Skip to content

Kindheit in Aschaffenburg – Eine jüdische Familie in Aschaffenburg

Kindheit in Aschaffenburg – was bedeutet das? Woran erinnern sich die Aschaffenburger*innen, wenn sie an ihre Kindertage zurückdenken? Welche Orte, Personen und Ereignisse sind bis heute in der Erinnerung präsent? Diesen Fragen ist die Ausstellung „Kinder- und Jugendzeit in Aschaffenburg“ im Jahr 2010 nachgegangen.

Einige der eingereichten Erzählungen und Bilder werden nun hier erneut präsentiert.

 

In diesem Beitrag erzählt Wera Schröner (1925-2019) aus ihrer Kindheit.

Meine deutsch-jüdischen Eltern – Elsa Bertha Fischer-Ginsburg und Heinrich Fischer – hatten sich auf der Hans-Hofmann-Kunstschule in München kennen gelernt. Nach ihrer Heirat wollten sie nach Brasilien auswandern, sie kehrten jedoch nach einem mehrmonatigen Auslandsaufenthalt zurück und zogen 1924 nach Aschaffenburg. Ich war schon unterwegs, als sie in der Jägerkaserne eine kleine, billige Wohnung bekamen: Küche und zwei Zimmer, Toilette im Gang für mehrere Familien; Bäder gab es damals in den wenigsten Wohnungen. In dieser kleinen Wohnung bin ich auf die Welt gekommen.

Meine Mutter hatte keine Ahnung vom Haushalt. Zu Hause bei ihren Eltern musste sie nichts tun; sie hatten immer Hausangestellte, Dienstmädchen und Köchin. Meine Mutter lebte nur für ihre Malerei und ihre Familie. Das war natürlich besonders schwierig für sie, als sie bettelarm war, sechs Kinder hatte und der Mann kein Geldverdiener war. Vor der Nazizeit war mein Vater als städtischer Angestellter des Stiftsmuseums beschäftigt. Meine Mutter hat mit privaten Aufträgen, vor allem Porträts, Geld dazu verdient, wir waren nicht sehr begütert, aber ich habe das als Kind nicht so empfunden. Meine Mutter hat uns immer gut ernährt.

Meine zwei Jahre ältere Schwester Sefa war außergewöhnlich intelligent. Sie muss 1934 mit zehn Jahren auf die höhere Schule gewechselt sein. Damals durften Halbjuden noch aufs Gymnasium gehen. Das Problem war nur das Geld. Meine Eltern hätten volles Schulgeld zahlen müssen, obwohl wir damals schon vier Kinder waren und in der Nazizeit alle Kinderreichen entweder kein Schulgeld oder nur die Hälfte bezahlen mussten. Je größer der Kinderreichtum war, umso weniger musste man bezahlen. Für uns als Halbjuden bekamen meine Eltern natürlich kein Kindergeld. Mein Vater arbeitete als einfacher Schlosser in der Güldner und verdiente 35 Mark in der Woche. Tante Sabine und Onkel Moritz unterstützten uns zwar ein bisschen, aber trotzdem hätte man von dem Verdienst nicht auch noch 20 Mark Schulgeld für jedes Kind bezahlen können.

Mit Hilfe des freundlichen Pfarrers der Dammer St.-Josefs-Pfarrei, Herrn Dr. Pfeiffer, erreichte mein Vater, dass Sefa bei den Englischen Fräulein – das war eine Privatschule – als eine Einserschülerin ohne Schulgeld aufgenommen wurde. Als ich dann ein Jahr später an die Reihe kam, haben die Schulschwestern gezögert, weil ich nicht so gute Noten hatte. Ich bin dann erst ein Jahr später zu den Englischen Fräulein gegangen, und auch mir wurde das Schulgeld erlassen. Als freundliche Geste gegenüber den Nonnen wurden Sefa und ich 1936 getauft und gingen anschließend gleich zur Ersten Kommunion – auch meine beiden Brüder David und Ernst wurden bei dieser Gelegenheit in die Gemeinschaft der katholischen Christen aufgenommen. Zwei Jahre später wurde die Schule von der Stadt übernommen, damit gab es keine Schulgeldbefreiung mehr für uns. Sefa hat sich daraufhin mit Nachhilfestunden das Schulgeld verdient. Dazu war ich nicht imstande.

Meine Eltern überlegten selbstverständlich auch auszuwandern. Dr. Pfeiffer verschaffte meinen Eltern Kontakt zum katholischen Raffael-Verein, der alle Kosten einer Auswanderung übernehmen würde. Einzige Voraussetzung dafür wäre ein Bürge. Mein Vater schrieb seinem nach Amerika ausgewanderten Bruder und bat ihn, die Bürgschaft zu übernehmen. Er hat jedoch abgelehnt!

Bis 1943/44 wohnten wir in der Schillerstraße. Als dann immer mehr Bomben fielen, brachte mein Vater meine beiden jüngsten Schwestern und meine Mutter auf die Weiberhöfe. David und Ernst wurden Ende 1944 nach Rositz/Thüringen in ein Zwangsarbeiterlager deportiert. Wir, mein Vater, Sefa und ich, blieben in Aschaffenburg. Tagsüber haben wir gearbeitet, abends gingen wir zum Schlafen in den Keller der Aktienbrauerei. Bis auch uns die Bomben aus der Stadt vertrieben… Trotzdem: Unsere ganze Familie hatte großes Glück – wir haben überlebt!

 

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.