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Treibgasse

Die Treibgasse beginnt an der Herstallstraße, verläuft in nordwestlicher Richtung und mündet in den 1992 geschaffenen St.-Agatha-Platz. Im Straßennetz der Stadt nahm die Gasse früher eine untergeordnete Funktion ein, sie diente der Erschließung der Wirtschaftshöfe in Stein- und Strickergasse. Noch bis in die Nachkriegszeit hatte sie die Funktion der Andienungsgasse, da sich hier die Zufahrten zu Mälzereien und Anwesen befanden. Der Name der Treibgasse wird damit begründet, dass hier entlang zu Zeiten, als noch eine große Zahl der Stadtbewohner Landwirtschaft betrieb, das Vieh aus der Stadt auf die Weiden am Mainufer getrieben wurde. Aus einer Urkunde vom Beginn des 18. Jh. ist die Bezeichnung „Vietrieb“ überliefert. Die Gasse wurde aber erst seit der 2. Hälfte des 19. Jh. durchgehend als Treibgasse bezeichnet, denn im Katasterplan von 1846 wird der Abschnitt zwischen Herstallstraße und der Einmündung der heutigen Entengasse „Nebenherstallgasse“ genannt. In einem Entwurf des Landesvermessungsamtes München von 1846 zu diesem Katasterblatt heißt dieses Teilstück noch „Judengasse“. Diese Bezeichnung kommt daher, da in diesem Gebiet eine Ansiedlung von Juden nachweisbar ist. Noch heute befindet sich in Haus Nr. 20, dem ehem. Rabbinergebäude, das Jüdische Dokumentationszentrum. Weder ihr Alter noch ihre ehem. Funktion ist der heute zur Fußgängerzone ausgebauten Gasse noch anzusehen. Außer den Einzeldenkmälern ist von der Altsubstanz der Treibgasse nicht mehr viel erhalten.

Treibgasse 7

Auf dem von der Treibgasse bis zur Steingasse reichenden großen Grundstück befand sich nachweislich bereits am Anfang des 14. Jh. eine „Zum Grasmann“ genannte Stiftskurie. 1456 war Hamann Echter II. von und zu Mespelbrunn Eigentümer des Anwesens, welches er zuvor rechtmäßig erworben haben muss. Das Anwesen blieb bis 1927 im Besitz der Echter bzw. der Ingelheimer, die seit 1698 die Nachfolge des Adelsgeschlechts angetreten hatten. Es wird daher noch heute als „Echterhaus“ oder „Ingelheimer Hof“ bezeichnet. Über der Hofeinfahrt des Anwesens ist das Ehewappen von Peter Echter III. (1520–1576) und Gertraud von Adolzheim (1525–1583) gemeinsam mit der Jahreszahl 1570 zu sehen, weshalb angenommen wird, dass das Paar die Bauherren der Renaissanceanlage waren. Der Hof diente der Adelsfamilie wohl als Stadtsitz in der Nähe der Sommerresidenz der Mainzer Kurfürsten. Im Erdgeschoss des zweigeschossigen Gebäudes waren Ställe für Pferde, Unterstände für Wagen sowie Wirtschaftsräume und Wohnstuben für Gesinde untergebracht, während sich im Obergeschoss die herrschaftlichen Wohn- und Schlafräume befanden. Ursprünglich war das Gebäude teilunterkellert, der Keller wurde jedoch Ende des 19. Jh. verfüllt. 1804 erfolgten Umbauten im Innern, bei denen wahrscheinlich die ursprünglichen hölzernen Unterzüge der Ställe durch Wände ersetzt und Treppe und Küche verlegt wurden. 1874 hat man die Fenster der Fassade zur Treibgasse, darunter ein spitzbogiges, vergrößert. 1927 wurde das Anwesen an den Frauenorden der Englischen Fräulein veräußert, die dort einen Kindergarten einrichteten. Im Zweiten Weltkrieg wurde die südwestliche Frontmauer im Obergeschoss und am Giebel durch Luftdruck aufgerissen, Granaten richteten Schäden am Dach, an der südöstlichen Mauer und den Innenwänden an, außerdem wurden sämtliche Fenster und Türen zerstört. Trotz der erheblichen Zerstörungen konnte der Kindergarten bereits 1945 wieder eröffnet werden. 1974–76 fand eine durchgreifende Sanierung des Gebäudes statt. Es wird bis heute als Kindergarten genutzt, der seit 1961 von der katholischen Kirchenstiftung St. Agatha betrieben wird. Bei dem im Kern aus dem 16. Jh. stammenden Gebäude handelt es sich um den einzigen in Aschaffenburg erhaltenen adeligen Stadthof einer ritterlichen Familie.

Treibgasse 19

1803 kaufte der Vizedomamtsregistrator Dr. Franz Josef Merz das ehem. Gartengrundstück gegenüber dem Vizedomamt Treibgasse 28, auf dem sich bis dahin nur die zum Vizedomamt gehörige Scheune befand, und errichtete dort ein neues Wohnhaus, bei dessen Planung er sich von Emanuel Joseph von Herigoyen und Landbaumeister Wolfgang Streiter beraten ließ. Das Gebäude wurde 1807 durch Überbauung der Hofeinfahrt in der Treibgasse an dieser Seite verlängert. Friedrich Kitz, welcher 1861 die Konzession zum Handeln von Wein erhalten hatte, erwarb das Anwesen 1863. Es bestand zu dieser Zeit aus dem unterkellerten Wohnhaus mit Einfahrt, Fasshalle, Stall und Hofraum. Der Weinhändler nutzte die Keller und baute die Fasshalle und die Scheune für seine Zwecke um. 1885 wurde die Fassade des Hauses nach Plänen von Hermann Reichard umgestaltet. Sie erhielt an den Gebäudekanten genutete Lisenen; die Obergeschossfenster wurden mit Brüstungsfeldern und einer geraden Verdachung versehen. Während des Zweiten Weltkrieges beschädigten Luftdruck und Artillerie im November 1944 das Dach, die Kamine, Fenster und Türen des Hauses; Decken und Wände wurden durchschossen. Nach rascher Behebung der Kriegsschäden konnte die Weinhandlung 1950 wieder eröffnet werden und ist bis 1986 durch gehend als Familienbetrieb geführt worden. Seither wird in dem von Friedrich Kitz erworbenen Gebäude kein Wein mehr gehandelt, sondern nur noch ausgeschenkt. Der zweigeschossige, zweiflügelige Walmdachbau mit Fachwerkobergeschoss wurde an der stumpfwinkligen Ecke von Treibgasse und Agathaplatz errichtet. Jeder Flügel ist fünf Achsen breit. Der ursprünglich an der Treibgasse gelegene Eingang befindet sich seit dem Umbau 1999 in der Mittelachse der Fassade zum Agathaplatz und ist über eine zweiläufige Treppe erreichbar. Die Gebäudekante ist abgeschrägt, die Fassaden sind jeweils mit einer (ehemals genuteten) Lisene begrenzt. Zwischen 1. und 2. Obergeschoss verlief ein Gurtgesims, welches bei den Instandsetzungsarbeiten nach dem Krieg nicht wieder hergestellt wurde.

Treibgasse 20

Auf dem Gelände der ehem. Judenschule (bis 1870) in unmittelbarer Nachbarschaft der alten Synagoge (bis 1887) wurde 1898 mit dem Bau eines neuen Rabbinatsgebäudes begonnen. Den Neubau entwarf der Architekt A. Fröhliger, die Bauausführung oblag der Firma Adam Schneider. In dem Gebäude befanden sich die Wohnung des Bezirksrabbiners, Räume für jüdischen Religionsunterricht und ein Tauchbad. Nach der Brandstiftung der neuen Synagoge in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 diente das Gebäude der jüdischen Gemeinde für die Gottesdienste. Dann wurde es für einen NS-Kindergarten beschlagnahmt und die jüdische Gemeinde vertrieben. Während des Krieges entstanden durch Luftdruck nur leichte Schäden an Dach und Fenstern des Gebäudes, welches seit 1950 Eigentum der Stadt war und bis zur Fertigstellung des neuen Rathauses unterschiedlichen städtischen Ämtern als Domizil diente. Bevor das Haus 1983 per Stadtratsbeschluss als Ort für eine Dauerausstellung zur Geschichte der ehem. jüdischen Gemeinde in Aschaffenburg von der ersten Erwähnung einer jüdischen Schule im Jahr 1267 bis zur Zeit der Verfolgung im Nationalsozialismus bestimmt wurde, diente es den Englischen Fräulein als Klassenraum, dem Stadt- und Stiftsarchiv als Depot sowie der Sparkasse als Büro. Die wechselnden Nutzungen hatten zu Schäden an der Bausubstanz des Hauses geführt, die 1983 bei einer grundlegenden Sanierung unter Leitung des Darmstädter Architekten Prof. Philipp Economou beseitigt wurden. Der zweigeschossige Bau mit historistischer Fassade aus Architekturelementen aus rotem Mainsandstein und einer Verkleidung mit gelben Backsteinen erhebt sich über einem Sockel aus rustizierten Sandsteinquadern. Die Gebäudekanten sind mit einer Eckquaderung betont. Ein hohes Mansarddach schließt das Gebäude ab.

Die Fenster des Erdgeschosses sind breit und korbbogig gestaltet, die des 1. Obergeschosses sind rundbogig und auf der zur Entengasse gerichteten Fassade gekuppelt und mit einem geraden Sturz mit Zahnfries versehen. Brüstungsfelder unter den Fenstern, im Obergeschoss mit gotisierendem Blendmaßwerk, verleihen dem Gebäude einen herrschaftlichen Anspruch. Zwischen den beiden Geschossen verläuft ein leicht vorkragendes Gurtgesims. Die vertikale Gliederung geschieht zusätzlich durch umlaufende Sohlbänder und im Erdgeschoss durch ein Band in Kämpferhöhe. Die mittlere der drei Achsen an der Hauptfassade ist im Bereich des Mansarddaches mit einem Zwerchgiebel bekrönt. Das mittlere Obergeschossfenster ist zusätzlich mit einem gesprengten Giebel, in dessen Mitte eine Kartusche mit Rollwerk und Davidstern angebracht ist, versehen. Die reich gegliederte Fassade zeigt ein typisch historistisches Gemisch aus Stilelementen verschiedener Kunst- und Architekturstile. Das gotisierende Blendmaßwerk in den Fensterbrüstungen tritt neben Formengut der Renaissance (Kartusche mit Rollwerk) gleichzeitig auf und verschmilzt zu einem Gesamteindruck.

Treibgasse 24

Das auf den ersten Blick wie ein Schulhaus wirkende, zweigeschossige Gebäude wurde 1865 nach Plänen des Bauingenieurs Carl Wetter gegenüber dem Ingelheimer Wohnhaus in dem dazugehörigen Garten traufständig als Rentamt und Wohnhaus für Ingelheimer Beamte errichtet. Ausgeführt wurde der Bau von Maurermeister Franz Schmelz. Außer dass dem Gebäude 1900 ein eingeschossiger Anbau für eine Waschküche angefügt wurde, sind bis zu den einschneidenden Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg keine baulichen Änderungen vorgenommen worden. Eine Sprengbombe traf am 12. Dezember 1944 die rückwärtige Außenmauer, wobei das Treppenhaus zerstört wurde. Außerdem kam es an Dach, Fenster und Türen zu Schäden. Noch 1945 wurden die beschädigte Rückwand ausgebessert, die Zwischenwände instand gesetzt, der kaputte Putz wieder hergestellt, das Dach eingedeckt, die elektrische Lichtanlage sowie Wasserleitungen und sanitäre Anlagen repariert, sodass in dem Gebäude vorübergehend einige Dienststellen der Stadt untergebracht werden konnten. 1979 wurde das Gebäude von der Dresdner Bank erworben, die 1983 einen Abbruchantrag einreichte, der jedoch vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege abgelehnt wurde. Die Stadt hat das Gebäude 1986 erworben und 1987 einer Sanierung unterzogen. Dabei wurden die Zwischenwände z.T. verschoben, der Kamin neu aufgeführt und das Dach komplett erneuert. Am Außenbau wurden keine baulichen Änderungen vorgenommen. So zeigt sich der Bau äußerlich heute noch in der Gestalt, wie er 1865 errichtet worden war. Der frei stehende, zweigeschossige Satteldachbau weist traufständig mit der Hauptfassade zur Treibgasse. Die Giebel sind beide als Schildgiebel ausgebildet. In der Mitte ist ein Querbau eingeschoben, der auf der Hauptfassade nur als Zwerchgiebel in Erscheinung tritt, auf der rückwärtigen Seite aber deutlich vorsteht und mit einem Schildgiebel abschließt. Das gesamte Gebäude ist verputzt. Sockel, Fensterrahmungen und Traufe sind aus rotem Mainsandstein gefertigt. Von den sieben Fensterachsen der Hauptfassade befinden sich die beiden äußeren in einer eingetieften Blende, dabei sind die Obergeschossfenster im Bereich dieser Blende gekuppelt. Alle Fenster der Hauptfassade sind stichbogig abgeschlossen und mit einer Sandsteinrahmung versehen. Die Giebelseiten haben nur im Dachbereich ein Fenster, welches von drei schmalen Blendfenstern flankiert wird. Der das Treppenhaus aufnehmende Querbau verfügt über eine Dreierfenstergruppe in einer eingetieften Blende. Auf der südlichen Giebelseite befindet sich außerdem zwischen Erd- und Obergeschoss eine rundbogige Nische mit einer Sandsteinkonsole; eine Figur ist nicht überliefert. Das Gebäude ist teilunterkellert und enthält wohl im Erdgeschoss noch Teile der Bausubstanz des Vorgängerbaus. Erschlossen wird das Gebäude über den Eingang und das Treppenhaus auf der Rückseite. Die Innenaufteilung folgt einer einhüftigen Erschließung, der Gang liegt auf der rückwärtigen Seite, die Zimmer sind zur Straße ausgerichtet.

Quelle:

Ina Gutzeit/Hauke Kenzler: Kreisfreie Stadt Aschaffenburg. Ensembles, Baudenkmäler, Bodendenkmäler (Denkmäler in Bayern. VI. Unterfranken, 71), München 2015, S. 181-183.

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