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Das Geschenk, an das ich immer noch denke

Zur Weihnachtszeit wurde im Stadtlabor „Aschaffenburg 2.0“ ein Sammlungsaufruf zum Thema Weihnachten gestartet. Einige der eingereichten Geschichten und Erinnerungen können hier und in weiteren Beiträgen nun gelesen werden.

Das Schokoladenauto

von Hans D. Gerhard

Advent 1944. Wenige Tage waren erst seit jenem denkwürdigen Abend vergangen, als alliierte Lancaster-Bomber unser Haus in der Alexandrastraße in Schutt und Asche legten.

Mit einem Schlag waren all die Dinge ausgelöscht, welche sich wie bunte Steinchen zum Kaleidoskop meiner heilen Kinderwelt zusammengesetzt hatten: Diese unverwechselbare fremde Welt der Gerüche aus der elterlichen  Apotheke  –  ein Duft-Crescendo aus Benzin und Arnikatinktur, aus Baldrian und Salmiakgeist oder die für mich achtjährigen Unruhestifter zur Tabuzone erklärte Bibliothek meines gestrengen Opas, wo ich für meine ersten Leseabenteuer immer mal einen Karl May- oder Salgari-Band stibitzte und heimlich seinen schauderhaften Condurango-Wein probierte, unser mit dem in der Badewanne zerhackten Eis aus der Bavaria-Brauerei gefüllten Ungetüm von Eismaschine, um welche die Kinder des ganzen Viertels uns beneideten; nicht zu vergessen unser Gärtchen mit dem Stall des Hasen Adalbert, mit dem von mir stets vorzeitig seiner Früchte beraubten Mirabellenbaum und dem  Loch im Gartenzaun, das mir ohne Umwege den Besuch meiner Freundin Julitta im Nachbarhaus ermöglichte. Nicht zu vergessen, die vom benachbarten „Forstgarten“ herüberziehenden Bierschwaden. Als ich abends vom Schalter des Forstgartens mit einem Krug Bier zurückkam, hielt sich mein schlechtes Gewissen in Grenzen, falls Vater wieder monierte, der Wirt habe schlecht eingeschenkt.

Ich kann nicht umhin, zuzugeben, dass mich damals so verwerfliche Gedanken heimsuchten wie die Überlegung, warum der Liebe Gott statt meines tapfer in den Kellerresten unseres Hauses ausgeharrten Opas nicht eher die Kiste mit der Märklin-Eisenbahn aus den Trümmern  gerettet hatte. In einem hatte er allerdings ein Einsehen gehabt und auch eine Bombe auf die gegenüberliegende Oberrealschule abgezweigt, in der ich im Jahr zuvor überflüssigerweise eingeschult worden war.

Die Evakuierung hatte unsere Familie nach Sailauf verschlagen, wo wir im „Gasthaus Wissel“ Unterschlupf fanden. Dort wurden wir aus der Ferne Zeugen des schaurigen Feuerwerks, das im Koordinatensystem der am Himmel aufgepflanzten „Christbäume“ über Aschaffenburg herniederging. In dieser schlimmen Zeit dachten wir bei dem Wort Christbaum eher an jene heimtückischen Markierungsbomben als an das Symbol des schönsten deutschen Festes.

Meinen Vater, dem damals das neudeutsche Wort Logistik fremd war, bewunderte ich ob seines Organisationstalents. Als er eines Abends wieder müde von seinem täglichen 13-Kilometer-Fußmarsch aus der Stadt zurückkehrte und mir  – bleibendes Wohlverhalten meinerseits vorausgesetzt  – für den zweiten Advent ein Überraschungsmitbringsel ankündigte, waren meine Erwartungen hochgeschraubt; kaum wollte die Zeit vergehen. Trotz seiner nicht leicht zu erfüllenden Bedingung war es zwei Tage später so weit. Aus einer zerknitterten Tüte zog mein Vater ein in blaues Stanniol verpacktes Auto aus Schokolade. Schokolade! Was gab es im Krieg für uns Kinder Exotischeres? Nachdem ich dieses Auto – es immer wieder beschnuppernd – tagelang auf vielen Routen – brmm!, brmm! – über den Fußboden gesteuert hatte, fuhr es schließlich auf dem blanken Chassis, weil auch das Stanniol total abgefahren war. Vor dem Zubettgehen verbarg ich das Rudiment vor meiner jüngeren Schwester, die von Autos sowieso nichts verstand, in ständig wechselnden Verstecken, bevor ich den Rest nach mehrtägiger Bedenkzeit aufaß. Kein Wunder, das es mir so gar nicht schmecken wollte und mir mit jedem Bissen wehmütiger ums Herz wurde.

Auch heute, nach 78 Jahren also, in Zeiten wo sich bereits im Oktober Myriaden von Schokoladen-Nikoläusen und –Autos in den Supermarktregalen den Platz streitig machen und wo eben dort kurz nach Weihnachten riesige Populationen von Schoko-Osterhasen nach Luft ringen, habe ich jenes Geschenk vom Advent 1944 nicht vergessen: Das Schokoladenauto.

 

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