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Wilhelm Wohlgemuth (1933-1945)

Nachdem sich Dr. Wilhelm Matt wegen schwerer Krankheit beziehungsweise großem politischen Druck vom Amt des Bürgermeisters verabschieden musste, rückte am 30. März 1933 Wilhelm Wohlgemuth auf seinen Platz nach und übernahm somit den Posten als Oberhaupt der Stadt während der Zeit des Dritten Reiches.

Geboren am 18. Dezember 1900 in Pfaffenhofen, durchlief Wilhelm Wohlgemuth die Gesamtschule und das humanistische Gymnasium. Nach seiner Schulzeit begann er in Scheßlitz seine Karriere in der Verwaltung, bis er 1918 in die Armee eingezogen wurde. Die letzten Kriegsmonate überstand er in Belgien, ohne schwerwiegende Verletzungen davonzutragen. Zwei Jahre später siedelte er nach Aschaffenburg um und arbeitete als Beamter im Finanzamt. Im Jahr 1923 heiratete er Maria Huber. Danach arbeitete er als Steuerberater.

Seine politische Karriere begann mit seinem Eintritt in die NSDAP am 10. März 1926. In der Partei erlebte er einen raschen Aufstieg: Er wurde zum Kreisleiter der NSDAP ernannt, in den Aschaffenburger Stadtrat eingezogen und 1932 zum Abgeordneten im bayerischen Landtag gewählt. Am 30. März trat Wohlgemuth als erster kommissarischer Bürgermeister sein Amt an. Als er dann am 19. Mai 1933 zum offiziellen Oberbürgermeister ernannt wurde, hatte er nebenbei immer noch das Amt des Kreisleiters und außerdem das des Untersturmführers der SS inne. Den abgeschlossenen Dienstvertrag erhielt Wilhelm Wohlgemuth am 27. November gleichen Jahres.

Am 26. März 1940 meldete Wilhelm Wohlgemuth sich freiwillig für den Wehrdienst und erhielt für seine Anteilnahme am Frankreich-Feldzug das Eiserne Kreuz II. Klasse. Drei Jahre später wurde er aufgrund seines „Einsatzes in Amt und System“ vom bayerischen Reichsstatthalter zum Oberbürgermeister auf Lebenszeit berufen.

Schon ein Jahr nach dieser Ehrung, am 1. April 1944, wurde Wohlgemuth wegen Überforderung und „ungünstiger politischer Verhältnisse“ für die restliche Kriegszeit abberufen und von seinem Amt beurlaubt, woraufhin er sich seiner Parteidienststelle widmete. Dabei demonstrierte er seinen ungebrochenen Glauben an den Endsieg mit Durchhalteparolen an seine Parteigenossen.

Als der Krieg sich dem Ende neigte, erkannte Wilhelm Wohlgemuth die hoffnungslose Lage der Stadt, nachdem ihm Major Emil Lamberth von der Übergabe der Stadt an die Amerikaner berichtete. Zwei Monate nach dieser Nachricht startete Wohlgemuth einen Fluchtversuch, wurde aber bereits fünf Tage später verhaftet. Zu dieser Zeit ist Wilhelm Wohlgemuth aller seiner Hoffnungen beraubt, das Dritte Reich ist untergegangen.

Während der Gerichtsprozesse nach dem Krieg wurde Wohlgemuth als Betroffener der Gruppe II zu 4 Jahren Sonderarbeit mit 3 Jahren angerechneter Inhaftierungszeit und einer Abgabe von 500 DM an Wiedergutmachungsfonds verurteilt. Darüber hinaus erhielt er ein lebenslanges Verbot öffentliche Ämter auszuführen. Seinen Lebensabend verbrachte er, nach einer fehlgeschlagenen Klage auf Rente, als Steuerberater. Verstorben ist Wilhelm Wohlgemuth am 6. April 1978 im Alter von 77 Jahren.

Während seinen 12 Jahren Amtszeit bewirkte er Folgendes: die Besiedelung Nilkheims und damit eine Ausweitung der Stadt am linken Mainufer, die Planung der Strietwaldsiedlung, der Beginn eines städtischen Omnibusverkehrs sowie den Bau des Stadtbads und der Jugendherberge. Als Oberbürgermeister zur Zeit des Dritten Reiches war er eine leicht lenkbare Schachfigur in den Händen seiner Herren.

 

Ereignisse während der Amtszeit:

  • April 1933: Auflösung des Stadtrates
  • April 1933: Neue Zusammensetzung des Stadtrates (20 von 24 Plätze an rechte Parteien, 4 von 20 Sitzen an Sozialdemokraten)
  • Eine der ersten Amtshandlungen Wilhelm Wohlgemuths: Reichspräsident Paul von Hindenburg, Reichskanzler Adolf Hitler und Reichsstatthalter von Bayern Franz Ritter von Epp wurden zu Ehrenbürgern der Stadt Aschaffenburg ernannt
  • Juli 1935: judenfeindliche Ausschreitungen im Schwimmbad Heigenbrücken, nachdem sich der Bademeister weigerte die Anwesenden Juden hinauszuwerfen, erwirkte Wilhelm Wohlgemuth einen offiziellen Beschluss

 

Quelle:

Stadtoberhäupter. Bürgermeister und Oberbürgermeister in Aschaffenburg, von Carsten Pollnick/Susanne von Mach, Aschaffenburg 2020, S. 56-61.

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