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Schloßgasse 8 – Stadttheater

Das Stadttheater wurde während der Regierungszeit Carl Theodor von Dalbergs Anfang des 19. Jh. im ältesten Siedlungsgebiet der Stadt im Innenhof eines ausgedehnten Renaissanceanwesens errichtet. Hier war in der 2. Hälfte des 16. Jh. während der Amtszeit des Vizedoms Hartmut von Kronberg (1578–1598) anstelle einer urkundlich überlieferten Hofanlage des 14. Jh. eine repräsentative Dreiflügelanlage mit drei zur Schloßgasse gerichteten Volutengiebeln errichtet worden. Dieses Anwesen erwarb 1715 Kardinal Damian Hugo von Schönborn mit der Absicht, es einer neu gegründeten Kommende des Deutschen Ordens zur Verfügung zu stellen. 1734 ließ er für diese an der Grenze zum heutigen Karlsplatz einen zweigeschossigen Neubau mit Stallungen im Erdgeschoss und Wohnungen im Obergeschoss errichten. Dieser Bau begrenzte gemeinsam mit der städtischen Zehntscheune das Areal der Ordensniederlassung in der Art, dass ein großer Innenhof entstand, in dem einige Jahrzehnte später der Bau des Theaters erfolgte.

Da Aschaffenburg mit der Eroberung der Stadt Mainz 1792 durch französische Revolutionstruppen zum ständigen Regierungssitz der Kurfürsten von Mainz wurde, kamen Minister, Regierungsräte, Juristen und Geistliche in die Stadt. Dies beförderte den Bau des Theaters, da die Mainzer Hof- und Bildungselite nach kultureller Unterhaltung verlangte. Emanuel Joseph von Herigoyen, Architekt des Kurfürsten Friedrich Carl Joseph von Erthal und späterer Stadt- und Landbaumeister unter Carl Theodor von Dalberg, erarbeitete 1803 einen ersten Vorschlag zum Theaterbau, der zwar Zustimmung beim Landesherrn fand, aber wegen der noch offenen Frage des Bauplatzes aufgeschoben wurde. 1805 einigte man sich auf das dem Schloss gegenübergelegene Gelände des Marstalls. Der Neubau kam hier jedoch nie zur Ausführung. 1809 war es die „Casino- und Lesegesellschaft“, ein Bildungs- und Gesellschaftsverein, der auf der Suche nach einem geeigneten Lokal für seine Veranstaltungen im März 1810 das „Deutsche Haus“ ersteigerte. Die Aktionäre verpflichteten sich mit dem Erwerb zum Errichten eines 1000 Zuschauer fassenden Theaters. Carl Theodor von Dalberg seinerseits unterstützte den Theaterbau mit jährlich 3500 Gulden aus den Erträgen des Nilkheimer Ökonomiehofes für die Dauer von neun Jahren. Der Planverfasser des ausgeführten Theaters ist nicht überliefert. Angenommen wird ein Mitglied der Frankfurter Handelsfamilie Tabor, möglicherweise Johann August Tabor (1731–1814), der als Pächter und später als künstlerischer Leiter des Frankfurter Comödienhauses Erfahrung im Theaterwesen hatte.

Die Bauausführung oblag dem Frankfurter Maurermeister Friedrich Samuel Susenbeth. Am 4. November 1811 wurde das „Großherzoglich privilegierte Theater“ mit einem Schauspiel und ein Jahr später der südlich an die Bühne anschließende, auf den Grundmauern des 1734 erbauten Rückgebäudes der Kommende des Deutschen Ordens errichtete Deutschhaussaal eröffnet. Als Carl Theodor von Dalberg Aschaffenburg 1814 verließ und die Stadt zum Königreich Bayern kam, endete die erste kurze Glanzzeit des Theaters wohl vor allem, weil die Subventionen wegfielen. Ab 1828 wurde Alois Dessauer durch Ausbezahlung der Mitaktionäre alleiniger Eigentümer des „Deutschen Hauses“ und betrieb zeitweilig seine Buntpapierfabrikation in Teilen des Hauses. Nach dessen Tod 1850 wurde die Fabrik von seinen Erben in die Goldbacher Straße verlegt, woraufhin die Stadt das „Deutsche Haus“ erwarb. Das nun als „Stadttheater“ geführte Haus wurde umgebaut und renoviert, einige Räume später von der Frohsinngesellschaft genutzt und z. T. als Ausweichklassenräume für Schulen verwendet sowie für den Unterricht der Musikschule angemietet. Die südöstlich des Gebäudes stehende Zehntscheune wurde 1873 für die Unterbringung von Theaterkulissen umgebaut und blieb bis zu ihrer Zerstörung 1944 in dieser Nutzung bestehen. Seit Errichtung des Theaters 1811 wurde das Gebäude häufig saniert und teilweise umgebaut. Viele Arbeiten zielten auf technische Verbesserungen und Modernisierungen für den Theaterbetrieb und einen verbesserten Brandschutz. 1892 wurde der Orchestergraben überbrückt, sodass eine Verbindung zwischen Deutschhaussaal und Theaterraum entstand, was z.B. für Bälle zu Fasching genutzt wurde. Am 27. Oktober 1944 durch eine Luftmine und im Januar 1945 durch Brand schwer beschädigt, wurde nach dem Krieg sogar der Abbruch des Theaters erwogen. Dank Gründung einer „Gesellschaft der Theater- und Musikfreunde Aschaffenburg e.V.“, in der sich Bürger für ihr Theater durch finanzielle Unterstützung engagierten, konnte der Bau gesichert und unter schwierigen Bedingungen wieder aufgebaut werden.

1959/60 fand eine umfassende Restaurierung statt, die Zuschauerraum, Deutschhaussaal, Künstlergarderobe, Außenfassade und das Dach betraf. Außerdem wurde an der Schloßgasse ein Eingangsbereich mit Foyer geschaffen. Ziel der Restaurierung war es, das Theater, soweit möglich, in den vermeintlich bauzeitlichen Zustand zurückzuführen. Für den Zuschauerraum nutzte man vorrangig die Farben Beige und Taubenblau. Diese Raumfarbigkeit stellte jedoch eine farbliche Neukonzeption dar, die die „damaligen Vorstellungen von Klassizismus mit nachempfundener klassizistischer Dekorationsmalerei mit den damaligen, vom Bauhaus geprägten Gestaltungsprinzipien im Sinne einer ,schöpferischen Denkmalpflege‘ kombinierte.“ Der im 19. Jh. als Redoutensaal für gehobene Veranstaltungen genutzte Deutschhaussaal, der seit einem Umbau für Feste und Bälle mit der Bühne und dem Parkett zu einer Fläche zusammengeschlossen werden konnte, wurde nach dem Krieg aufgegeben; heute wird er als Hinterbühne und Kulissenraum genutzt.

Baubeschreibung:

Da das Theater in den Innenhof des Deutschordenshauses integriert und mit den vorhandenen Bauten verbunden worden war, weist es nur zum Karlsplatz eine baukünstlerisch gestaltete Fassade auf. Diese ist fünf Achsen breit, die mittleren drei treten in Form eines Risalits leicht hervor, der von einem Giebel bekrönt wird. Im Erdgeschoss sind fünf schmale rundbogige Fenstertüren mit Klappläden über zwei Stufen erreichbar. Über ihnen verläuft ein eingetiefter Fries mit Malerei, die eine von Chimären flankierte Harfe mit Blattwerk darstellt. Über einem Doppelgesims folgt ein Mezzanin mit halbrunden Fenstern. Ein kräftiger Zahnfries unter der Traufe schließt die Fassade ab.

Zur Schloss- und zur Theatergasse blieben die Fassaden des als „Kronberger Hof“ errichteten Anwesens aus dem 16. Jh. zunächst unverändert. So bestand bis zur Zerstörung 1944 die Fassade zur Schloßgasse aus einem zweigeschossigen, 16 Achsen langen Flügel mit rückwärtigen kurzen Seitenflügeln. Zur Gasse zierten den Bau drei geschwungene Volutengiebel, die an den Giebelseiten der Seitenflügel und in der Mitte über der ehem. Einfahrt in den Hof angeordnet waren. Seit Errichtung des Theaterbaus diente der Renaissancebau als Eingangshalle und Foyer. Bis auf die Kellergewölbe und den nördlichen der beiden Seitenflügel entlang der Theatergasse wurde dieser Bau im Krieg zerstört. 1960 errichtete man über den erhaltenen Grundmauern das oben erwähnte eingeschossige Foyer. Durch ein steiles Walmdach erkennbar, ist das Theater ein hoher rechteckiger Baukörper, in dem sich Zuschauerraum und Bühne befinden. Der zunächst als Logentheater gestaltete Zuschauerraum, der gegen die Bühne nicht wie in der Regel üblich durch Proszeniumslogen abgesetzt ist, wurde mit der Sanierung 1872–75 zum Rangtheater umgebaut. Anstelle der Logenwände tragen seither gusseiserne Stützen die beiden Ränge. Der erste Rang bildet gegen den Zuschauerraum eine gebauchte Brüstung aus, die Brüstung im zweiten Rang ist vertikal. Mit Ausnahme der genannten Umbaumaßnahme Ende des 19. Jh. hat der Zuschauerraum nur geringe architektonische Veränderungen erfahren. Während er in seiner baulichen Substanz die klassizistische Situation widerspiegelt, wurde die Farbgestaltung mehrfach vollständig verändert. Bei den Restaurierungen von 1872–75, 1909–10, 1928 und 1959–60 handelt es sich jeweils um dem Zeitgeschmack geschuldete, ästhetisch motivierte Neudekorationen. Die farbliche und ornamentale Gestaltung des Raumes der Erbauungszeit konnte restauratorisch nicht ermittelt werden. Bei der letzten Sanierung wurde daher in Anlehnung an die Farbigkeit der späten 1920er Jahre der Zuschauerraum in einer weiß-grauen Farbigkeit mit Vergoldung von Zier- und Rahmenleisten unter Beibehaltung der Dekorationsmalerei von 1959/60 neu gefasst.

Das Äußere des Theaters war nach dem Krieg geprägt von der Behelfsfassade der 1950er Jahre (die Fassade zum Karlsplatz wurde 1975 rekonstruierend wieder hergestellt). Der Bau hatte aufgrund seiner Entstehungsgeschichte weder zur Schloßgasse noch zu dem durch die Zerstörungen des Krieges entstandenen Platz an der Dalbergstraße eine gestaltete Fassade. 1995 lobte die Stadt einen Wettbewerb zur Neugestaltung der Theaterfront und des Theaterplatzes aus, die mit der Erweiterung und dem Neubau des Foyers auch entlang der Schloßgasse zwischen 2008 und 2011 gemeinsam mit der durchgreifenden Restaurierung des Zuschauerraumes umgesetzt wurde. So ist der vor 1945 nicht existierende Theaterplatz Ausdruck der Stadtentwicklung nach den einschneidenden Ereignissen des Zweiten Weltkrieges. Das Aschaffenburger Stadttheater war wie viele kleinere Theater des 19. Jh. im deutschsprachigen Raum von einer Aktiengesellschaft gegründet und betrieben worden, ging aber vergleichsweise früh in städtischen Besitz über. Architektonisch nimmt es innerhalb der Theaterbauten jener Zeit eine Sonderstellung ein. Während die meisten Bauten stadtbildprägend mit einer oder mehreren repräsentativen Fassaden von der wirtschaftlichen und kulturellen Potenz der Bauherren kündeten, war das Theater in Aschaffenburg in einen bestehenden Bau integriert und kaum sichtbar. Einzig die erwähnte rückwärtige Fassade zum Karlsplatz, der infolge des Theaterbaus, der Errichtung des Ballsaals des Casinos (Bachsaal) und des Gebäudes des „Beobachters am Main“ (später Mainecho) an der Stelle des ehem. Rübenhofgartens entstand, zeigt einen repräsentativen Anspruch. Die neue, von der Arbeitsgemeinschaft Scheffler und Partner gestaltete Fassade zum neuen Theaterplatz umschließt den historischen Baukörper mit einer modernen, stilistisch der Gegenwartsarchitektur verpflichteten Glas-Stahl-Fassade, die auch das Foyer der 1950er Jahre um ein Obergeschoss überbaut. Die Rekonstruktion eines Renaissancegiebels an der Schloßgasse wurde von den „Aschaffenburger Altstadtfreunden“ gefordert und finanziert.

Quelle:

Ina Gutzeit/Hauke Kenzler: Kreisfreie Stadt Aschaffenburg. Ensembles, Baudenkmäler, Bodendenkmäler (Denkmäler in Bayern. VI. Unterfranken, 71), München 2015, S. 122-125.

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