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Lulu Brentano – eine „curiose“ Lebensgeschichte erzählt in Briefen

Von Walter Scharwies

„Onkel Christian kam gestern hierdurch mit Frau und zwey sichtbaren & einem unsichtbaren Kindchen; um nach Aschaffenburg zu ziehen“, schrieb Louis Brentano am 10. Oktober 1838 von Frankfurt aus an seinen Onkel Clemens nach München.

Dieses Briefzitat findet sich in dem neu erschienenen Buch von Walter Scharwies „Lulu Brentano – eine ‚curiose‘ Lebensgeschichte erzählt in Briefen.“ Sie hieß eigentlich Ludovica, nannte sich selbst Lulu, und führte die Ehenamen Jordis und Des Bordes. Bekannter ist sie als Lulu Brentano. Im Freien Deutschen Hochstift/Frankfurter Goethehaus, in der Preußischen Staatsbibliothek zu Berlin und in weiteren Archiven (u. a. im Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg) liegen Autographen, geschrieben vom 10. Lebensjahr (1797) bis wenige Wochen vor ihrem Tod (1854). Sie dokumentieren eine Lebensgeschichte, die ihr Bruder Clemens als „curios“ bezeichnete. Bankiersgattin mit Kontakten in die allerhöchsten Kreise, gute Bekannte der Brüder Grimm, mit 25 Jahren Todessehnsucht, als Witwe erfolgreiche Unternehmerin in Paris, von Eichendorff hoch gelobte Schriftstellerin bilden Merkmale eines bislang wenig beachteten, von Brüchen begleiteten Lebensweges. In Lulu Brentano vereinigen sich erfolgreicher Brentanoscher Kaufmannsgeist und musisches Talent der Mutter La Roche, Schutz und Halt suchende Verbindung zu den Geschwistern und zur eigenen Familie, aber auch auf der Religion ruhendes soziales Engagement zu einer interessanten Persönlichkeit. Walter Scharwies hat ihre großenteils unveröffentlichten Briefe übertragen. Er beschreibt damit ein spannendes Frauenleben von der Napoleonischen Epoche bis hin zur bürgerlichen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die Neuerscheinung gibt durch die Wiedergabe zahlreicher Briefe auch eine Antwort auf die Frage, warum der Bruder Christian sich in Aschaffenburg niederließ und damit den Ruhm als Brentano-Stadt begründete. Die in der Literatur aufgestellte Behauptung, Christian habe aus Marienberg bei Boppard, wo er als Leiter eines Mädchen-Internats lebte, flüchten müssen und deshalb bei der Schwester Lulu auf Schloss Wasserlos Wohnung gefunden, um dann nach Aschaffenburg zu ziehen, ist schon deshalb unrichtig, da Lulu das heute zur Stadt Alzenau gehörende Schloss erst ab 1845 besaß.

Es waren freundschaftliche Verbindungen, die Christian und vor allem seine Ehefrau Emilie veranlassten, um sich in der Stadt am Main niederzulassen. Das „Lulu-Buch“ nennt Einzelheiten.

In einem Brief vom 6. November 1837 nannte Lulu zwei Namen, die vermutlich entscheidend dafür waren, dass Christian und vor allem Emilie Brentano Ende des folgenden Jahres Aschaffenburg als Wohnsitz wählten. In der Stadt lebte der Königliche Forstmeister Joseph von Hertling (1802 Frankfurt – 1867 Landshut) zusammen mit seiner Ehefrau Wilhelmine von Bourcourd (1811 Den Haag – 1884 München) und deren zwölf Kindern. Zur Familie gehörte auch dessen Mutter Gisberta (1763 Bruchsal – 1843 Aschaffenburg). Am 26. September 1843 schrieb Lulu an die Schwägerin Emilie nach Aschaffenburg: „Mit der innigsten Theilnahme habe ich den Tod der vortrefflichen Mama Hertling vernommen. […] da ich weiß mit welcher Liebe du an dieser Familie hängst.“

Gisbertas Ehemann, Philipp von Hertling, Hessischer Geheimrat und Darmstädter Hofgerichtsdirektor, war bereits 1810 in Aschaffenburg verstorben. Aus ihrer Ehe ging nicht nur der Aschaffenburger Forstmeister Joseph, sondern auch der weitere Sohn Jakob (1805 – 1851) hervor. Dieser hatte Antonie (Tony) von Guaita (1816 – 1881), Nichte von Lulu und Christian, geheiratet. Einer der Nachkommen von Jakob und Antonie machte Karriere: Georg von Hertling (1843 – 1919) erlangte als Reichskanzler und Bayerischer Ministerpräsident höchste Staatsämter. In seinen Lebenserinnerungen schrieb der in Darmstadt geborene Zentrumspolitiker: „Die Verwandten meines Vaters lebten zum großen Teile in Aschaffenburg. Ihre Verhältnisse waren den unseren ähnlich, vielleicht noch bescheidener, aber mit Humor und Gelassenheit schlug man sich durch. Der zahlreichen Jugend, die das dortige Haus belebte, war große Freiheit gelassen, die sie aber meiner Erinnerung nach nur insofern mißbrauchte, als sie sich dem schulmäßigen Lernen tunlichst entziehen suchte. Namentlich den ältesten unter den noch lebenden Brüdern meines Vaters, der, selbst unverheiratet, den Mittelpunkt des dortigen Hauswesens bildete, liebten und verehrten wir.“

Zwei Monate später bringt ein Brief, den Lulu an ihren Bruder Christian Brentano nach Aschaffenburg schrieb, einen Hinweis auf die erste Wohnung der Brentanos in Aschaffenburg. Sie befand sich in dem in der Webergasse 1 gelegenen Anwesen des Königlichen Medizinalrates Dr. Jodocus Reuß (auch Reiss bzw. Reiß genannt). Der Hausherr gehörte zu den Persönlichkeiten der Stadt und starb bereits am 7. Dezember 1838 im Alter von 73 Jahren.  Im darauffolgenden Jahr mietete Christian das benachbarte Anwesen (Kleine Metzgergasse 5), das als Brentanohaus und Sterbeort von Clemens Geschichte schreiben sollte.

Fast ein Jahrzehnt wohnten Emilie und Christian Brentano mit ihrer großen Familie in dem idyllisch in der Aschaffenburger Altstadt gelegenen Haus mit der Anschrift Kleine Metzgergasse 5. Der Entschluss des Eigentümers, Karl Maximilian Freiherr von Dalberg, die Immobilie zu verkaufen, brachte die Brentanos in große Unruhe. Christian fehlte das nötige Geld. Der Hilferuf ging an die reiche Schwester Lulu. Sie half trotz der wirtschaftlichen Einbußen im Revolutionsjahr 1848 und trotz der Verluste, die ihr Gutsverwalter in Wasserlos eingefahren hatte. Lulu erwarb 1849 das Brentano-Haus in Aschaffenburg. Lulu Brentano (eigentlich Ludovica Freifrau von Des Bordes) starb 67jährig im November 1854. Zur Erbin des Brentano-Hauses bestimmte sie ihr Patenkind Lulu, Tochter von Emilie und Christian Brentano.

 

 

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