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Kriegsgrabstätten auf dem Altstadtfriedhof

Der Aschaffenburger Altstadtfriedhof ist ein Ort der städtischen Geschichte. Dort treffen individuelle und kollektive Erinnerungen aufeinander. Seine Grabmäler und Gedenkstätten erzählen sowohl Persönliches als auch Geschichten ganzer (Erfahrungs-) Gemeinschaften. So finden sich auch auf dem Altstadtfriedhof Spuren und Zeugnisse des Zweiten Weltkriegs und der verübten Verbrechen von Nationalsozialisten und Nationalsozialistinnen.

Nach 1945 wurde Aschaffenburg zu einer zentralen Station für „Displaced Persons“, Menschen, die sich durch den Krieg und den NS, beispielsweise durch Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit, fern ab von ihren Herkunftsorten befanden. Nach Aschaffenburg kamen Menschen aus dem östlichen Europa wie Polen, Russland und der Ukraine, aber auch aus Belgien und Frankreich. Unter ihnen war eine Vielzahl junger Kinder, die häufig an Unterversorgung, Krankheiten und den miserablen Lebensbedingungen in den zentralen Sammelstellen starben.

„Displaced Persons“, die bis 1949 in Aschaffenburg verstarben, wurden auf dem Altstadtfriedhof beigesetzt.  Das „Gesetz über die Erhaltung der Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ von 1965 verpflichtete die Stadt zu Erhalt, Pflege und Schutz jener Grabstätten. Die zuvor auf dem Gelände zerstreuten Gräber wurden daher an einen zentralen Ort verlegt, den Bereich IIa. Mittig erinnert hier ein großes orthodoxes Kreuz mit kyrillischen Schriftzügen an 167 vornehmlich russische Kriegsgefangene aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Das Denkmal ist umgeben von 44 individuell gestalteten Grabsteinen, die vermutlich von Angehörigen der Verstorbenen aufgestellt wurden. Auch die umstehenden kleinen grauen Steine stehen für Menschen aus dem östlichen Europa, die nach Kriegsende in Aschaffenburg verstorben sind.

Werden zwar die Gräber erhalten, so wissen wir leider immer noch wenig darüber, wer sich hinter den Schriftzügen und Namen verbirgt. Dahinter stehen ganze Leben, Persönlichkeiten, individuelle Erlebnisse und Erfahrungen. Eine persönliche Geschichte ist die des ukrainischen Wissenschaftlers Akadly Zyvotko. Als politisch aktiver Historiker und Pädagoge prägte er die Entwicklung des nationalen Bildungssystems in der Ukraine und die Herausbildung eines ukrainischen Nationalbewusstseins. 1945 floh Zyvotko aus Plzeň (Pilsen) vor der sowjetischen Geheimpolizei (NKVD) in den Westen nach Aschaffenburg. Von da an lebte er in der Lagarde Kaserne, dem Lager für Binnenvertriebene. Bis zu seinem Tod am 12. Juni 1948 war er in Aschaffenburg als Leiter der Filiale der ukrainischen Wissenschaftsakademie tätig und gründete und leitete Kurse in der Ukrainistik. Sein Grabstein ist als steinernes Kreuz gestaltet. Sein Name und sein Sterbedatum befinden sich als rote kyrillische Gravur auf dem Sockel des Grabsteins.

Beitrag von Antonia Akrap

Quellen:

Monika Spatz. Steine erzählen Geschichte – Ein Rundgang über den Altstadtfriedhof in Aschaffenburg. Schmidt, 2021. https://stadtarchiv-aschaffenburg.de/wp-content/uploads/2022/05/Steine-erzaehlen_Altstadtfriedhof_Inhalt.pdf.

Peter Körner. „Damit die Toden die Lebenden nicht töden.“ Materialien zu 200 Jahren Altstadtfriedhof Aschaffenburg (1809 bis 2009). Geschichts- und Kunstverein eV, 2009.

Yu L. Kalichak. „The historical and pedagogical legacy of Arkady Petrovych Zhyvotko: An example of service to the nation.“ In Public history: selected issues, herausgegeben von Myroslava Filipovych. Baltija Publishing, 2024. https://doi.org/10.30525/978-9934-26-465-8-17.

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