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Die Wandmalereien im Großen Sitzungssaal von Herrmann Kaspar

Die flächendeckende Wandmalerei steht in der jahrtausendalten Tradition der Ausmalung von Sakral- und Repräsentationsräumen. Der Sitzungssaal umfasst eine Grundfläche von 145 m2.

Das um alle vier Wände laufende Gemälde hat eine Höhe von ca. 6m bei einer Gesamtlänge von rund 45m. Die vom Künstler gewählte Maltechnik mit einer Grundierung in Spachteltechnik und Bemalung mit Kunststofffarben (Acrylmalerei). Die Verwendung von Acrylfarben kam in den 1950er Jahren, beeinflusst durch die Pop-Art, in Mode und wurde dann vielfach in der Wandmalerei verwendet. Stilistisch steht die Malerei im Geist der 1950er und 1960er Jahre und weist viele Elemente der Zeit des deutschen Wiederaufbaus auf. Damit entspricht sie der Baugestaltung des Rathauses mit seiner eigenständigen Architektur zwischen Tradition und Moderne.

Die Wandmalerei ist eine aufeinander abgestimmte Abfolge von Flächen, Formen und Farben, in welche die Motive eigebettet sind. Die Motive treten plastisch vor den durch die Spachteltechnik bewegt wirkenden Hintergrund. Die Farbigkeit wirkt zurückhaltend und stellt das Geschehen im Raum in den Vordergrund. Die Regeln der Komposition überlagern oft die Motive, so dass sich nicht jede Darstellung, zumindest in der Nachbetrachtung, als Zeichen für ein Ereignis oder eine Eigenschaft deuten lässt. Die figürliche Darstellung ist im Regelfall eine plastische, gegenständliche, expressive Malweise. Die Motive und die Art der Gewänder knüpfen an den Idealismus des 19. Jahrhunderts mit in die Klassik verweisende, idealtypischen Darstellungen an und ist damit auch dem rekonstruierten klassizistischen Stil des ehemaligen Rathauses von 1790 verpflichtet. (Abb. 1)

Beschreibung der Bildmotive

Die Bildmotive haben überwiegend einen direkten Bezug zur Stadt Aschaffenburg.

Die Beschreibung beginnt thematisch mit der südwestlichen Wand und einem kleinen dazugehörenden Wandabschnitt links vom Haupteingang. Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf die umseitige Motivbeschriftung über der Gesamt-Bilddarstellung. Dargestellt sind auf diesem Abschnitt des Gemäldes Motive aus Handwerk, Gewerbe, Industrie und Landwirtschaft. Die erste bildliche Darstellung ist ein Steinmetz (Abb. 2), der mit einem Klüpfel und einem Meißel ein Werkstück bearbeitet. Als Architekturelement ist ihm eine Fensterrahmung mit Sprenggiebel zugeordnet. Weiter ist eine Steinfratze ähnlich den Fratzen an den Balkonen der Schlosstürme zu sehen. Das Motiv nimmt damit Bezug auf die Städtische Meisterschule für Steinmetze und Steinbildhauer, die damals beim Wiederaufbau des Schlosses nach den starken Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges eine wichtige Rolle spielte. Darunter steht ein Bierbrauer (Abb. 3) vor zwei Sudkesseln. Das spiegelt die Bedeutung der in den 1950er Jahren insgesamt fünf Brauereien im Stadtgebiet wieder. Anschließend folgt ein Chemiker (Abb. 4) vor einer Laborapparatur mit Rundkolben und einer Retorte in der Hand. Er ist ein Symbol für die umliegenden Chemiebetriebe.

Ein weiteres ausdruckstarkes Bild stellt zwei Gießereiarbeiter (Abb. 5.) beim Eingießen der Metallschmelze in eine Form dar, das auf die metallverarbeitenden Betriebe hinweist. Daran schließt sich ein Motiv für die Bekleidungsherstellung mit Anprobepuppe (Abb. 6) an. Die Szene symbolisiert die Herstellung von Bekleidung in den Standardgrößen, die der Aschaffenburger Kleiderfabrikant Johann Desch bereits im 19. Jahrhundert industriell eingeführt hatte. In den 1950er Jahren war Aschaffenburg ein Zentrum der Bekleidungsindustrie mit etwa 175 Kleiderfabriken und kleineren Fertigungsbetrieben.

Motiv 7 zeigt drei Figuren im Umgang mit Papierbahnen in den Farben Weiß, Schwarz und Braun. Es symbolisiert die industrielle Herstellung von Rollenpapier und die in Aschaffenburg damals bedeutende Papierindustrie. Zur Entstehungszeit des Wandgemäldes gab es drei Buntpapierfabriken und eine Weißpapierfabrik. Darunter zeigt ein Pfau (Abb. 8) in Rückansicht mit in den Raum gedrehtem Blick dekorativ seinen Kopfschmuck und die Schwanzfedern.

Der Abschluss dieses Zyklus bilden Forst- und Landwirtschaft sowie Weinbau (Abb. 9), die mit zwei Bäumen, einer Schnitterin mit Handsichel und drei Reibstöcken dargestellt sind. Die Sichel war schon in der Antike Symbol für die Landwirtschaft und ein Attribut der Göttin Demeter.

Die nördliche Hauptwand des Saales umfasst Symbole des Gemeinwesens Stadt. Die linke Seite bilden Motive, welche die Stadt als Stätte von Bildung, Wissenschaft und Kunst (Abb. 10) kennzeichnen. Die vier Figuren links oben an der Stirnwand beschäftigen sich mit dem Lesen und Schreiben und können als Symbol für den Bildungserwerb der Menschen gelten. Darunter mittig befindet sich eine sitzende junge Frau mit einem hellen, in Falten liegenden Gewand. Aus anderen vergleichbaren Darstellungen des Künstlers ergibt sich, dass es sich um die Allegorie der Arithmetik, der Zahlenlehre als Teilgebiet der Mathematik, handelt. Die Arithmetik war eine der sieben schon auf die Antike zurückgehenden freien Künste. Links darunter ist als Hinweis auf die bildenden Künste ein zeichnender Künstler darstellt. Diesem ist die Skulptur eines weiblichen Torsos zugeordnet. Darunter ist eine sogenannte Armillarsphäre, ein altes astronomisches Instrument, mit dem beispielsweise die Planetenbahnen dargestellt werden können, wiedergegeben. Das Instrument ist Symbol für den griechischen Gedanken der Ordnung des Himmelsgebäudes und damit der Wissenschaft der Astronomie. Rechts daneben ein Cellist und eine singende Frau, die mit der rechten Hand ein Stück Papier und mit der linken Hand eine Schreibfeder hält. In dieser Zusammensetzung verkörpern sie mit Musik, Gesang und Komposition die darstellende Kunst. Oben rechts (Abb. 11) schließen sich zwei Bürger an, die Wahlunterlagen und Stimmzettel studieren, ein dritter wirft einen Stimmzettel in eine Wahlurne. Die Szenerie stellt die Mehrheitswahl und damit die Demokratie als solche dar.

Das Motiv 12 stellt eine große Frauengestalt als Allegorie der Stadt Aschaffenburg dar. Sie wird von einem Mann mit einem über das Haupt gehaltenen Schild beschirmt und ist mit einer dreitürmigen Mauerkrone bekrönt, die das freie Bürgertum versinnbildlicht. In der Hand hält sie das stilisierte Stadtwappen Aschaffenburgs, eine rote Burg mit einem thronenden Bischof. Das Untergewand ist aus einzelnen Säulen mit schwarzem Schaft und einem langgezogenen kannelierten Kapitell zusammengesetzt. Dies kann als Symbol der von den Bürgern getragenen Stadtgemeinschaft gedeutet werden. An der rechten Seite der Stirnwand ist eine sich mit dem linken Arm anlehnende Figur (Abn. 13) zu sehen, deren Symbolik nicht klar zu erkennen ist. Sie beobachtet das Geschehen und könnte eine der mythologischen Schicksalsgöttinnen sein.

Darunter dargestellt ein Mainkahn (Abb. 14) mit einem Mann mit aufgestelltem Ruder, einem weiteren mit einem großen Fisch und einer Frau, die im Kahn liegend ein Fischernetz ergreift. Die Szene ist eine Allegorie des Maines als Lebensader der Stadt. Rechts darunter hat der Künstler mit „Hermann Kaspar 1964-1965“ signiert.

Die nordöstliche Wand des Saales einschließlich eines Teils der Eingangswand zeigt Szenen mit Ereignissen und Symbolen aus der Geschichte Aschaffenburgs. Der Mainzer Erzbischof und Kurfürst Friedrich Carl Joseph von Erthal (1719-1802) ließ Aschaffenburg als Zweitresidenz ausbauen. Dazu gehörte auch der im englischen Stil errichtete Landschaftspark Schönbusch (Abb. 15) mit dem dargestellten Tempel der Freundschaft. Er wurde von dem portugiesischen Architekten Emanuel Joseph von Herigoyen 1791 dem Vorbild des Pantheons, stark verkleinert als Parkarchitektur, nachgebildet. Der schmale Raum darunter wird mit zwei Graureihern als Dekorationselemente gefüllt.

Davor (Abb. 16) ist Carl Theodor von Dalberg (1744-1817) abgebildet, der in den Zeiten des politischen Umbruches zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Aschaffenburg regierte. Er war zunächst Erzbischof und Kurfürst von Mainz sowie Reichserzkanzler, nach dem Ende des Alten Reiches als Fürstprimas Regent des von Napoleons Gnaden geschaffenen Fürstentums Aschaffenburg und anschließend des Großherzogtums Frankfurt. Das Abzeichen an der Brust weist ihn als Mitglied des Domkapitels von Mainz aus. Rechts daneben ein Bote mit Horn und Tasche und einer Uniform nach der französischen Mode in der Zeit nach 1800, die offenkundig seine Verbundenheit mit Napoleon symbolisiert. Den Übergang zum nächsten Motiv (Abb. 17) gestaltet eine Staffagenfigur mit einer Draperie. Es zeigt Albrecht Kardinal von Brandenburg (1490-1545) mit seinem Hofkünstler Matthias Grünewald (um 1475/80-1528). Der Erzbischof und Kurfürst von Mainz, Inhaber vieler weiterer Ämter und Gegenspieler Luthers während der Reformation, der 1541-1545 von Aschaffenburg aus regierte, ist an seinem roten Gewand, das farblich auch Wandgestaltung ist, und dem Kardinalshut zu erkennen. Er wird auch durch sein Wappen ausgewiesen, das genau dem von Matthias Grünewald im Tafelbild „Beweinung Christi“ wiedergegebenen Wappen entspricht. Dieses Gemälde befindet sich in der dem Rathaus benachbarten Stiftskirche. Im darunterliegenden Fensterzwischenraum sind eine Ritterrüstung (Abb. 18) aus dem 16. Jahrhundert und aus etwa der gleichen Zeit zwei Stoßwaffen, Hellebarde (links) und Partisane (rechts), sowie eine Luntenschlossmuskete dargestellt. Rüstung und Waffen symbolisieren die Zeit des Mittelalters.

Am nächsten Fensterzwischenraum ist ein Lastkahn mit Segel und einem Schiffer (Abb. 19) dargestellt. Es werden Gartenerzeugnisse angelandet, erkennbar sind Salat, Knoblauchzopf, Blumenkohl, Rosenkohl, Gelbe Rübe, Wirsing und Kohlrabi. Die Szene verweist auf die Bedeutung der Stadt als Markplatz. Eine Draperie mit Frauenfigur trennt dieses Motiv vom nächsten. Darüber ist in dramatischer Bewegung und Farbigkeit der Brand des Schlosses Johannisburg (Abb. 20) nach den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg zu sehen. Links davon ist das Pompejanum erkennbar. Um die Ecke gezogen ist ein Maurer (Abb. 21) auf einem Baugerüst mit der Altstadt im Hintergrund zu sehen. Das Bild zeigt den Neubau des Rathauses 1956-1958. Als Abschluss (Abb. 22) ist dessen Bauherr Dr. Vinzenz Schwind (1910-1974), Oberbürgermeister von 1945-1970, mit seinem im Rathaus oft gesehenen Begleiter, dem Rauhaardackel „Hexe“ dargestellt.

Text: Bruno Geißel (nach: Die Wandmalereien im Großen Sitzungssaal des Aschaffenburger Rathauses, Flyer, 2016)

Fotos: Walter Vorjohann

 

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