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Dalbergstraße 15 – Rathaus

Seit Mitte des 17. Jh. befand sich in der Dalbergstraße das Rathaus der Stadt. An der Stelle des heutigen Gebäudes des Sitzungssaales stand ein 1599 errichtetes Fachwerkgiebelhaus, das seit 1655 im Besitz der Stadt war und als Rathaus genutzt wurde. In den 80er Jahren des 18. Jh. wurde dieses Fachwerkhaus wegen Baufälligkeit abgetragen und nach Plänen von Emanuel Joseph von Herigoyen und unter Bauleitung von Maurermeister Jodokus Hospes ein neues Rathaus erbaut. Der Neubau war 1790 bezugsfertig. Die Fassade des zweigeschossigen Walmdachbaus bestand im Erdgeschoss aus einer Naturstein-Bänderrustika und war im Obergeschoss glatt verputzt. Die zur Dalbergstraße orientierte Hauptfassade mit Rundbogenportal und rundbogigen Fenstern zeichnete sich durch zwei seitliche Risalite aus, zwischen die eine Portikus mit Freisäulen, Architrav und Sandsteinbalustrade gespannt war. Im Zweiten Weltkrieg zerstört, wurden erhaltene Teile beim Neubau des Rathauses als Spolien wiederverwendet. Mit dem Beschluss des Stadtrates zum Neubau des Rathauses begann am 12. Dezember 1946 eine lange Planungsphase. Unstrittig war die Lage des Gebäudes, das an der Dalbergstraße in der Innenstadt auch die wichtigsten Stadtämter aufnehmen sollte, wodurch man eine frequentierte Anlaufstelle für die Bürger schaffen und einer befürchteten Verödung der Innenstadt entgegenwirken wollte. Die Oberstadt sollte mit dem Stiftsmuseum historischer, der Stiftskirche kirchlicher und mit dem Rathaus auch administrativer Mittelpunkt werden. In einem beschränkten Wettbewerb wurden im Dezember 1947 sämtliche Aschaffenburger Architekten und mit Professor Dr. Ing. Paul Schmitthenner aus Tübingen, Professor Karl Gruber aus Darmstadt, Professor Diez Brandi aus Göttingen sowie mit Fritz Mayer aus Nürnberg auch externe Architekten aufgefordert. Den ersten Preis erhielt am 17. Januar 1949 Diez Brandi. Der Baubeginn verzögerte sich aber um mehrere Jahre, weil der Grundstückserwerb für den Bauplatz an der Dalbergstraße zwischen Stiftsplatz und Rathausgasse schwierig war und zugleich Wohn- und Schulbauprojekte als dringlicher angesehen wurden. Unterdessen hatte man die Ämter in Ausweichquartieren wie z.B. der Sparkasse, Friedrichstraße 7 und 7 a, untergebracht. Der sich bald abzeichnende höhere Bedarf an Platz der einzelnen Ämter führte dazu, dass die Stadt 1954 Professor Diez Brandi aufforderte, seinen Entwurf dem gestiegenen Platzbedarf anzupassen. Zwei Jahre darauf, am 12. März 1956, wurde mit dem Abbruch des stark zerstörten alten Rathauses der Neubau, der schnell voranschritt, begonnen. Schon am 1. Dezember 1956 wurde das Richtfest mit nachgeholter Grundsteinlegung gefeiert. Im Jahr darauf waren die Arbeiten am Außenbau abgeschlossen und im Februar 1958 begann der Einzug der einzelnen Ämter. Die erste Trauung im neuen Rathaus folgte im März desselben Jahres.

Baubeschreibung:

Der Rathauskomplex besteht aus drei Teilen: dem Hochhausbau am Stiftsplatz, einem Mitteltrakt an der Dalbergstraße und dem Sitzungssaalbau auf historischem Standort, der in Anlehnung an den 1790 von Emanuel Joseph von Herigoyen errichteten und im Krieg zerstörten Rathausbau entstand. Bei dem in den aufgehenden Hang des Stiftsplatzes errichteten Hochhausbau handelt es sich um eine siebengeschossige Stahlbetonskelettkonstruktion mit 14 zu 16 Fensterachsen. Die mit gesägten Rotsandsteinplatten verkleidete Fassade prägen die annähernd quadratischen Fensterformate, die in den gleich breiten Achsen und einheitlich hohen Geschossen eng aneinanderstehend angeordnet sind.

Das 3. sog. Oberbürgermeistergeschoss ist durch eine größere Geschosshöhe, breitere Achsen, größere Fensterformate und Gurtgesimse ausgezeichnet. An der Dalbergstraße bildet das Erdgeschoss eine offene Kolonnade mit schlanken Stützen aus, um für den hier liegenden Haupteingang mit anschließender Eingangshalle einen würdigen gestalterischen Rahmen zu schaffen. Die zweiflügeligen, mit Motiven aus der Stadt- und Rathausgeschichte versehenen Bronzetüren des Eingangs entstanden nach Entwürfen der Aschaffenburger Künstlerin Ursula Ullrich-Jacobi. Die Wände der Eingangshalle im Erdgeschoss sind mit keramischen, mit Stempelmotiven gestalteten Platten verkleidet, die das Stadtsiegel oder fränkische Wappen zeigen. Sie wurden von dem Münchner Bildhauer Hans Eska in seinem Atelier in Mittergars am Inn gefertigt. Eine breite Freitreppe führt vom Erdgeschoss in die dreigeschossige Rathaushalle, die im Sinne eines Lichthofes von den vier Trakten des Rathaushochbaus gebildet wird und ab dem 6. Geschoss durch ein längsovales Zeltdach aus Glas sowohl abgeschlossen als auch belichtet ist. Der Bodenbelag aus Silberschieferplatten und die aufgehenden Wände mit einer gemalten Architekturgliederung des Münchner Künstlers Hermann Kaspar wie auch die astronomische Uhr an der südlichen Hallenwand und die logenartigen Öffnungen zu den Erschließungsfluren des Oberbürgermeistergeschosses geben der Halle ein festliches Gepräge. Auf der Ostseite in dem zum Stiftsplatz ausgreifenden, auf Stützen stehenden Erker befindet sich der von der Halle aus zugängliche, zwei Geschosse einnehmende und ebenfalls von Hermann Kaspar gestaltete Trausaal. Eine stützenfreie, zweiläufig gerade Treppe mit Wendepodest aus Stahlbeton, die sich in die Nordostecke der Halle einschmiegt, führt in das repräsentative Oberbürgermeistergeschoss. Hier sind Fußboden und Türgewände aus Tridentiner Marmor gefertigt und die Wände in Spachteltechnik gestaltet. Vom Amtszimmer des Oberbürgermeisters aus ist der Balkon des Erkers zugänglich.

Das 4. bis 6. Obergeschoss nehmen Büroräume ein, die von dem zum Hof gerichteten Flur aus zugänglich und untereinander verbunden sind. Die Gebäudeecken nehmen die etwas größeren und aufwendiger gestalteten Referentenzimmer auf. Der Mitteltrakt umschließt einen weiten, nicht überdachten Innenhof mit Garagen, der von der Rathausgasse aus über eine Durchfahrt erschlossen ist. Es handelt sich um einen dreigeschossigen Verwaltungsbau, dessen Nordtrakt an der Dalbergstraße von der Flucht des Hochhausbaus zurückspringt, wodurch ein Platzraum zwischen Sitzungssaalbau und Hochhausbau gewonnen wird. Dieser Trakt verfügt über einen eigenen Eingang am westlichen Ende an der Dalbergstraße. Zu erwähnen bleibt, dass unter den Kellern des Mitteltrakts ein weiteres Tiefkellerniveau mit Luftschutzbunker für ca. 450 Personen eingerichtet worden ist. Der Sitzungsbau an der Ecke Dalbergstraße/Rathausgasse ist freistehend, dreigeschossig und mit einem verschieferten, flach geneigten Walmdach gedeckt. Unterirdisch mit dem Mitteltrakt verbunden, entspricht er in seiner äußeren Kubatur dem Rathausbau von 1790. Wenn auch architektonisch anders als sein Vorgänger gestaltet, hat Diez Brandi doch die klassizistische Prägung des verschwundenen Herigoyen-Baus aufgegriffen und als historisch und städtebaulich-identitätsstiftendes Gebäude aufgefasst. In diesem Sinne zeigt auch das Erdgeschoss des ansonsten in rotem Sichtziegelmauerwerk errichteten Sitzungsbaus eine Bandrustika aus rotem Mainsandstein. Des Weiteren besitzt der Bau an der Dalbergstraße zwei seitliche Risalite mit rundbogigen Fenstern, welche die vom Vorgängerbau als Spolie übernommene Portikus mit ihren vier Säulen rahmen. Das Portal besitzt jedoch einen geraden Sturz. Die Altane der Portikus kann über eine Doppeltür vom Sitzungssaal her betreten werden. Der Sitzungssaal mit seinen 1964/65 von Hermann Kaspar malerisch gestalteten Wänden wird vom Erdgeschossfoyer aus über eine halb gewendelte Treppe erschlossen, die auch bis in den Keller führt und rückwärtig einen Zugang von der Rathausgasse her ermöglicht. Als Ausdruck von Transparenz und Bürgernähe wurde der Haupteingang mit rahmenlosen Glastüren versehen (heute durch Glasschiebetüren ersetzt). Zur Sicherung des Rathauses außerhalb der Dienstzeiten wurden den Glastüren noch zwei massive Flügel aus Bronze vorgestellt, entworfen von den Künstlern Ursula Ullrich-Jacobi und Gunter Ullrich und gegossen in der Bronzegießerei Philipp Häuser in Mainz-Gonsenheim. Jede Tür besteht aus 15 Bronzeplatten, von denen die vier größten mit Reliefdarstellungen versehen sind. Sie zeigen Szenen der Stadtgeschichte: auf dem linken Flügel die Übergabe der Schenkungsurkunde durch Herzog Otto von Bayern und Schwaben, die Stiftspatrone hll. Peter und Alexander, eine Ansicht der Stadt um 1500 sowie des Schlosses Johannisburg aus der Vogelperspektive; auf dem rechten Flügel die Schlüsselübergabe von Pater Bernhard an Gustav II. Adolf, eine Ansicht der brennenden Stadt während des Zweiten Weltkrieges, die Errichtung des neuen Rathauses sowie die am Bau maßgeblich beteiligten Personen. Jede Szene ist mit der entsprechenden Jahreszahl versehen. Die Glastüren sind mit Bronzegriffen in Form eines Löwen ebenfalls von Ursula Ullrich-Jacobi gestaltet. Sie schuf auch die bronzenen Türgriffe an den herausgehobenen Haupttüren im Innern des Rathauses: Adler an den Türen des Sitzungssaals, Goldesel an der Stadthauptkasse und Tauben für das Trauzimmer, diese mit zusätzlichen Emaille-Einlagen nach einem Entwurf von Sörensen.

Ausstattung:

Einen Großteil der Ausstattung für das Rathaus, hierunter vor allem Möbel und Beleuchtungskörper, wurden von Diez Brandi entworfen und von der Möbelfirma Lübke & Rolf aus Rheda in Ostwestfalen gearbeitet. Einzelne Beispiele von aufwendig furnierten Tischen mit gedrechselten, schlanken Beinen und Stühle mit kunstledernem Bezug sind noch erhalten. Die Wandleuchten in den Gängen und Fluren bestehen aus sandgestrahlten, vasenförmigen, nach oben geöffneten Glaskörpern, gehalten von einem dreiteiligen Wandgestell aus Messing. In den repräsentativen Amtsräumen des Oberbürgermeisters, den Sitzungssälen und der Bibliothek finden sich überdies Leuchterkronen aus Messing. Im Zimmer des Oberbürgermeisters ist der Beleuchtungskörper zusätzlich mit einer Palmettenkrone im Kranz der Glühbirnen versehen. Zweietagige Kronleuchter in moderner Nachempfindung flämischer Vorbilder schmücken den Ratssaal. Ein bemerkenswertes Ausstattungsstück stellt der allseitig beleuchtete Spiegel im Vorraum des Trausaals dar. Es handelt sich um eine Sonderanfertigung nach Entwürfen Diez Brandis. Die 1964/65 entstandene und bereits erwähnte künstlerische Ausgestaltung und Ausmalung des 1904 in Regensburg geborenen und an der Münchner Kunstakademie ausgebildeten Malers, Mosaizisten und Textilkünstlers Hermann Kaspar umfasst neben der erwähnten Gestaltung des Lichthofes und des Sitzungssaales auch die Ausmalung des Trausaales. Im Trausaal entschied man sich mit „Orpheus und Eurydike“ thematisch für ein Motiv der griechischen Mythologie, während im Sitzungssaal programmatisch Kunst, Kultur, Wirtschaft und Gewerbe thematisiert sind. Obwohl einer Rathausuhr als weltlichem Pendant zur Kirchturmuhr eine hohe Bedeutung zukommt, wurde sie mangels geeigneten Platzes am Außenbau an der Südwand des Lichthofes angebracht. Schon 1957 von der Münchner Turmuhrenfabrik Neher gebaut und in die Architekturausmalung von Hermann Kaspar integriert, können dank des komplizierten Mechanismus neben der Uhrzeit weitere astronomische Daten wie Mondphasen, Sonnenstand, Stellung der großen Planeten sowie Monate und Wochentage angezeigt werden. Die Stunden sind an dem großen zentralen Zifferblatt mit römischen Ziffern abzulesen, darunter, auf einem kleinen Zifferblatt, die Monate durch Tierkreiszeichen. Links davon sind die Mondphasen an einer sich aus der Wand wölbenden Kugel zu sehen und darüber, halb in die Wand eingelassen, zwei Glocken des Uhrenschlagwerks. Auf der rechten Seite werden in einem kleinen Kreis die Wochentage angegeben, welche durch die Symbole von Sonne (Sonntag), Mond (Montag) und die Planeten Mars (Dienstag), Merkur (Mittwoch), Jupiter (Donnerstag), Venus (Freitag) und Saturn (Samstag) versinnbildlicht gekennzeichnet sind.

Quelle:

Ina Gutzeit/Hauke Kenzler: Kreisfreie Stadt Aschaffenburg. Ensembles, Baudenkmäler, Bodendenkmäler (Denkmäler in Bayern. VI. Unterfranken, 71), München 2015, S. 28-31.

Kommentare

  1. „Die Glastüren sind mit Bronzegriffen in Form eines Löwen ebenfalls von Ursula Ullrich-Jacobi gestaltet. Sie schuf auch die bronzenen Türgriffe an den herausgehobenen Haupttüren im Innern des Rathauses: Adler an den Türen des Sitzungssaals, Goldesel an der Stadthauptkasse und Tauben für das Trauzimmer, diese mit zusätzlichen Emaille-Einlagen nach einem Entwurf von Sörensen.“
    -> die herausgehobenen Glastüren des Hauptportals mit den montierten Bronzetürgriffen (mit aschaffenburger Stadtwappen) wurden nicht nur herausgehoben und durch Schiebetüren ersetzt, sondern sie wurden ENTSORGT inkl. der Bronzetürgriffe.
    -> Das sollte mal Erwähnung finden, schließlich ging es um 4 Glasportale mit 4 Türgriffpaaren von Gunter und Ursula Jacobi-Ullrich.
    ->Die Stadt Aschaffenburg entsorgt schildbürgerhaft die Kunst ihrer populärsten Künstler, für die sie sogar eine Stiftung unterhält. Das muss man sich mal vorstellen. Sehr, sehr traurig.

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