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Dossier Carl Goerdeler

Goerdelerstraße (Nilkheim), benannt 1988 nach

Carl Friedrich Goerdeler (1884 – 1945)

Jurist und Politiker; Widerstand

  • * 31. Juli 1884 in Schneidemühl (Provinz Posen)
  • 1891 – 1902 Besuch des humanistischen Gymnasiums in Marienwerder
  • 1902 – 1905 Studium der Rechtswissenschaften in Tübingen und Königsberg
  • 1905 – 1906 Einjährig-Freiwilliger beim 1. Ostpreußischen Feldartillerie-Regiment Nr. 16
  • 1911 Ablegen des zweiten Staatsexamens, ernannt zum Gerichtsassessor
  • 1911 Praktika im Bankwesen und Hochzeit mit Anneliese Ullrich (fünf Kinder)
  • 1911 – 1920 Jurist in Diensten der Stadtverwaltung Solingen; Erster Beigeordneter ab 1912
  • 1914 – 1918/19 Soldat (Offizier) im Ersten Weltkrieg
  • 1919 Als Freikorps-Mitglied Teilnahme an Straßenkämpfen in Berlin
  • 1919 Mitglied im Deutschen Ostbund
  • 1919 – 1931 Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP)
  • 1920 – 1930 zweiter Bürgermeister in Königsberg
  • 1930 – 1936/37 Oberbürgermeister von Leipzig
  • 1932/1934 Reichskommissar für die Preisüberwachung
  • Mitglied im Bund Nationalsozialistischer Deutscher Juristen
  • 1937 Berater für Finanzfragen bei Bosch
  • 1937 – 1939 Auslandsreisen im Auftrag der Firmen Bosch und Krupp
  • Ab 1938/39 aktiver systemdurchbrechender Widerstand gegen das NS-Regimes
  • 1941 programmatische Denkschrift „Das Ziel“
  • 1944 Festnahme und Inhaftierung (Einzelhaft)
  • 1944/45 weitere programmatische Stellungnahmen und Denkschriften in Gefangenschaft
  • † 2. Februar 1945 in Berlin-Plötzensee (Tod durch Erhängen)

Ehrungen:

  • Zahlreiche Straßen im Bundesgebiet sind nach Carl Goerdeler benannt.

 

„Selbst Mitglieder des Widerstands gegen Hitler wie Carl Goerdeler waren bis zum Ende erklärte Antisemiten.“ (Saul Friedländer, 2022)[1]

Wirken in der NS-Zeit

Carl Friedrich Goerdeler war ohne Zweifel eine der treibenden Kräfte des zivilen bürgerlich-konservativen Widerstands gegen Adolf Hitler und das NS-Regime. Spätestens seit 1939 befand er sich auf dem Weg des aktiven systemdurchbrechenden Widerstands. Um es mit den Worten von Hans Mommsen zu sagen:

„Fragt man nach Goerdelers Stellung in der Widerstandsbewegung gegen Hitler, so ist zunächst festzuhalten, dass er zwischen 1939 und 1944 im Mittelpunkt der zivilen Opposition gestanden und sich durch unablässige Bemühungen hervorgetan hat, einerseits den Kreis der Verschwörer nach Kräften zu erweitern, andererseits Druck auf das Militär auszuüben, sich gegen den Diktator zu stellen und ihn notfalls gewaltsam zu stürzen.“[2]

Während der NS-Zeit bekleidete Carl Goerdeler zunächst weiterhin offizielle Ämter. Bis 1936 blieb er als Oberbürgermeister von Leipzig im Amt, obwohl er nicht Mitglied der NSDAP wurde – was nur wenigen seiner Oberbürgermeister-Kollegen beschieden war. Parallel zu seinem Amt fungierte er zwischen Ende 1931 (noch unter Reichskanzler Heinrich Brüning) und 1935 als Reichkommissar für Preisüberwachung. Mit der Annahme dieses Amtes war er aus der DNVP ausgetreten, der er seit 1919 angehört hatte und in der er zwischenzeitlich hohe Parteiämter bekleidete (er war im Vorstand der Gesamtpartei 1922 – 1927). Grund für den Austritt war wohl die fundamentale Opposition der Partei und ihres Vorsitzenden Alfred Hugenberg zu der auf Reichsebene vertretenen Wirtschaftspolitik.

Die historische Forschung deutet Carl Goerdelers Wirken ab 1933 und seine tradierten Schriften als Beleg dafür, dass er 1933 den Regierungswechsel und den damit verbundenen politischen Umbruch begrüßte und bis 1938 noch daran glaubte, auf den NS-Staat mäßigenden Einfluss ausüben zu können. Er bewegte sich „in einem steten Spannungsverhältnis zwischen Kooperation und Konfrontation zum Hitler-Regime“.[3] Im November 1936 trat er vom Posten des Oberbürgermeisters in Leipzig zurück: Während er sich auf einer Dienstreise befand, hatten Nationalsozialisten um seinen Stellvertreter Haake die Gelegenheit genutzt, eine Statue des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy entfernen zu lassen – wogegen Carl Goerdeler zuvor Vorbehalte formuliert hatte. Für seine darauffolgenden Proteste erhielt er weder vom Stadtrat noch auf Reichsebene nennenswerten Rückhalt. Daraufhin erfolgte sein Rücktritt.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten Ende Januar 1933 unterstützte Carl Goerdeler mehrere politische Entwicklungen, wie Ines Reich in ihrer Teil-Biografie 1997 zu Carl Goerdelers Wirken als OB in Leipzig verdeutlichte. „Die Affinität Goerdelers zu autoritären Verfassungslösungen, antidemokratischen und antiparlamentarischen Ideen sowie außenpolitischem Revisionismus, wie sie der Nationalsozialismus propagierte, wurzelte in seiner geographischen und sozialen Herkunft.“[4] Auch andere Autoren betonen die tiefe Verbundenheit Goerdelers mit den Staats- und Kulturtraditionen der Wilhelminischen Gesellschaft, seine Herkunft aus einer ostpreußischen Juristenfamilie sowie sein Aufwachsen im Geiste altpreußisch-konservativen Beamtentums im Grenzgebiet zu Polen. Grundlegend für Goerdelers anfängliche Bereitschaft zur Kooperation mit den Nationalsozialisten waren „politische Interessensparallelitäten“[5] im Bereich der Kommunalpolitik, einen in Goerdelers politischem Verständnis maßgeblichen Kernbereich. Gemeinsamkeiten erstreckten sich „auf die grundsätzliche Forderung nach dem Selbstverwaltungsrecht der Gemeinden, auf die Revision der Weimarer Verhältnisse in den Kommunalverfassungen, was eine Entparlamentarisierung der Verwaltung und den Ausbau der städtischen Exekutive bedeutete, und auf die Durchsetzung des Führerprinzips“.[6] Außerdem teilte Goerdeler außenpolitische Ambitionen des NS-Regimes (Revision des Versailler Vertrags, Wiedererlangung der Kolonien). „Der Weg Goerdelers vom Systemträger zum Systemgegner war verschlungen und steinig“, wie Ines Reich resümierte. Der Weg in den erklärten Widerstand führte ihn über eine Teilopposition (ablehnende Kritik ab 1935) und eine spätestens seit Sommer 1937 nachweisbare Oppositionshaltung gegenüber dem NS-Regime. Unterstützt etwa von Robert Bosch und dessen oppositionellen Stuttgarter Kreis – aber auch mit Zustimmung Hermann Görings – unternahm er 1938 und 1939 ausgedehnte Auslandsreisen, die seinen außenpolitischen Horizont erweiterten. Mit umfassenden Berichten über die politische und ökonomische Lage der Nachbarländer suchte er (weitgehend erfolglos) Einfluss auf die Regierung zu nehmen und die Entfesselung eines Krieges zu verhindern.

„Von fundamentaler Bedeutung war die Verbindung, die sich 1941 zwischen Goerdeler und dem Kölner Gewerkschaftskreis, insbesondere zu Wilhelm Leuschner und Jakob Kaiser, herstellte“, befand Hans Mommsen.[7] Über Carl Goerdelers Beziehungen zu Mitgliedern und Sympathisanten unterschiedlicher Gruppierungen des Widerstands gegen das NS-Regimes gibt es in der genannten Literatur ausführliche Darstellungen. In den Planungen und auf Ministerlisten des bürgerlichen Widerstands (ab Winter 1941/42) war Goerdeler als Regierungschef nach dem Umsturz vorgesehen. Carl Goerdeler verfasste eine ungewöhnlich große Zahl an Denkschriften und kritischen Reflexionen über innen- wie außenpolitische Konstellationen. Welche Einflüsse seine Verbindungen und theoretischen Überlegungen im Falle eines geglückten Umsturzes gehabt hätten, lässt sich nur schwer beurteilen.[8] Fest steht, was hier nicht näher erläutert werden muss, dass er ein bedeutendes Mitglied des aktiven Widerstands gegen das NS-Regime war. Nach dem Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 wurde er auf der Flucht verhaftet (der Haftbefehl datierte bereits auf den 12. Juli 1944) und am 2. Februar 1945 in Berlin-Plötzensee erhängt.

Carl Goerdeler und der Antisemitismus

Während sich die historische Forschung einig darüber ist, dass Carl Goerdeler eine herausgehobene Rolle im zivilen Widerstand gegen Adolf Hitler und das NS-Regime spielte (sein tatsächlicher Einfluss wird differenzierend bewertet), gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen darüber, wie seine Haltung gegenüber den Juden zu beurteilen sei. „Die Ansichten über Goerdelers Verhältnis zu den Juden liegen […] nach wie vor weit auseinander“, wie Manuel Limbach jüngst in seinem Aufsatz „Carl Goerdeler und die Juden“ konstatierte.[9] Dabei geht es weniger um neue Quellen als um die Ausdeutung seiner tradierten Schriften, die seit 2003 in einer doppelbändigen Edition vorliegen, herausgegeben von Sabine Gillmann und Hans Mommsen. Eine aktuelle Gesamtbiografie liegt nicht vor; seit 1954 bleibt die in mehreren Auflagen erschienene Biografie „Carl Goerdeler und die deutsche Widerstandsbewegung“ von Gerhard Ritter maßgeblich.

Beginnend in den 1980er Jahren nahmen Historiker wie Christof Dipper und Hans Mommsen die Haltung von Mitgliedern des konservativen Widerstands gegenüber Juden kritisch in den Blick. Konservative Widerständler – darunter Carl Goerdeler – wurden als Anhänger eines traditionellen Antisemitismus bezeichnet. Hans Mommsen prägte den Begriff des „dissimilatorischen Antisemitismus“, den die konservativen Eliten des Kaiserreichs herausgebildet hätten – und dem auch Carl Goerdeler zuzuordnen sei. Mommsen bezog sich auf die Haltung gegenüber den Juden, wie sie etwa im Programm der Deutschkonservativen Partei aus dem Jahr 1892 zum Ausdruck kam: Der „zersetzende jüdische Einfluss“ müsse zurückgedrängt werden, hieß es darin.

Es existieren keine Quellen, die Carl Goerdelers Einstellung zu Juden in jungen Jahren dokumentierten. In der rezipierten Literatur wird sein Aufwachsen in einem Umfeld genannt, das von antijüdischen und antisemitischen Ressentiments geprägt war. Auch seine Mitgliedschaft in der DNVP wird als Beleg dafür herangezogen, dass deren im Parteiprogramm festgehaltene antisemitische Haltung zumindest seiner Mitwirkung im Vorstand der Partei nicht entgegenstand. Im Programm der DNVP aus dem Jahr 1920 hieß es: „Wir wenden uns nachdrücklich gegen die seit der Revolution immer verhängnisvoller hervortretende Vorherrschaft des Judentums in Regierung und Öffentlichkeit.“[10] In seiner Tätigkeit für die Partei trat seine Haltung zur „Judenfrage“ nicht explizit, etwa in Form von Reden, in Erscheinung.

Kriegsniederlage und Novemberrevolution 1918 empfand Carl Goerdeler als Zusammenbruch der von ihm anerkannten staatlichen Ordnung. Im März 1919 schloss er sich den national gesinnten Freikorps an, die in der Regel eine Mitgliedschaft von Juden in ihren Reihen nicht erlaubten. Es sind keine Quellen darüber überliefert, ob er die Vorbehalte gegenüber Juden teilte oder gar guthieß. Erst deutlich später, in einer Denkschrift in Gefangenschaft 1944, berichtete Carl Goerdeler von einer Begebenheit aus dem Jahr 1917.[11] Danach hätten er und sein Bruder Franz in Uniform im Berliner Zoo gesessen. Zwei ältere jüdische Ehepaare seien an ihren Tisch gekommen und hätten sich abschätzig über Offiziere geäußert. Angeekelt über die Taktlosigkeiten hätten sich die Brüder entfernt. In den Gedanken aus dem Jahr 1944 fügt Carl Goerdeler dem Bericht direkt an: „Und ich bin kein Antisemit. Nach dem Kriege verstanden die Juden nicht, sich dem nationalen Unglück gegenüber zurückzuhalten.“ Offensichtlich bezugnehmend auf den Vorfall schrieb er: „So liegt die Schuld bei allen auch bei den Juden, die jedenfalls in Deutschland im ersten Weltkrieg und nachher sich zu taktlos in den Vordergrund geschoben haben.“

Carl Goerdeler verstand sich nicht als Antisemit. Tatsächlich hat er in seiner Zeit in Königsberg 1927 an einer jüdischen religiösen Feier teilgenommen und sich 1933 gegen den Boykott jüdischer Geschäfte in Leipzig gewandt. In der Literatur wird besonders Carl Goerdelers Haltung gegenüber der sogenannten „Judenfrage“ kontrovers diskutiert. In den Fokus geriet dabei seine Vorstellung zu deren „Lösung“ in der zentralen Denkschrift „Das Ziel“ aus dem Jahr 1941,[12] die er 1944 in Gefangenschaft in modifizierter Form erneut aufgriff („Gedanken eines zum Tode Verurteilten über die deutsche Zukunft“). Er plädierte darin für die Schaffung eines Judenstaates in Übersee (Kanada, Südamerika): Die Errichtung eines jüdischen Staates sollte den Juden Rechtssicherheit bringen. Goerdler vertrat eingangs die Auffassung: „Dass das jüdisch Volk einer anderen Rasse angehört, ist eine Binsenweisheit.“ Zeitgenössische Verwendungen des „Rassebegriffs“ einbeziehend, ließe sich daraus allerdings noch kein genuiner Rassismus ableiten.[13] Die Gründung eines jüdischen Staates legt auf den ersten Blick dennoch Parallelen zu entsprechenden NS-Plänen nahe, die im Gegensatz zu Goerdeler aber alles andere als Rechtssicherheit für die Juden im Blick hatten.[14] Der Rechtswissenschaftler Fritz Kieffer erkennt etwa keine Zusammenhänge zwischen Carl Goerdelers Idee und Plänen des NS-Regimes. Christof Dipper und andere kritisierten jedoch, Carl Goerdelers Pläne würden einer Ausbürgerung deutscher Juden gleichkommen, eine „gesellschaftliche Isolierung des jüdischen Volksteils“[15] bedeuten und trotz der von Goerdeler vorgesehenen Ausnahmen die meisten (deutschen) Juden zu Ausländern machen. Gegen diese Auslegung, die für Goerdelers Ziel eines jüdischen Staates einen traditionellen bzw. dissimilatorischen Antisemitismus mit verantwortlich machen, wendete sich vehement der Historiker Peter Hoffmann in seiner Publikation „Carl Goerdeler gegen die Verfolgung der Juden“ aus dem Jahr 2013. Hoffmann vertritt die Auffassung, den formulierten „Ausnahmen“ Goerdelers zufolge „wäre der überwältigenden Mehrheit der deutschen Juden die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten geblieben bzw. wieder gewährt worden“[16]; letztlich wären die Ausnahmen die Regel gewesen. Hoffmann liefert „zum Beweis“ zahlreiche Statistiken, die seine These untermauern sollen. Wie bereits der Titel seiner Publikation nahelegt, sieht Peter Hoffmann Carl Goerdeler als Anwalt der Juden: „Goerdelers Verhalten war eindeutig. Er lehnte die nach dem 30. Januar 1933 einsetzende antijüdische Politik sofort ab und bekämpfte sie.“[17] Für einen dissimilatorischen Antisemitismus sieht Peter Hoffmann bei Carl Goerdeler keinen Beleg; den genannten Kritikern wirft er fehlerhafte Quellenauslegung vor. Hoffmanns Thesen und Ausdeutungen haben in der Widerstandsforschung harsche Kritik, aber auch teilweise Zustimmung hervorgerufen.[18]

Die meisten Forschenden erkennen bei Carl Goerdeler antisemitische Ressentiments. Einig ist die Zunft sich darin, dass Goerdeler Gewalt gegen Juden allgemein und den Holocaust im Besonderen entschieden ablehnte. Die Historikerin Ines Reich kommt zu folgendem Fazit:

„Die Auffassungen Goerdelers und der NSDAP in der ‚Judenfrage‘ differierten in zwei wesentlichen Punkten. Der Antisemitismus besaß für Goerdelers Weltbild nicht die konstitutive Bedeutung wie für die nationalsozialistische Weltanschauung. Außerdem lehnte er jede Form von Terror und Gewaltanwendung ebenso ab wie deren physische Vernichtung. Goerdelers traditioneller Antisemitismus, der das Zurückschrauben jüdischer Assimilation und Emanzipation ebenso umfasste wie die Forderung nach Ausbürgerung und Fremdenrecht für die jüdische Minderheit, bewegte sich doch in gefährlicher Nähe zur nationalsozialistischen Rassenideologie.“[19]

Hans Mommsen wies darauf hin, dass Carl Goerdeler den Rassegedanken im engeren Sinne nie teilte, sich selbst keineswegs als Antisemit ansah und sich bewusst dem Boykott gegen Juden 1933 widersetzte. Aber:

„Gleichwohl befand sich Goerdeler im Einklang mit den namentlich in der deutschen Oberschicht verbreiteten Vorstellungen eines dissimilatorischen Antisemitismus. Dies kam in dem in den Gefängnisschriften mehrfach auftauchenden Hinweis auf ‚die große Schuld der Juden‘ zum Ausdruck, der jedoch von der Formulierung gefolgt war: ‚Wir dürfen den Juden die Rechte nicht versagen, die allen Menschen durch Gott verliehen sind‘. In jedem Falle aber stand er den gewaltsamen Verfolgungsmaßnahmen des Regimes eindeutig ablehnend gegenüber und verurteilte er die Gewaltakte des 9. November 1938, die Eingriffe gegen das polnische Judentum im Spätherbst 1939 und die spätere Vernichtungspolitik mit äußerster Schärfe.“[20]

Manuel Limbach gelangte nach dem Studium von Quellen und Literatur zu folgendem Fazit:

„Die Judenverfolgung missbilligte Goerdeler zutiefst und schämte sich für die Gräueltaten seiner deutschen Mitbürger. Dennoch kamen seine begrenzten antisemitischen Ressentiments auch in seinen Schriften in Widerstand und Gefangenschaft deutlich zum Vorschein. Die Idee der Gründung eines jüdischen Staates erinnert zwar an besagte NS-Pläne dieser Jahre. Doch entsprangen sie einem gänzlich anderen Motiv: Goerdeler wollte den Juden weltweit einen Status zuweisen, der ihnen Rechtssicherheit gebracht hätte. Für die Juden in Deutschland sah er damit jedoch – zumindest seiner erklärten Absicht nach – in der Regel die Ausbürgerung vor. Die ihm von Hoffmann und Kieffer zugeschriebene Intention, allen Juden die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten, lässt sich anhand seiner Schriften nicht belegen, während das Ziel der Ausbürgerung aus dem jeweiligen Gastland redundant ist. […]

Der Befund begrenzter antisemitischer Vorbehalte ändert derweil nichts an der Bewertung des Widerständlers Carl Friedrich Goerdeler, der die Judenverfolgung und den Holocaust zutiefst verurteilte und auch deshalb den Umsturz plante.“[21]

Wie die eingangs zitierte Aussage des renommierten israelischen Holocaust-Forschers Saul Friedländer nahelegt, gilt Carl Goerdeler manchen Historikern bis heute als „erklärter Antisemit“.

Literatur:

  • Dipper, Christof: Der Widerstand und die Juden. In: Geschichte und Gesellschaft 9 (1983), S. 349 – 380.
  • Friedländer, Saul: Ein Genozid wie jeder andere? In: Ders. et al.: Ein Verbrechen ohne Namen. Anmerkungen zum neuen Streit über den Holocaust. München 2022, S. 15 – 31.
  • Gillmann, Sabine/Mommsen, Hans (Hrsg.): Politische Schriften und Briefe Carl Friedrich Goerdelers. 2 Bände. München 2003.
  • Hehl, Ulrich von: Der Leipziger Oberbürgermeister Carl Friedrich Goerdeler im Streit der Meinungen. In: Historisch-Politische Mitteilungen 20 (2013), S. 17 – 35.
  • Hoffmann, Peter: Carl Goerdeler gegen die Verfolgung der Juden. Köln et al. 2013.
  • Kieffer, Fritz: Carl Friedrich Goerdelers Vorschlag zur Gründung eines jüdischen Staates. In: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte 125 (2008), S. 474 – 500.
  • Limbach, Manuel: Carl Goerdeler und die Juden. In: Dolff, Christian-Matthias/Gehrke, Julia/Studt, Christoph (Hrsg.): „Mit jedem Leben, das wir retteten, bekämpften wir Hitler!“ Jüdischer Widerstand und der Widerstand und die Juden. Augsburg 2021, S. 101 – 121.
  • Mommsen, Wolfgang: Carl Friedrich Goerdeler im Widerstand gegen Hitler. In: Gillmann, Sabine/Ders. (Hrsg.): Politische Schriften und Briefe Carl Friedrich Goerdelers. München 2003, S. xxxvii – lxv.
  • Reich, Ines: Carl Friedrich Goerdeler. Ein Oberbürgermeister gegen den NS-Staat. Köln et al. 1997.
  • Ritter, Gerhard: Carl Goerdeler und die deutsche Widerstandsbewegung. Mit einem Brief Goerdelers in Faksimile. Stuttgart 1954.
  • Weiß, Hermann: Goerdeler-Kreis. In: Benz, Wolfgang/Pehle, Walter H. (Hrsg.): Lexikon des deutschen Widerstands. Frankfurt am Main 2001, S. 218 – 222.

 

  • [1] Friedländer, S. 22.
  • [2] Mommsen, S. li.
  • [3] Limbach, S. 121.
  • [4] Reich, S. 275.
  • [5] Reich, S. 276
  • [6] Reich, S. 276.
  • [7] Mommsen, S. l f.
  • [8] Mommsen, S. xlix ff.
  • [9] Limbach, S. 103.
  • [10] Zitiert nach Reich, S. 158.
  • [11] Siehe Reich, S. 157 (hier auch die Zitate im Folgenden); Limbach, S. 105.
  • [12] Gillmann/Mommsen, S. 873 – 949, darin zu „Juden“ S. 895 – 897. Deutungen bei Limbach, S. 115 – 120.
  • [13] Mommsen, S. lxi, Limbach, S. 116.
  • [14] Limbach, S. 117. Der Rechtswissenschaftler Fritz Kieffer erkennt keine Zusammenhänge
  • [15] Mommsen, S. lxi.
  • [16] Hoffmann, S. 243. Ausführlich dazu S. 197 – 232 sowie S. 238 – 248.
  • [17] Hoffmann, S. 235.
  • [18] Zusammenfassend der Beitrag von Ulrich von Hehl sowie – darauf basierend – Limbach, S. 103.
  • [19] Reich, S. 277.
  • [20] Mommsen, S. lxi.
  • [21] Limbach, S. 121.

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