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Dossier Julius Maria Becker

Beckerstraße (Innenstadt), benannt 1957 nach

Julius Maria Becker (1887 – 1949)

Lyriker, Dramatiker, Redner und Journalist

  • * 29. März 1887 in Aschaffenburg
  • 1893 – 1901 Besuch der Volksschule sowie der Realschule in Aschaffenburg
  • 1902 – 1906 Besuch der Lehrbildungsanstalten in Lohr (Präparandenschule) und Würzburg (Lehrerseminar) mit dem Ziel: Volksschullehrer
  • 1907 praktisches Jahr am Vinzentinum zu Würzburg
  • 1907 – 1930/31 Volksschullehrer in Aschaffenburg (Katholische Knabenschule Aschaffenburg-Damm, ab 1923 Luitpold-Schule)
  • 1908/09 Veröffentlichung eines ersten Gedichtbands
  • 1913 Bühnenstück „Eine Sylvesternacht“
  • 1915/16 Kriegsteilnehmer Erster Weltkrieg (Gefreiter, Frontkämpfer)
  • 1919 Heirat mit Luise Brenner (die Ehe blieb kinderlos)
  • 1919 „Das letzte Gericht“
  • 1923 Versetzung an die Luitpold-Schule
  • 1923 Drama „Der Schächer zur Linken“
  • 1929 Erzählung „Der Brückengeist“
  • 1930/31 Quittieren des Schuldienstes und fortan Arbeit als freier Schriftsteller
  • 1933 – 1945 Mitglied der NSDAP [Mitglieds-Nr. 2 546 173]
  • 1933 – 1945 Mitglied des NS-Lehrerbunds, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) sowie der Reichsschriftumskammer (Verband deutscher Bühnenschriftsteller, ab 1935 im Reichsverband Deutscher Schriftsteller)
  • 1933 – 1945 „Fachgruppenleiter für Schrifttum und Theater“ im „Kampfbund für deutsche Kultur“ Aschaffenburg; Gründung des Aschaffenburger „Kampfbunds“ in seiner Wohnung
  • 1934/35 Kriegsdrama „Nacht ohne Morgen“ (Uraufführung 1935 in Nürnberg)
  • 1935 – 1937 Beiträge unter Pseudonym „Martin Fermann“ in der Wochenzeitschrift „Der Katholik“
  • 1936 Drama „Auge um Auge“
  • 1937 „Bastionen auf Malta“
  • 1939 – 1945 Schriftleiter beim Gauverlag (Aschaffenburger Zeitung)
  • 1940 „Aschaffenburg, die Stadt Matthias Grünewalds“; Aufführungen am Stadttheater Aschaffenburg
  • 1945 sechswöchige Inhaftierung durch die Amerikaner
  • 1945 freier Schriftsteller (bis zur Entnazifizierung 1947 Publikationsverbot)
  • 1948 Aufführung „Das Mahl des Herrn“ in Düsseldorf
  • † 26. Juli 1949 in Aschaffenburg

Ehrungen:

  • 1919 „Ehrenvolle Erwähnung“ Kleist-Preis (Darmstadt)
  • 1930 Dramatikerpreis des Bühnenvolksbunds (für „Der Brückengeist“)
  • 1942 Friedrich-Rückert-Preis (mainfränkischer Kunstpreis für Dichtung und Schrifttum)
  • 1975 Errichtung eines Gedenksteins ihm zu Ehren am Kapuzinerplatz in Aschaffenburg
  • Ehrengrab auf dem Aschaffenburger Waldfriedhof

Julius Maria Becker, in Aschaffenburg geborener Literat, der lange Jahre als Volksschullehrer in seiner Heimatstadt wirkte, begann früh mit dem Schreiben. Zu Beginn der 1920er Jahre gelang ihm – gefördert von Richard Dehmel und Carl Hauptmann – der literarische Durchbruch. Den größten Erfolg verzeichnete sein Bühnenstück „Der Brückengeist“ (1929), das auf über 50 Bühnen in ganz Deutschland gespielt wurde. In den 1920er Jahren zählte er durchaus zu den „Hoffnungsträgern des deutschen Theaters und des literarischen Zeitgeistes“, gehörte aber noch zu Lebzeiten zu den „Vergessenen“.[1]

Wirken in der NS-Zeit

„Zu Beginn der 1930er Jahre sank das öffentliche Interesse an Beckers Bühnenstücken und literarischen Veröffentlichungen spürbar“, konstatiert Johannes Schuck in seinem Beitrag für die Stadtgeschichte Aschaffenburgs, der im Manuskript vorliegt. Becker setzte anfangs große Hoffnungen in die neuen Machthaber und den neuen „Zeitgeist“ im Jahr 1933:

„Offensichtlich aber traf er nicht mehr das Gehör der Gesellschaft. Er fühlte sich häufig missverstanden und haderte damit, dass niemand seinen literarischen Geist verstehen würde. So kam es zwangsläufig zu einer gewissen Abstandssituation seiner Person zum literarischen Zeitgeist. In diesen schweren und nahezu hoffnungslosen Jahren weckte die ‚Machtergreifung‘ der Nationalsozialisten neue Hoffnungen auf Akzeptanz, Erfolg, Verständnis und eine Rückkehr in die Spitze des literarischen Zeitgeistes. Durch den politischen Führungswechsel erhoffte sich der Dichter eine Art Trendwende in der Literatur, die dazu führen könne, dass das Publikum seine Werke feiern wird. Denn die neuen Machthaber werden nach der Meinung Beckers aufräumen mit dem ‚Asphaltliteratentum‘, dessen Verschwörungen bislang den Erfolg bedeutender Schriftsteller – auch den seiner Person – verhindert und ihre moralische Botschaft unterdrückt hat. Anfang April 1933 machte sich Julius Maria Becker euphorisch auf in Richtung Berlin und schrieb in einem Brief an seine Frau Luise Becker ‚zu den Bonzen des III. Reiches, die der Teufel hole, wenn sie mich nicht mit fürstlicher Auszeichnung empfangen‘. Zum Greifen nahe schien Beckers lang ersehntes Ziel, ein Leben als angesehener Schriftsteller in einer Großstadt.“[2]

Dazu sollte es allerdings nicht kommen. In Berlin angekommen bemühte er sich um ein Treffen mit Hanns Johst, zentrale Größe der nationalsozialistischen Literaturpolitik und Dramaturg des Berliner Staatstheaters, der aber kein Interesse an einer Begegnung mit Julius Maria Becker erkennen ließ. Ernüchtert wandte sich Becker an das Büro des „Bühnenvolksbunds“, der seine Werke betreute; auch hier konnte man ihm nicht weiterhelfen. Die Werke Beckers spielten in den Planungen der neuen Leitung keine Rolle. Seine Bemühungen im Mai 1933 um eine Anstellung als Intendant in Halle scheiterten ebenfalls.

Julius Maria Becker war Mitglied der NSDAP [Mitglieds-Nr. 2 546 173], offiziell zum 1. Mai 1933; wann genau er seine Mitgliedschaft beantragte, geht aus den tradierten Mitgliederkarteikarten nicht hervor.[3] Zudem war er Mitglied der Reichsschrifttumskammer, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) und des NS-Lehrerbunds – obwohl er seit 1931 seinen Schuldienst quittiert hatte. 1943 erhielt er den Friedrich-Rückert-Preis, ein mainfränkischer Kunstpreis für Dichtung und Schrifttum, rückwirkend für das Jahr 1942, „in Anerkennung für seine Verdienste um die deutsche Kultur, als zielbewusster Förderer und Interpret mainfränkischen Kulturstrebens und in Würdigung seines erfolgreichen schriftstellerischen und dichterischen Schaffens“, wie es in einer Pressemitteilung hieß.[4]

Während Julius Maria Beckers nationale Ambitionen scheiterten, spielte er in der kulturellen Szene seiner Heimatstadt eine durchaus gewichtige Rolle, wie Gerrit Walther beschreibt:

„Nur in Aschaffenburg gelingt es ihm, sich an die Spitze der kulturellen ‚Erneuerung‘ zu stellen: am 7. Juli 1933 wird in seiner Wohnung in der Lindenallee 10 die Aschaffenburger Ortsgruppe des ‚Kampfbundes für deutsche Kultur‘ gegründet. Dr. Speyerer übernimmt die Gesamtleitung, Becker die ‚Fachschaft Schrifttum und Theater‘.[5] Seine Aufgabe besteht in der Organisation von Vorträgen, in der Überwachung privater Kulturaktivitäten (z. B. der heimischen Vereine) und in der Beratung des Aschaffenburger Theaterspielplans. Vor allem sichert ihm das Amt eine offizielle Stellung als kultureller Präsentant der Stadt. Bis in die 40er Jahre hinein wird ‚Julius Maria Becker Pg.‘ regelmäßig bei Parteifeiern und Gedenktagen sprechen, bei Besuchen auswärtiger NS-Größen, bei der Landung von Luftschiffen, der Eröffnung von Ausstellungen, dem Kursbeginn des ‚Volksbildungswerks‘ und bei Großveranstaltungen […]. Nicht selten lässt ihn Gauleiter Dr. Otto Hellmuth (der ihn protegiert) zu ähnlichen Anlässen nach Würzburg kommen. Wenn sich Julius Maria Becker im Dritten Reich eine persönliche Schuld aufgeladen hat, dann die, die dumpfe Banalität dieses Regimes von Zeit zu Zeit mit einer falschen kulturellen Aura geschmückt zu haben.“[6]

Gerrit Walther, der für seine Darstellung im Kapitel „Nationalsozialismus und ‚Innere Emigration‘“ im Rahmen einer Ausstellung zu Leben und Werk Julius Maria Beckers im Jahr 1987 umfangreiches Quellenmaterial gesichtet hat, darunter Beckers Tagebücher und andere Dokumente/Briefe aus dessen Nachlass, zeichnet ein differenziertes Bild des Dichters in der NS-Zeit. Demnach lassen ihn einheimische Parteigenossen bald spüren, dass sie ihm nicht trauen; etwa wegen seiner Freundschaften mit Sozialdemokraten sowie seiner Arbeit in der Redaktion des katholischen „Beobachters am Main“. Er, der sich dem Nationalsozialismus eigentlich empfehlen wollte, wird als katholischer Dichter kaum mehr auf deutschen Bühnen gespielt.

Sein Haupteinwand gegen den Nationalsozialismus bleibt die schlechte NS-Kunst: „Auch in Zukunft wird er die braune Diktatur weniger deshalb bekämpfen, weil sie politisch Andersdenkende und rassische Minderheiten, die Menschlichkeit und die freie Meinung, sondern weil sie das unterdrückt, was er den ‚europäischen Geist‘ nennt.“[7] Den Bolschewismus sieht er fortwährend als schlimmer an als den Nationalsozialismus unter der Herrschaft Adolf Hitlers. Bis 1935 glaubt er zudem weiter daran, entdeckt und als nationaler Dichter gefördert zu werden (was Gerrit Walther unter „verblüffender Naivität“ verbucht). Doch alle Versuche diesbezüglich scheitern.

Zwischen 1933 und 1938 veröffentlichte er zahlreiche Beiträge in regionalen und überregionalen Zeitungen und Zeitschriften.[8] Im Jahr 1935 begann Becker – unter dem Eindruck der immer schärferen Angriffe des NS-Regimes auf katholische Institutionen – unter dem Decknamen „Martin Fermann“ für die katholische Wochenzeitschrift „Der Katholik“ Leitartikel zu verfassen, bis die Zeitschrift 1937 endgültig verboten wurde. Seine Dramen waren ab 1936 weitgehend von deutschen Bühnen verschwunden – und damit eine fest einkalkulierte Einnahmequelle versiegt. Um seinen großbürgerlichen Lebensstil zu halten, musste er neue Einnahmen generieren: „So entschließt er sich aus Not und stiller Opposition, zu werden, was ihm zeitlebens verhasst war: ein plaudernder Heimatschriftsteller.“ In den Jahren ab 1936 entstehen zahlreiche Beiträge mit engem lokalem Bezug; 1940 erscheint das populäre Heimatbuch „Aschaffenburg, die Stadt Matthias Grünewalds“, herausgegeben von Oberbürgermeister Wilhelm Wohlgemuth. An einigen Stellen lobte er darin die Errungenschaften des Nationalsozialismus, etwa die Volksbildungswerke,[9] auch Entwicklungen in den Bereichen Kultur und Wirtschaft. Becker genoss, so Gerrit Walther, die ihm entgegengebrachte Anerkennung in Aschaffenburg. Zwei seiner Stücke wurden ebenfalls 1940 am Stadttheater erfolgreich aufgeführt.

1938 und 1939 hatte er sich als Vortragsredner auf Vortragsreisen für das NS-Bildungswerk versucht, auch durch Österreich und Böhmen. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs fand diese Tätigkeit abrupt ein Ende: Julius Maria Becker musste zum 1. September 1939 zum „Kriegseinsatz“ in die „Aschaffenburger Zeitung“ („Nationalsozialistische Tageszeitung, Kampfblatt der NSDAP für den Untermain“) einrücken, als Schriftleiter beim Gauverlag. In seinem Entnazifizierungsverfahren wird Becker angeben, mit Politik prinzipiell nichts zu tun gehabt zu haben. Laut Gerrit Walther trifft das für seine Arbeit bei der Aschaffenburger Zeitung weitgehend zu – ausgenommen etwa seinen Kommentar vom 2. September 1939 unter dem Titel „Die große Stunde“, in dem er (der offiziellen Sprachregelung folgend) „Hitlers Überfall auf Polen als gerechte Vergeltung für lange ertragene polnische Provokationen“[10] rühmt. Darin hieß es:

„[…] die Tat erlöst die Tragödie, und diese vom Führer nach ungeheuerlichen Proben und Erweisen seiner Langmut entriegelte Tat wird nicht nur von allen den gepeinigten Opfern der polnischen Hysterie und Kriegspsychose, sie wird auch vom ganzen deutschen Volke als endliche Erlösung aus einem Zustand der Unerträglichkeit heraus empfunden.“[11]

Sein einen Monat später veröffentlichtes „Oktoberlied“ ließe sich als „peinliches Zugeständnis an gängige Landserlyrik“ werten.[12]

Dennoch kommt Gerrit Walther zu dem Schluss, Julius Maria Becker habe sich zunehmend vom Nationalsozialismus distanziert: „Mit fortschreitenden Kriegsjahren radikalisierte sich Beckers Abneigung gegen das Nazitum zu offenem Hass.“[13] Er traf sich nun regelmäßig in einem Nebenraum eines Tabakladens in der Herstallstraße mit Gleichgesinnten. Gemeinsam mit Hans Möbes, der seit 1940 dem Stadttheater vorstand, ignorierte er offenbar nationalsozialistische Wünsche hinsichtlich des Spielplans derart offen, dass Hans Möbes 1942 des Intendantenpostens enthoben wurde und dessen Nachfolger den „Fachschaftsleiter“ Julius Maria Becker nicht mehr für die Spielplanberatung zu Rate zog. Eine zwischenzeitlich angestrebte Karriere als Drehbuchautor versandete (aus ungeklärten Gründen).[14]

Aus Angst vor alliierten Luftangriffen auf Aschaffenburg zog das Ehepaar Becker 1944 nach Laufach. Der Dichter arbeitete weitgehend zurückgezogen an seinem letzten monumentalen Stück, das schließlich 1948 in Düsseldorf in einer aufwändigen Inszenierung aufgeführt werden sollte.

Entnazifizierungsverfahren

Direkt nach Kriegsende wurde Julius Maria Becker zunächst von den Amerikanern in Aussicht gestellt, in Aschaffenburg eine Zeitung aufbauen zu können. Völlig überraschend kam daher für ihn seine Verhaftung am 9. Juli 1945 auf offener Straße. Insgesamt fünf Wochen wurde er gefangen gehalten; die meiste Zeit im Gefängnis in Aschaffenburg, zwischenzeitlich verhört in Lohr und Ochsenfurt. Ihm wurde die Mitarbeit am Sicherheitsdienst (SD) vorgeworfen, die er vehement abstritt. Die Zeit in Gewahrsam bezeichnete er als die schlimmste Zeit seines Lebens.[15] Zwar kam er frei, sein Bankkonto aber wurde aufgrund der amerikanischen Militärgesetzgebung gesperrt (er galt als „Belasteter“) und es wurde ihm jede Publikation untersagt.

Im Herbst 1946 schließlich wurde öffentlich Anklage erhoben gegen Julius Maria Becker seitens der Spruchkammer Aschaffenburg-Stadt im Rahmen seines Entnazifizierungsverfahrens.[16] Aufgrund der Parteimitgliedschaft (vor 1937) galt er automatisch als belastet. Der öffentliche Kläger erhob nach Prüfung der Unterlagen entsprechend Anklage in die Gruppe III der Minderbelasteten. Nach mündlicher Verhandlung beantragte der öffentliche Kläger die Einreihung in die Gruppe IV der „Mitläufer“; die Spruchkammer stufte ihn schließlich als „Entlastet“ ein. In der ausführlichen Begründung ihres Spruchs folgte sie weitgehend den Ausführungen des Dichters (und den ihn entlastenden Zeugen):

„In eigener Beweisführung hat der Betroffene glaubwürdig dargelegt, dass er im Jahr 1933 dem Zuge der Zeit folgend den Parteieintritt vollzogen hat, ohne sich der unabsehbaren Konsequenzen seines Schrittes bewusst gewesen zu sein. Eine aktivistische oder propagandistische Betätigung im Sinne des Nationalsozialismus hatte er nicht beabsichtigt und dies auch in der Folgezeit konsequent abgelehnt. Schon auf Grund seiner inneren Geisteshaltung, die sich offenbarte durch seine dichterische und schriftstellerische Arbeit und zum großen Teil Ausdruck fand in seinen dramatischen Werken ist erkennbar, dass er sich von der Mytheologie des Nationalsozialismus distanzierte.“[17]

Erwähnt wurden in der umfangreichen Begründung weiterhin seine Arbeit für „Der Katholik“ („was […] von einem außerordentlichen Mut des Betroffenen zeugt“) sowie die Verbannung seiner Dramen von deutschen Bühnen („als christlicher Autor totgeschwiegen […] als dramatischer Autor verfehmt“). Sein Wirken sei gekennzeichnet gewesen „von dem wahren Geist menschlicher Liebe, echter Humanität und christlicher Ethik“. Weiter hieß es:

„Das Leben und Schaffen des Betroffenen hat sich in aller Öffentlichkeit abgespielt und nach den Aussagen der als Zeugen vernommenen glaubwürdigen Personen aus allen Bevölkerungsschichten hat die Gesamthaltung des Betroffenen im Widerspruch zum Nationalsozialismus gestanden. Er hat es trotz verlockender Angebote abgelehnt seiner inneren Berufung untreu zu werden. Bei seinem öffentlichen Auftreten und in Gestaltung seiner Vorträge hat er stets im Rahmen seiner Möglichkeiten versucht, rein religiöse Themen unter Anklang an die gute deutsche Dichterwelt zur Geltung zu bringen, was für die Zuhörer meistens der klarste Beweis dafür war, dass hier ein geistiger Mensch die Fesselung des Nationalsozialismus nicht mitmachte. Diese Grundeinstellung war den führenden Nationalsozialisten bekannt. Wenn der Betroffene auf Grund der kriegsbedingten Verhältnisse als Kulturschriftleiter bei der ‚Aschaffenburger Zeitung‘ eingesetzt war, kann dies als keine Bevorzugung betrachtet werden, zumal er materiell schlecht gestellt war. Er konnte die Arbeit nicht ablehnen und schon aus Gründen der Selbsterhaltung nicht darauf verzichten. Er hat auch auf diesem Posten nach dem Maß seiner Kräfte Widerstand geleistet, indem er vorgeschriebene Artikel entweder abschwächte oder vernichtete, sodass derartige Veröffentlichungen oftmals unterblieben. Er war nicht politischer Schriftleiter und nicht Angehöriger der Reichspressekammer, sondern hat lediglich rein schematische Arbeiten innerhalb des Kriegseinsatzes geleistet.“

Becker habe den Nationalsozialismus „in keiner Weise wesentlich“ unterstützt, weshalb er „rein als nominelles Mitglied zu betrachten“ sei. Abschließend wurde nochmals darauf verwiesen, dass er „durch seinen Widerstand auf dem Gebiete des geistigen Arbeitens und seine konsequente Haltung auf seinem Sektor von Seiten des Nationalsozialismus materielle und moralisch ethische Nachteile erlitten“ habe.

Auf seine Rechtfertigung hatte sich Julius Maria Becker schon während seiner Haft im Sommer 1945 intensiv vorbereitet. Wie Gerrit Walther darlegt, erbat er sich im Vorfeld der Verhandlung „Persilscheine“ – „deren unterschriftsfertigen Wortlaut er oft gleich mitschickte“.[18] Während Becker seine Mitgliedschaften in NSDAP, Reichsschrifttumskammer, NS-Lehrerbund und NSV zu Protokoll gab, taucht der „Kampfbund für deutsche Kultur“ und Beckers Rolle darin in Aschaffenburg im Verfahren an keiner Stelle auf. Für die von ihm geschilderte „Haussuchung mit allen Schikanen“ durch die Gestapo im Jahr 1940 fand Gerrit Walther in den zeitgenössischen Briefen und Aufzeichnungen des Dichters keinen Hinweis. In seiner ausführlichen Erwiderung auf die Klageschrift in der mündlichen Verhandlung vom 26. März 1947 weist Julius Maria Becker eine Nähe zu nationalsozialistischem Gedankengut entschieden von sich:

„Ich beteure, dass alles, was ich während der nationalsozialistischen Ära öffentlich gesprochen habe, nichts mit Nationalsozialismus[,] nichts mit parteipolitischer Kulturpropaganda und nichts mit einer Weltanschauung zu schaffen hatte, die mir und meinem Wesen ein Greuel war.“[19]

Nach der Entlastung durch die Spruchkammer konnte sich Julius Maria Becker ernsthaft damit beschäftigen, das Drama „Mahl des Herren“, an dem er seit Jahren arbeitete, auf die Bühne zu bringen. Die Premiere in Düsseldorf im November 1948 wurde vom anwesenden Publikum gefeiert – von den maßgeblichen Rezensenten allerdings zerrissen.[20]

 

 

Quellen:

  • Barch, R 9361-IX KARTEI / 2031499 [Gaukartei]
  • BArch, R 9361-VIII KARTEI / 1441565 [Zentralkartei]
  • BArch, R 9361-V/13608 [Reichsschrifttumskammer]
  • StAWÜ, Spruchkammer Aschaffenburg-Stadt 151
  • SSAA, NL 49

 

Literatur:

  • Becker, Julius Maria: Aschaffenburg, die Stadt Mathias Grünewalds. Aschaffenburg 1940.
  • Mager, Jörg: Becker, Julius Maria. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 1, Berlin 1953, S. 718.
  • Mager, Jörg: Der Dichter Julius Maria Becker. Vortrag zum 20. Todestag. In: Aschaffenburger Jahrbuch 5 (1972), S. 369 – 384.
  • Pollnick, Carsten: Die Entwicklung des Nationalsozialismus und Antisemitismus in Aschaffenburg 1919–1933. Aschaffenburg 1984.
  • Schmähling, Walter: Julius Maria Becker. Der Dichter und seine Stadt. Beihefte zum Aschaffenburger Jahrbuch, Heft 4. Aschaffenburg 1987.
  • Schmittner, Monika: „… befindet sich hier eine Anzahl staatsfeindlicher Elemente“. Verfolgung und Widerstand 1933 – 1945 in Stadt und Land Aschaffenburg. Frankfurt am Main 1985.
  • Schuck, Johannes: Die Stille um den Aschaffenburger Literaten Julius Maria Becker – „Verwerft mein Werk, wenn Ihr’s nicht loben könnt! Doch sitzt nicht stumm davor!“. Manuskript für Stadtgeschichte Aschaffenburg. Aschaffenburg 2022.
  • Walther, Gerrit: Julius Maria Becker 1887–1949. Ein Dichter zwischen den Weltkriegen. Baden-Baden 1989.

 

  • [1] Schuck, Johannes: Die Stille um den Aschaffenburger Literaten Julius Maria Becker, S. 1. Johannes Schuck hat den im Quellenverzeichnis genannten Nachlass (NL 49) von Julius Maria Becker im SSAA verzeichnet und kann als Kenner des Bestands bezeichnet werden.
  • [2] Schuck, S. 3. Siehe auch Walther, Gerrit: Julius Maria Becker 1887–1949, S. 173 f.
  • [3] Siehe Angaben zu NSDAP-Mitgliederkarteien im Quellenverzeichnis.
  • [4] BArch, R 9361-V/13608.
  • [5] Siehe hierzu auch Pollnick, Carsten: Die Entwicklung des Nationalsozialismus, S. 178–181, hier S. 180. Die „Kultur“ war in zwölf Sachgebiete gegliedert worden; Julius Maria Becker verantwortlich für „Theater, Film, Literatur“.
  • [6] Walther, S. 175 f.
  • [7] Walther, S. 179 f.
  • [8] Namen von über einem Dutzend Zeitungen und Zeitschriften, in denen er mindestens vierteljährlich bzw. jährlich einen Beitrag veröffentlichte, finden sich in Fragebögen der Reichskulturkammer aufgelistet, BArch, R 9361-V/13608.
  • [9] Becker, Julius Maria: Aschaffenburg, die Stadt Mathias Grünewalds, S. 83.
  • [10] Walther, S. 188.
  • [11] Zitiert nach Walther, S. 208.
  • [12] Walther, S. 188; Abdruck des Gedichts, S. 209.
  • [13] Vgl. auch Mager, Jörg: Der Dichter Julius Maria Becker, S. 381: „Illusionen hatte er keine mehr, der Gangster-Charakter der deutschen Führung war ihm klar geworden.“
  • [14] Walther, S. 189 f. Für das Gerücht, Becker habe 1941 am Drehbuch des Propagandafilms „Ohm Krüger“ mitgearbeitet, fand Gerrit Walther keine Belege.
  • [15] Dazu ausführlich Walther, S. 220 – 227.
  • [16] StAWÜ, Spruchkammer Aschaffenburg-Stadt 151.
  • [17] 26.03.1947, StAWÜ, Spruchkammer Aschaffenburg-Stadt 151.
  • [18] Walther, S. 228; entsprechende Erklärungen finden sich in der 22 Seiten umfassenden Spruchkammer-Akte.
  • [19] Protokoll der öffentlichen Sitzung am 26.3.47 (Auszug aus Erwiderung gegen die Klageschrift, Abkürzungen der Lesbarkeit halber ausgeschrieben), StAWÜ, Spruchkammer Aschaffenburg-Stadt 151.
  • [20] Ausführlich zu den Begleitumständen und zur Aufführung selbst siehe Walther, S. 228 – 234.

Kommentare

  1. Beckers Hang zu dem oben erwähnten „großbürgerlichen Lebensstil“ zeigt auch seine Wohnung auf dem noch heute parkartig angelegten Anwesen Lindenallee 10, damals Bismarckallee 10, auf dem seit dem 18ten Jahrhundert die sogenannte Uzuberei, das Wohnhaus des Fasanerieförsters Uzuber stand. Das Anwesen war im 19. Jh. auch beliebtes Gartenlokal und Studentenkneipe.

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