gärten und Scheunen, die z.T. zu Grundstücken der Herstallstraße und der Riesengasse gehörten. Zwischen Bader- und Ohmbachsgasse sind die wohl ältesten Häuser der Straße zu finden. Hier waren kleinere Handwerker ansässig, die u. a. für die Herrschaft im vorderen Teil der Straße arbeiteten. Heute sind diese sozialen Unterschiede an der Bebauung nicht mehr ablesbar. Nur einige wenige historische Zeugnisse haben sich erhalten.

Roßmarkt 1

Das dreigeschossige Wohnund Geschäftshaus am Eingang des Roßmarktes, der Ecke zur Herstallstraße, wurde 1891 von den Brüdern Franz und Roman Woerner für Elisabeth Bertels, Witwe von Friedrich Bertels, errichtet. Der Sandsteinquaderbau im Stil der Neugotik erhebt sich auf schmalem, unregelmäßigem Grundriss, der dem spitz zulaufenden Grundstück angepasst ist. So ist die Nordwestfassade nur eine Achse schmal und mit hohem Walmdach betont, was ihr einen turmähnlichen Charakter verleiht. Die westliche Gebäudekante ist im Bereich des Erd- und 1. Obergeschosses abgeschrägt und nimmt im 2. Obergeschoss über einem vorkragenden Rundbogenfries wieder den vollen Grundriss ein. Die Fassade zum Roßmarkt ist dreiachsig, der Hauseingang liegt auf der Seite zu Haus Nr. 3, der Ladeneingang befindet sich an der abgeschrägten Hauskante. Die Fenster der drei Achsen sind z.T. gekuppelt. Im 2. Obergeschoss im Bereich des turmartigen Aufbaus sind zwei Fenster mit Brüstungsfeldern mit Blendmaßwerk versehen. Unter der zu einem Erker ausgebauten Ecke befindet sich eine Sandsteintafel, auf der in gotischer Schrift „Anno Domini 1891“ steht. Die zum Schöntal gerichtete Fassade ist heute verputzt und völlig schmucklos. Sie wurde 1957 verändert, nachdem das Gebäude 1944/45 im Bereich des Daches und der Mansardwohnung beschädigt worden war. Die neugotische Gestaltung des Wohn- und Geschäftshauses mit der burgenromantischen Gebäudekante ist eine Anspielung der Architekten auf das Herstalltor, das bis 1871 an dieser Stelle stand.

Roßmarkt 33 a

Das dreigeschossige Wohn- und Geschäftshaus an der Ecke Roßmarkt/Hinter der Eich wurde 1906 von dem damaligen Direktor der städtischen Meisterschule, dem Architekten Heinrich Morhard für den Kaufmann Karl Fecher entworfen. Das Eckhaus steht mit drei Fensterachsen entlang der Gasse „Hinter der Eich“ und mit einer Achse zum Roßmarkt. Ein fast übergroßer runder Eckerker ragt weit in den Straßenraum. Das Erdgeschoss des Gebäudes und das 1. Obergeschoss des Erkers sind aus rotem Sandstein aufgeführt. Das Gebäude schließt mit einem Mansarddach ab. Der Eingang zu den Wohnungen liegt auf der Seite zu Haus Nr. 35. Er ist mit einem Segmentbogen versehen, darüber gibt es ein geteiltes Oberlicht und die Bezeichnung „1906“. Der Ladeneingang mit neugotischer Rahmung befindet sich an der abgeschrägten Gebäudekante, daneben jeweils ein breites segmentbogiges Schaufenster. Das Erdgeschoss schließt mit einem profilierten Gesims ab, auf dem die Fenster des 1. Obergeschosses aufsitzen. Die Fenster beider Obergeschosse sind mit Rahmungen aus Rotsandstein mit Kämpfersteinen versehen. Das restliche aufgehende Mauerwerk ist verputzt. Der Erker erfuhr eine besondere Gestaltung durch eng stehende Fenster. Im 1. Obergeschoss sind die schmalen Fenster in Dreiergruppen unterteilt und durch Sandsteinstützen voneinander getrennt. Das 2. Obergeschoss des Erkers ist ebenfalls komplett durchfenstert, aber mit verzierten Holzstützen versehen. Das 3. Obergeschoss sowie der geschweifte Helmabschluss sind verschiefert. Das repräsentative Eckgebäude mit wenigen neugotischen Stilmerkmalen wurde 1944 im Bereich des Daches schwer beschädigt, konnte aber wieder instand gesetzt werden. Es hat sonst keine einschneidenden baulichen Veränderungen erfahren. Mit seinem kräftigen Erker bildet es einen dominanten Blickpunkt im Straßenzug.

Roßmarkt 36

Das Wohnhaus, ein traufständiges, zweigeschossiges Satteldachhaus mit Zwerchhaus, ist wohl bereits in der 2. Hälfte des 16. Jh. entstanden und damit eines der ältesten erhaltenen Gebäude im Roßmarkt. Es wird angenommen, dass es sich aus einem Haupthaus mit überbauter Hofeinfahrt und einem ursprünglich eingeschossigen Nebengebäude entlang der Grundstücksgrenze zu Haus Nr. 34 zusammensetzt. Wohl in den ersten Jahrzehnten des 18. Jh. wurde dann die eingeschossige Überbauung der Einfahrt und des Nebengebäudes als Verlängerung des Wohnhauses vorgenommen. So ergibt sich die heutige breit gelagerte Straßenfassade mit gekuppelten Fenstern, massivem Erdgeschoss und deutlich vorkragendem verputztem Fachwerkobergeschoss. Der Tünchermeister Karl Köhler betrieb seit 1895 sein Geschäft in dem Gebäude, dessen Keller 1900 im Bereich des an der Seite zu Haus Nr. 38 gelegenen „Haupthauses“ ausgehoben und die darüberliegenden Zimmer tiefer gelegt wurden. In der Folge wurde eine dreiteilige Fenstergruppe auf der linken Haushälfte durch zwei gekuppelte Fenster ersetzt und der Hauseingang in die Hofeinfahrt verlegt. 1944 stürzten durch Bombenexplosion Dach, Wände und Decken ein, Fenster und Türen wurden beschädigt. 1986 zog das Tünchergeschäft Kolb und Kern GmbH aus dem Gebäude aus, 1988 wurden die Rückgebäude abgebrochen. Im Zusammenhang mit der Errichtung des modernen Nachbarn kam es 1989/90 zu einem Teilabriss des Gebäudes. Dabei wurden Dach und Rückwand entgegen der denkmalpflegerischen Empfehlung abgebrochen. 1991 wurden Aus- und Umbauten im Gebäudeinnern vorgenommen.

Roßmarkt 42

Wie Haus Nr. 36 entstand dieses Wohnhaus, ein Fachwerkgiebelhaus, wohl in der 2. Hälfte des 16. Jh. und gehört damit zu den ältesten erhaltenen Bauten der Unterstadt. 1870 ließ sich Schlossermeister Kaspar Koloseus ein neues Hinterhaus errichten. 1876 erfolgte ein Anbau an das Wohnhaus im Höfchen. 1879 wurden die Giebelfenster zum Roßmarkt vergrößert und 1899 über die Beseitigung der in den Straßenraum ragenden Treppe am Hauseingang verhandelt. Durch Luftdruck und Artillerie wurden 1944/45 Dach, Decken, Zwischenwände, Fenster und Türen des Wohnhauses beschädigt. Der Erdgeschossum- und Ladeneinbau erfolgte 1960. Als das letzte erhaltene giebelständige Wohnhaus im Roßmarkt ist das Gebäude trotz modernisiertem Erdgeschoss und Veränderungen im Giebelfeld das einzige Beispiel für die Handwerkerhäuser, wie sie im unteren Bereich des Roßmarktes im 16., 17. und noch 18. Jh. häufig waren. Die spätere Bebauung wurde traufständig errichtet.

Quelle:

Ina Gutzeit/Hauke Kenzler: Kreisfreie Stadt Aschaffenburg. Ensembles, Baudenkmäler, Bodendenkmäler (Denkmäler in Bayern. VI. Unterfranken, 71), München 2015, S. 113-114.

Kommentare

  1. Hanf, Nessel oder Flachs mit Feuer und Wasser mürbe machen: Das erfordert eine größere Wiesenfläche an einem Wasserlauf, auf der der Flachs so oft und wiederholt gewässert wird, bis seine weicheren Bestandteile verrotten und sich nach dem Trocknen von den langen und festen Lein-, Nessel- oder Hanffasern abklopfen und abziehen lassen.

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