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Güterberg – Altstadtfriedhof

Die von der Fischergasse zur Lamprechtstraße am Altstadtfriedhof vorbeiführende Straße wird Güterberg genannt, weil sich an der leichten Erhebung große Gärten wohlhabender Bürger befanden. Mit der stark durchgrünten Bebauung hat der Güterberg bis heute den Charakter einer Siedlungsstraße mit ein- bis zweigeschossigen Wohnhäusern aus der Zeit der Wende vom 19. zum 20. Jh. beibehalten.

Güterberg 12/14

Vor der Anlage des sog. Altstadtfriedhofes auf dem Güterberg 1809 gab es neben dem seit Mitte des 10. Jh. existierenden Kirchhof des Stiftes St. Peter und Alexander in Aschaffenburg seit etwa um 1180 die Kirchhöfe der Pfarreien Zu Unserer Lieben Frau und St. Agatha. Seit dem 18. Jh. mehrten sich in europäischen Städten Bestrebungen, Friedhöfe aus hygienischen Gründen vor die Tore der Stadt zu verlegen. In Aschaffenburg gehen sie auf den Stadtphysikus Jodokus Reuß zurück, der Erfahrungen mit Epidemien wie der Roten Ruhr sammelte. Aus den Reihen der Ärzte wurden die Warnungen erst spät ernst genommen. Nach verschiedenen Vorschlägen von geeigneten Grundstücken für die Einrichtung eines neuen Friedhofes außerhalb der Stadt entschied sich die Stadtverwaltung 1808 für das Grundstück des Stadtvikars Georg Franz Merkel auf dem Güterberg. Der zunächst ausreichend große und auf drei Seiten ummauerte „Merkelsche Garten“ wurde durch Tausch gegen ein Grundstück am Goldbacher Weg von der Stadt erworben. Am 18. Juli 1809 weihte Bischof Joseph Hieronymus von Kolborn in Anwesenheit von Vertretern der drei Stadtpfarreien den neuen Friedhof. Noch am Abend desselben Tages fand das erste Begräbnis statt. Da er die Störung der Totenruhe durch die baldige Aufgabe der Kirchhöfe befürchtete, ließ Vizedomamtsdirektor Karl Joseph Will seinen erst 18-jährigen Sohn Philipp Will auf dem neuen Friedhof bestatten. Mit der Weihe des Friedhofes auf dem Güterberg wurden die Beerdigungen auf den Kirchhöfen der Muttergottespfarrkirche und von St. Agatha eingestellt. Eine Satzung vom 17. April 1809 regelte die Nutzung des Friedhofes. So sollten auf dem in vier „Quadranten“ unterteilten Begräbnisfeld Gräber in Reihe angelegt werden. Erbbegräbnisse sollte es nicht mehr geben. Familiengrabstätten mit individuell gestalteten Monumenten waren in vorgeschriebenen Abmessungen an den Mauern möglich. 1811 wurde das Friedhofskreuz von St. Agatha auf den neuen Friedhof am Güterberg versetzt. Der Inschrift zufolge war das barocke, lebensgroße Kruzifix aus rotem Sandstein eine Stiftung des Priesters Urban Fabricius aus dem Jahr 1569. 1832 musste der Friedhof erstmalig erweitert werden, dies geschah durch Zukauf von Grundstücken.

Die nach einem Entwurf von Professor Karl Ludwig Louis gefertigten Friedhofstore sind an den Eingängen vom Güterberg und vom Kirchhofweg noch erhalten. Weitere Vergrößerungen erfuhr der Friedhof 1851 (Teil II), 1881 (Teil III) und 1889 (Teil IV). Beim Bau des Leichenhauses um 1910 und nach den beiden Weltkriegen wurde er in Richtung Löhergraben erneut in seiner Fläche vergrößert. Seit seiner Einweihung wurde nur ein kleiner Teil aufgelassen, diese Fläche dient heute als Parkplatz am Güterberg. Insgesamt umfasst der Friedhof heute eine Fläche von 36.000 qm. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Friedhof durch Bomben stark beschädigt. Das Leichenhaus brannte aus und stürzte z.T. ein. Der Stadtrat beschloss nach dem Krieg die Auflassung des Friedhofes. Als jedoch statistische Rechnungen zeigten, dass der vor den Toren der Stadt gelegene Waldfriedhof für die wachsende Einwohnerzahl nicht ausreichen würde, wurde dieser Beschluss 1984 wieder aufgehoben. Heute ist der Altstadtfriedhof ein kulturhistorisches Denkmal mit zahlreichen erhaltenen Grabmälern unterschiedlicher Stilrichtungen, die aus kunst-, aber vor allem auch in personengeschichtlicher Sicht bedeutend sind. Friedhofsbauten: Das Leichenhaus entstand als Ersatz für einen Vorgängerbau aus der Mitte des 19. Jh. nach Stadtratsbeschluss von 1910. Der 1913 fertiggestellte Bau wurde im Jugendstil errichtet und erhebt sich eingeschossig auf rechteckigem Grundriss. Der westliche Gebäudeteil ist mit einem flach geneigten Satteldach abgeschlossen. Ein hoher Turm mit schiefergedeckter Haube trennt ihn vom vorderen etwas höheren Gebäudeteil, der sich in Form einer Aufbahrungshalle zum Friedhof hin öffnet. Auf der Südseite ist ein Seitentrakt angebaut, der ursprünglich als Sezierraum diente und heute Platz für Sanitär- und Sozialräume bietet. Sockel, Rahmungen, Pilaster und Stürze aus rotem Sandstein gliedern den verputzten Bau. Grabstätten: Da der Altstadtfriedhof nicht aufgelassen wurde und der Stadt heute noch als Begräbnisstätte dient, sind durch Neubelegungen Grabstätten ersetzt worden. Dennoch wird darauf geachtet, die historischen Grabstätten zu erhalten, die für die Kulturgeschichte der Stadt sehr wichtig sind. So finden sich auf dem Friedhof Grabmale von Gefallenen der Kriege von 1866 und 1871 sowie des Ersten und Zweiten Weltkrieges, aber auch Ehrenmale für zivile Opfer und Fremde, die in der Stadt ihre letzte Ruhe fanden. Hinzu kommen Grabstätten bekannter Aschaffenburger Persönlichkeiten wie Politiker, Künstler, Architekten und Unternehmer. An die Opfer des westfälischen Infanterie-Regiments in den Kämpfen um Aschaffenburg 1866 erinnert ein Grabmal in Form einer abgebrochenen Sandsteinsäule auf einem Inschriftensockel.

Außerdem ist ein Grabmal für die Opfer des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 erhalten. Der Obelisk auf einem Sockel mit vier Giebeln, mit Lorbeerkränzen und Girlanden geschmückt, steht recht unscheinbar zwischen weiteren Gräbern im östlichen Teil des Friedhofes. Für die in Aschaffenburg gefallenen Soldaten des Ersten Weltkrieges wurde ein Ehrenhain um ein von dem Würzburger Bildhauer Ludwig Sonnleitner nach einem Entwurf von Otto Leitolf geschaffenes und 1924 geweihtes Kriegerdenkmal angelegt. Das Denkmal zeigt die monumentale Figur des auferstandenen Christus über einem Sarg, auf dem zwei sterbende Soldaten dargestellt sind und die Inschrift: „ICH BIN DIE AUFERSTEHUNG / UND DAS LEBEN / Joh. 11,25“ zu lesen ist. Dieser Ehrenfriedhof wurde später für die Opfer des Zweiten Weltkrieges erweitert. Zu den hervorhebenswerten Grabmälern gehört das Grabmal der Hubertia. Eines der bekanntesten Gräber ist das des Dichters Clemens Brentano. Weitere bedeutende Grabmäler: Grabmal Familie Schmelzer: Das Grabmal des Bauunternehmers Caspar Schmelzer (1848– 1909), der in Aschaffenburg zahlreiche Wohnhäuser und Stadtvillen errichtet hat, ist in Form einer Kleinarchitektur aus gelbem Sandstein errichtet. In der Mitte stützen zwei schwarze Säulen einen Architrav mit Giebel. Im Architrav ist die Inschrift „FAMILIE CASPAR SCHMELZER“ zu lesen. Links und rechts daneben sind die Verstorbenen aufgeführt. Im Mittelfeld befindet sich eine große Bronzetafel mit einem Flachrelief, einen schwebenden Engel darstellend, der eine aufgerollte Schriftrolle in der linken Hand hält, auf der die Namen von Maria und Caspar Schmelzer mit den Lebensdaten festgehalten sind. Die Bronzetafel wurde von Josef Engelhard aus München 1891 geschaffen. – Grabmal Familie Woerner: Das Grabmal der Familie Woerner fällt durch seine neugotische Gestaltung auf. Der altarähnliche Aufbau mit Sockelzone, einem von Doppelsäulchen gesäumten Mittelteil und dem Giebelaufsatz mit Krabbenbesatz und Obelisken wird den Bauunternehmern, die einen Steinbruch betrieben und Ende des 19. Jh. einige bedeutende Bauten im Stadtgebiet errichtet haben, gerecht. Franz und Roman Woerner sind hier in Aschaffenburg nicht begraben. Der Entwurf zu dem Grabmal stammt aber mit großer Wahrscheinlichkeit von ihnen.

Quelle:

Ina Gutzeit/Hauke Kenzler: Kreisfreie Stadt Aschaffenburg. Ensembles, Baudenkmäler, Bodendenkmäler (Denkmäler in Bayern. VI. Unterfranken, 71), München 2015, S. 64-66.

Kommentare

  1. Mit dem Satz „Dennoch wird darauf geachtet, die historischen Gaststätten zu erhalten, die für die Kulturgeschichte der Stadt sehr wichtig sind.“ sind in diesem Kontext wohl eher historische Grabstätten gemeint.

  2. Das Kriegerdenkmal auf Ehrenfriedhof hat im unteren Bereich die Form eines Kenotaphs, also eines Scheingrabes.

    Das führt zu der Frage, ob unter jedem der einheitlich gestalteten Grabdenkmäler tatsächlich auch die sterblichen Überreste des dort Geehrten begraben liegen, also ob und in wie fern es sich bei dem Ehrenfriedhof um einen Scheinfriedhof handelt.

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