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Initiative „FrauenMachenGeschichte“ – ein Denkmalprojekt für die Sichtbarkeit historischer Frauen im Stadtbild Aschaffenburgs

Projektbeschreibung

Seit mehr als 150 Jahren erobern sich Frauen im Zuge feministischer Bewegungen Räume, von denen sie zuvor aus geschlechterdiskriminierenden Gründen ausgeschlossen waren. Diese Räume sind vielfältig. So wurde auch Geschichte lange Zeit nicht nur überwiegend von Männern gemacht, sondern auch von ihnen geschrieben. In der traditionellen Geschichtsschreibung geht es häufig um Männer, der Blick auf weibliche Akteurinnen wird dabei nicht selten vernachlässigt. Auswirkungen hat dies auch auf die Erinnerungskultur, was einen sichtbaren Ausdruck in Denkmälern und Statuen, aber auch in Straßennamen findet, die mehrheitlich männliche historische Personen würdigen. Frauen bleiben hier oftmals unsichtbar. Das Projekt „FrauenMachenGeschichte“ will das ändern.

Aschaffenburg kann eine Vielzahl von historischen Frauen aufweisen, die eine wichtige und einflussreiche Rolle für die Stadtgeschichte gespielt haben und in den Bereichen Politik, Kultur und Gesellschaft Herausragendes geleistet haben. Während Zugänge zu männlichen Akteuren einfacher sind, muss man für eine Auseinandersetzung mit der Geschichte dieser Frauen zumeist tiefer graben. Das Projekt „FrauenMachenGeschichte“ will ausgewählte weibliche Protagonistinnen aus Aschaffenburg im Stadtbild sichtbar machen und zugleich würdigen.

Protagonistin Auguste Haarländer

Auguste Haarländer – die vergessene Aschaffenburger Dichterin

Als Auguste Haarländer 1882 in Amorbach geboren wurde, ahnte niemand, dass das Mädchen zum einen eine besondere poetische Ader entwickeln sollte, ihm zum anderen aber nur ein kurzes Leben beschieden sein würde. Auguste Haarländer starb an Weihnachten 1919 in Aschaffenburg im Alter von nur 37 Jahren an einem Herzversagen. Die Nachrufe in der Lokalpresse versicherten unisono, dass die Dichterin und ihr Werk unsterblich bleiben würden, aber nur dreißig Jahre später erinnerte sich kaum noch jemand an sie, und heute ist sie ganz vergessen. Dabei war Auguste Haarländer eine der ersten schreibenden Frauen in Aschaffenburg und zu Lebzeiten eine äußerst populäre Persönlichkeit und weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt.

Die Familie Haarländer lebte ab 1889 (der Vater war Oberlokomotivführer) in Aschaffenburg, und zwar in der Würzburger Straße 18, gegenüber dem Magnolienhain im Schöntal, in einem gutbürgerlichen Mehrfamilienhaus, dessen Straßenfassade aus rotem Sandstein heute noch weitgehend im ursprünglichen Zustand erhalten ist. Zum Zeitpunkt des Umzugs war Auguste sieben Jahre alt; sie blieb in der elterlichen Wohnung bis zu ihrem Tod.

Schon als junges Mädchen verfasste Auguste in der Schule die besten Aufsätze und schrieb kleine Verse über die Stadt und ihre Menschen. Als junge Frau erlebte sie im Schreiben Leidenschaft und ein Glück, das ihr im privaten Leben als Ehefrau und Mutter – dem weiblichen Lebensentwurf im Kaiserreich – versagt blieb. Wir wissen nicht, in welchem Alter sich die Herzkrankheit zum ersten Mal bemerkbar machte. Aber sie wusste um ihren frühen Tod und verarbeitete diese bedrückende Tatsache in vielen Gedichten, die erfüllt sind von Sehnsucht nach dem Leben, aber auch Sehnsucht nach dem Tod. Privatfotos zeigen Auguste als eine hübsche junge Frau mit wachem Blick, doch voller Ernst und Melancholie.

Sie schrieb u.a. für die beiden Lokalzeitungen „Aschaffenburger Zeitung“ und „Beobachter am Main“ und für die Zeitschrift „Spessart“ Kurzgeschichten. Ein längeres Prosastück machte sie weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt. Ihr Stimmungsbild „Aschaffenburg“ ist eine Hommage, eine einzige Liebeserklärung an die Stadt. Ihre Sätze sind wie Bilder, der Text gleicht einem Landschaftsgemälde. Er verzaubert und fasziniert noch heute, nimmt er den Leser doch mit auf eine Zeitreise in ein Aschaffenburg und seine Menschen längst vergangener Tage. Das Prosastück erschien im Sommer 1919 in der Anthologie „Um Main und Donau“, und nach ihrem Tod posthum in der „Aschaffenburger Zeitung“ und in der Zeitschrift „Spessart“.

Der Erste Weltkrieg

Am 1. August 1914 begann der Erste Weltkrieg, der von großen Teilen der deutschen Bevölkerung begeistert begrüßt wurde und der zur zentralen Erfahrung im kurzen Leben der Auguste Haarländer wurde. Sie teilte zunächst den allgemeinen Kriegsenthusiasmus und übte sich in der poetischen Mobilmachung. Augustes Kriegseuphorie wurde schnell gedämpft. Allein in den zehn Tagen vom 22. September bis 1. Oktober 1914 verzeichnete das Aschaffenburger Jägerbataillon 23 Tote, 108 Verwundete und zwei Vermisste. Diese und andere bittere Erfahrungen brachten ein Umdenken, und aus der einst patriotischen Kriegsbefürworterin wurde  eine Kriegsgegnerin und Pazifistin.

Im Sommer 1916 traf die Familie Haarländer ein herber Schicksalsschlag: Die jüngste Tochter Elisabeth starb im Blütenalter von 19 ¾ Jahren aus bislang nicht bekannter Ursache. Der Tod der geliebten Schwester raubte Auguste nachhaltig den Seelenfrieden und verschlimmerte ihre Krankheit. Sie versuchte diesen Verlust, mit der Feder zu verarbeiten. Ihr letztes Gedicht schrieb sie im Dezember 1919, kurz vor ihrem Tod. Es heißt „Ich hatt’ einen Kameraden – Elisabeth“ und ist ihrer toten jüngeren Schwester gewidmet.

Das Ende naht

Auguste Haarländer starb am 26. Dezember 1919, im ersten Jahr der Nachkriegszeit, 37 Jahre jung. Das Herz, das sich so sehr in ihren Versen verzehrt hat, machte nicht mehr mit. Sie litt an Herzinsuffizienz auf dem Boden einer Herzmuskelentzündung, die erst ab den 1940er Jahren erfolgreich mit Penicillin behandelt werden konnte.

Einem guten Freund von Auguste, Josef Singer, verdanken wir, dass zumindest ein Teil ihres Oeuvres der Nachwelt auf besonders originelle Weise erhalten blieb. Er kalligrafierte 38 ihrer Gedichte und nannte das kleine Buch „Poesie-Album der Auguste Haarländer“. Die Gedichte sind in Aquarell- und Deckfarben künstlerisch ornamental oder floral umrahmt.

Eines ist allen Gedichten gemeinsam: Sie befassen sich mit der Flüchtigkeit des Glücks und der Vergänglichkeit des Seins. Die Grundstimmung reicht von leiser Wehmut über stille Melancholie bis hin zu unendlicher Traurigkeit.

Die vergessene Dichterin

Auguste Haarländer starb – historisch gesehen – zum Beginn einer Zeitenwende, die sich rapide, grundsätzlich und unwiderruflich vollzog, mit der Folge, dass die Dichterin schon bald in Vergessenheit geriet. Die junge Generation der Weimarer Republik war nach all den Jahren der Entbehrung lebenshungrig wie nie zuvor. Es begannen die heute so genannten „Goldenen 20er Jahre“ – eine Zeit des Auf- und Ausbruchs, der Selbstverwirklichung, der Flucht in schöne Träume. Niemand wollte mehr an Krieg und Gräuel, an Tod und Sterben erinnert werden. Die düsteren Verse der Auguste Haarländer liefen dem lebensbejahenden Zeitgeist diametral entgegen.

Am Ende der Weimarer Republik warteten zwölf Jahre Nationalsozialismus und ein weiterer schrecklicher Krieg. Und nach 1945 hatten die Menschen andere Sorgen, als das Andenken an eine Frau zu pflegen, die dreißig Jahre zuvor das Aschaffenburger Kulturleben bereichert hatte.

So gab es nie wieder eine Zeit, in der Auguste Haarländers Poesie  die Gefühlslage einer Generation getroffen hätte. Auch heute ist das literarische Werk nur im Zusammenhang mit ihrer persönlichen Lebensgeschichte zu verstehen. Im Oktober 1966 verkaufte Josef Singer sein mit so viel Herzblut gestaltetes „Poesie-Album der Auguste Haarländer“ für 50 Mark an die Museen der Stadt Aschaffenburg, in deren Besitz es heute noch ist.

Seit dem März 2022 erinnert die Auguste-Haarländer-Bank im Magnolienhain im Park Schöntal an Auguste Haarländer und ihr Gedichte Magnolienblüte.

„Magnolienblüte“

verfasst im Frühling 1917 von Auguste Haarländer:

 Wenn die weiße Mondlichtseide

über die Magnolien fließt,

beugt sich tief mein Herz im Leide,

weil so kurz das Leben ist.

 

Alle Sorgen, alle Mühen

segnet solcher Schönheit Schein.

Und von dieser Erde Blühen

muss so bald geschieden sein?

 

Ewig, ewig möchte ich schauen

dieser Schöpfung Lieblichkeit.

Lass, Herr, einen Trost mir tauen

vor der nahen Dunkelheit.

 

Dass ein Blütenkelch voll Freude

In das Trennungsleid sich gießt,

wenn die weiße Mondlichtseide

über die Magnolien fließt.

 

 

Text: Dr. Monika Schmittner, Dr. Anika Magath

 

Bildnachweis:

Auguste Haarländer: privat, Repro: Hans-Joachim Schmittner.

Poesie-Album der Auguste Haarländer von Josef Singer (Museen der Stadt Aschaffenburg/MSA 53-1996-12).

 

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