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Stengerstraße

Mit Beschluss des Stadtrates vom 10. Juni 2024 wird die Stengerstraße auf Julius Stenger umgewidmet.

Julius Stenger (1877 – 1940)

Kaufmann aus Damm

* 16.03.1877 in Aschaffenburg

† 03.10.1940 in Aschaffenburg

Julius Martin Stenger wurde am 16. März 1877 als Sohn des Kaufmanns Konrad Stenger und dessen Frau Elisabeth in Aschaffenburg-Damm geboren. Am 16. Juni 1908 heiratete er die aus Zellingen stammende Hedwig Günther.

Im Ersten Weltkrieg wurde Julius Stenger bei Verdun verschüttet und erst nach mehreren Tagen geborgen. Schwerstkriegsgeschädigt litt er nach Kriegsende unter Depressionen, Nervosität und Schlaflosigkeit und befand sich in ärztlicher Behandlung. Von Beruf war Julius Stenger Kaufmann. In seinem Haus (Schulstraße 31/33, damals Eckhaus zur Kästergasse) betrieb er einen Kolonialwaren- und Kohlenhandel. Er galt als Sozialdemokrat, der keine Sympathie für den Nationalsozialismus erkennen ließ. Berichten von Zeitzeugen folgend haben SA-Männer wiederholt Kunden am Betreten der Ladenräume gehindert, um Stenger wirtschaftlich zu schaden. Im Sommer 1938, im Alter von 61 Jahren, schloss Stenger das Ladengeschäft und baute das Erdgeschoss in zwei Wohneinheiten um, die er vermietete. Gemeinsam mit seiner Frau bewohnte er das Obergeschoss; sein Leiden habe sich in dieser Zeit verschlimmert.

Anfang Oktober wurde Julius Stenger von einer der Mieterinnen bei der Gestapo denunziert und des verbotenen Hörens feindlicher Sender bezichtigt. Wie tradierte Gestapo-Protokolle berichten, wurde er am 3. Oktober 1940 wegen Abhörens von „Radio London“ verhaftet und in die Gestapo-Dienstelle im Schlossturm verbracht. Dort habe er erst den Tatbestand geleugnet, dann aber ein Geständnis abgelegt. In einem unbeaufsichtigten Moment sei er aus dem Fenster des dritten Stocks in den Tod gesprungen. Im Abschlussbericht der Gestapo an die Staatsanwaltschaft heißt es: „Sein Freitod kann nur in seiner krankhaften Veranlagung die Ursache haben.“ Die Ermittlungen wurden eingestellt. Beim Luftangriff auf Damm am 21. November 1944 wurde das Haus in der Schulstraße völlig zerstört; unter den 15 Todesopfern im Keller befanden sich auch die Witwe von Julius Stenger sowie die Denunziantin.

 

Von 1962 bis 2024 war die Stengerstraße nach Erich Stenger benannt.

Erich Stenger

* 05.08.1878 in Aschaffenburg †24.09.1957 in San Remo (Italien)

Fotochemiker und Sammler

Erich Stenger wurde 1878 in Aschaffenburg geboren. Er war seit seiner Jugend ein begeisterter Sammler, zunächst auf dem Gebiet der Philatelie und der Steingutfabrikation. Nach dem Besuch des humanistischen Gymnasiums in Aschaffenburg und dem Studium der Chemie und verwandter Gebiete in München und Kiel promovierte Stenger 1903. Ab 1922 war er Professor an der TH in Berlin. Im Laufe seines Lebens trug Erich Stenger zudem eine große private Sammlung zur Geschichte der Photographie zusammen (Bilder, Dokumente, Bücher, Autografen und Geräte), die heute Bestandteil des Museums Ludwig in Köln ist.
Während der NS-Zeit stellte Erich Stenger seine Arbeit und seine Sammlung in den Dienst des Nationalsozialismus. Schon 1933 agierte er als „Beauftragter des Propagandaministeriums“ im Rahmen der Ausstellung „Die Kamera“. In seinen Veröffentlichungen stellte Erich Stenger den deutschen Anteil an Erfindung und Entwicklung der Fotografie besonders heraus und negierte in seiner Kulturgeschichte der Fotografie den Anteil von Juden an der Entwicklung der Fotografie. 1939 war er maßgeblich an der Neugestaltung der fotografischen Abteilung im Deutschen Museum und an Kriegsaufträgen des Reichsministers der Luftfahrt beteiligt.
Erich Stenger war kein Mitglied der NSDAP, jedoch Mitglied im Reichsluftschutzbund (RLB), im Reichsbund Deutscher Beamter, im NS-Lehrerbund, im NS-Dozentenbund sowie in der NS-Opfergemeinschaft. In einem Entnazifizierungsverfahren vor der Spruchkammer Marktheidenfeld wurde Erich Stenger 1948 als „Mitläufer“ eingestuft und zu einer Strafe von 50 Reichsmark verurteilt. Erich Stenger selbst sah sich nach Kriegsende als „in keiner Richtung politisch belastet“.
Nach Kriegsende lebte Erich Stenger im bayerischen Kreuzwertheim. Dort verfasste er seine Memoiren unter dem Titel „Lebenserinnerungen eines Sammlers“. Erich Stenger starb 1957 während eines Urlaubs in San Remo (Italien).

Zum Dossier über Erich Stenger

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