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Hanauer Straße

Die nordwestlich der Altstadt gelegene Hanauer Straße führt als Fortsetzung am westlichen Ende der Weißenburger Straße aus der Stadt. Sie ist Teil der westlich des Bahnhofs gelegenen Wohngebiete, die infolge der Eröffnung der Bahnstrecke nach Frankfurt entstanden waren. Die in leichtem Bogen verlaufende Straße ist zunächst von Wohnbebauung gesäumt und wird dann zur eigentlichen Landstraße nach Hanau. Neben mehrgeschossigen Mietshäusern der 1960er und 1970er Jahre haben sich am Beginn der Straße Mehrfamilienhäuser der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jh. erhalten.

Hanauer Straße 8

Die ersten Gebäude auf dem Grundstück am Beginn der Hanauer Straße entstanden in der 2. Hälfte des 19. Jh. 1875 ließ sich Dachdeckermeister Adam Fröhlich das heute noch bestehende zweigeschossige Wohnhaus im Hof des Anwesens errichten. Dieser schlichte Satteldachbau erhebt sich über rechteckigem Grundriss und ist unterkellert. Hinter der vierachsigen Fassade befinden sich in jeder Etage vier Zimmer. 1876 entstand entlang der westlichen Grundstücksgrenze eine langgestreckte eingeschossige Halle für Baumaterialien mit einem Werkstattraum. Sie war aus Holz mit einer massiven Rückwand aufgeführt. 1900 erfolgte ein Umbau durch Johann Scheuermann, bei dem die Wände massiv gemauert und zwei Zimmer sowie eine Küche eingerichtet wurden. 1901 zeichneten die in Aschaffenburg und Mainz tätigen Architekten Becker & Scholl einen Plan zum Neubau eines dreigeschossigen Wohnhauses für den Möbelfabrikanten Emanuel Russmann, der das Grundstück kurz zuvor erworben hatte. Der Entwurf zeigt einen repräsentativen Bau mit einer Fassade in der Formensprache zwischen Neugotik und Neurenaissance, der jedoch nicht ausgeführt wurde. 1902 reichten Becker & Scholl einen zweiten Entwurf ein, der schließlich genehmigt wurde. Er ist noch dem Stil der Neurenaissance verhaftet, trägt aber auch Dekorformen des Jugendstils. Das Gebäude wurde traufständig an der neuen Baulinie gegenüber der Einmündung der Pompejanumstraße an städtebaulich bedeutender Stelle errichtet.

Zwischen Gehsteig und Hausfassade befand sich in umfriedeter Vorgarten. Die symmetrische Fassade des dreigeschossigen Mehrfamilienwohnhauses hat drei Achsen. Die mittlere ist zu einem polygonalen Erker ausgebildet und mit einem Zwerchgiebel bekrönt. Der Erker weist vier schmale Fenster je Etage auf. Während die Erdgeschosszone weitgehend schmucklos erscheint, ist der Erker im 1. und 2. Obergeschoss reich mit floralen Jugendstilmotiven verziert. Er schließt mit einem Balkon mit eiserner Brüstung ab. Der Zwerchgiebel – ebenfalls mit pflanzlichen Jugendstilmotiven dekoriert – hat ein dreiteiliges Fenster mit Stichbogen. In den beiden äußeren Achsen sitzen je zwei Fenster, die in den Obergeschossen zu Paaren zusammengefasst sind. Die des Erdgeschosses haben infolge von Umbaumaßnahmen keine Rahmen mehr, die der Obergeschosse sind mit Gewänden aus rotem Sandstein gerahmt. Im 1. Obergeschoss schließen die Fenster mit einem Schulterbogen ab, im 2. Obergeschoss sind sie rundbogig. Unter den Obergeschossfenstern verläuft ein Sohlbankgesims. Das Satteldach ist auf der östlichen Seite abgewalmt. An dem oberhalb des Sockels verlaufenden umlaufenden Gesims findet sich eine Signatur der Architekten. Der Zugang zum Gebäude liegt auf der Ostseite, wo sich ein Treppenanbau befindet. Dieser ist im oberen Bereich als Fachwerkkonstruktion ausgeführt und mit einem Zeltdach abgeschlossen. Die Räume sind um einen kleinen Flur gruppiert. Während die Wohnräume zur Straße ausgerichtet sind, befinden sich zum Hof hin Küche, WC und Bad. Im Zweiten Weltkrieg erlitt das Haus am 21. Januar 1945 einen Volltreffer, der die Dächer von Haupt- und Rückgebäude schwer beschädigte. Durch Granateinschläge wurde die Fassade des Wohnhauses getroffen. Die Kriegsschäden wurden 1948 beseitigt. Im Jahr 2000 wurde der für die Zeit der Errichtung des Wohnhauses typische Vorgarten zu Gunsten von Autostellplätzen entfernt.

Hanauer Straße 21

Das als „Villa Karolina“ bezeichnete Wohnhaus an der Ecke Hanauer Straße/Münchstraße wurde um 1900 errichtet. Bauherr und Baumeister sind nicht bekannt. Der vielgliedrige Bau im Stil der Neurenaissance mit Backsteinfassade und Sandsteingliederungen ist der städtebaulichen Situation an der Kreuzung zweier Straßen angepasst. Die Gebäudekante ist abgeschrägt. Die jeweils zu den Straßen gerichteten Fassaden sind mit leicht vortretenden Risaliten und Zwerchgiebeln mit Obeliskenaufsätzen bzw. Stufengiebel versehen. Auf der Westseite der Villa ist ein runder Turm mit Kegeldach angefügt. Auf der Seite zur Hanauer Straße befindet sich der Eingang, der in Form einer zweigeschossigen Veranda gestaltet ist. Rundbogige Fenster im Erdgeschoss und gleichmäßig mit geradem Sturz versehene Fenster im Obergeschoss unterstreichen das historistische Erscheinungsbild. Über einem kräftig profilierten Traufgesims folgt ein nicht allzu steiles Walmdach. Gestaltungsdetails wie zu Dreiergruppen zusammengefasste Fenster und die unterschiedlich gestalteten Giebel machen die Villa interessant und geben ihr einen repräsentativen Charakter. Die Einfriedung stammt wohl aus der Bauzeit. Die Villa scheint sich noch weitgehend in ursprünglicher Gestalt zu zeigen. Stilistisch könnte sie dem in Aschaffenburg im letzten Jahrzehnt des 19. Jh. vielfältig tätigen Architekten Hermann Reichard zugeschrieben werden.

Quelle:

Ina Gutzeit/Hauke Kenzler: Kreisfreie Stadt Aschaffenburg. Ensembles, Baudenkmäler, Bodendenkmäler (Denkmäler in Bayern. VI. Unterfranken, 71), München 2015, S. 66-67.

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