{"id":7541,"date":"2023-06-07T11:43:57","date_gmt":"2023-06-07T09:43:57","guid":{"rendered":"https:\/\/aschaffenburgzweinull.stadtarchiv-digital.de\/?p=7541"},"modified":"2023-06-19T12:13:49","modified_gmt":"2023-06-19T10:13:49","slug":"dossier-carl-goerdeler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aschaffenburgzweinull.stadtarchiv-digital.de\/dossier-carl-goerdeler\/","title":{"rendered":"Dossier Carl Goerdeler"},"content":{"rendered":"<p>Goerdelerstra\u00dfe (Nilkheim), benannt 1988 nach<\/p>\n<p><strong>Carl Friedrich Goerdeler (1884 \u2013 1945)<\/strong><\/p>\n<p>Jurist und Politiker; Widerstand<\/p>\n<ul>\n<li>* 31. Juli 1884 in Schneidem\u00fchl (Provinz Posen)<\/li>\n<li>1891 \u2013 1902 Besuch des humanistischen Gymnasiums in Marienwerder<\/li>\n<li>1902 \u2013 1905 Studium der Rechtswissenschaften in T\u00fcbingen und K\u00f6nigsberg<\/li>\n<li>1905 \u2013 1906 Einj\u00e4hrig-Freiwilliger beim 1. Ostpreu\u00dfischen Feldartillerie-Regiment Nr. 16<\/li>\n<li>1911 Ablegen des zweiten Staatsexamens, ernannt zum Gerichtsassessor<\/li>\n<li>1911 Praktika im Bankwesen und Hochzeit mit Anneliese Ullrich (f\u00fcnf Kinder)<\/li>\n<li>1911 \u2013 1920 Jurist in Diensten der Stadtverwaltung Solingen; Erster Beigeordneter ab 1912<\/li>\n<li>1914 \u2013 1918\/19 Soldat (Offizier) im Ersten Weltkrieg<\/li>\n<li>1919 Als Freikorps-Mitglied Teilnahme an Stra\u00dfenk\u00e4mpfen in Berlin<\/li>\n<li>1919 Mitglied im Deutschen Ostbund<\/li>\n<li>1919 \u2013 1931 Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP)<\/li>\n<li>1920 \u2013 1930 zweiter B\u00fcrgermeister in K\u00f6nigsberg<\/li>\n<li>1930 \u2013 1936\/37 Oberb\u00fcrgermeister von Leipzig<\/li>\n<li>1932\/1934 Reichskommissar f\u00fcr die Preis\u00fcberwachung<\/li>\n<li>Mitglied im Bund Nationalsozialistischer Deutscher Juristen<\/li>\n<li>1937 Berater f\u00fcr Finanzfragen bei Bosch<\/li>\n<li>1937 \u2013 1939 Auslandsreisen im Auftrag der Firmen Bosch und Krupp<\/li>\n<li>Ab 1938\/39 aktiver systemdurchbrechender Widerstand gegen das NS-Regimes<\/li>\n<li>1941 programmatische Denkschrift \u201eDas Ziel\u201c<\/li>\n<li>1944 Festnahme und Inhaftierung (Einzelhaft)<\/li>\n<li>1944\/45 weitere programmatische Stellungnahmen und Denkschriften in Gefangenschaft<\/li>\n<li>\u2020 2. Februar 1945 in Berlin-Pl\u00f6tzensee (Tod durch Erh\u00e4ngen)<\/li>\n<\/ul>\n<p><em>Ehrungen:<\/em><\/p>\n<ul>\n<li>Zahlreiche Stra\u00dfen im Bundesgebiet sind nach Carl Goerdeler benannt.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eSelbst Mitglieder des Widerstands gegen Hitler wie Carl Goerdeler waren bis zum Ende erkl\u00e4rte Antisemiten.\u201c <\/em>(Saul Friedl\u00e4nder, 2022)<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p><strong>Wirken in der NS-Zeit<\/strong><\/p>\n<p>Carl Friedrich Goerdeler war ohne Zweifel eine der treibenden Kr\u00e4fte des zivilen b\u00fcrgerlich-konservativen Widerstands gegen Adolf Hitler und das NS-Regime. Sp\u00e4testens seit 1939 befand er sich auf dem Weg des aktiven systemdurchbrechenden Widerstands. Um es mit den Worten von Hans Mommsen zu sagen:<\/p>\n<p>\u201eFragt man nach Goerdelers Stellung in der Widerstandsbewegung gegen Hitler, so ist zun\u00e4chst festzuhalten, dass er zwischen 1939 und 1944 im Mittelpunkt der zivilen Opposition gestanden und sich durch unabl\u00e4ssige Bem\u00fchungen hervorgetan hat, einerseits den Kreis der Verschw\u00f6rer nach Kr\u00e4ften zu erweitern, andererseits Druck auf das Milit\u00e4r auszu\u00fcben, sich gegen den Diktator zu stellen und ihn notfalls gewaltsam zu st\u00fcrzen.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>W\u00e4hrend der NS-Zeit bekleidete Carl Goerdeler zun\u00e4chst weiterhin offizielle \u00c4mter. Bis 1936 blieb er als Oberb\u00fcrgermeister von Leipzig im Amt, obwohl er nicht Mitglied der NSDAP wurde \u2013 was nur wenigen seiner Oberb\u00fcrgermeister-Kollegen beschieden war. Parallel zu seinem Amt fungierte er zwischen Ende 1931 (noch unter Reichskanzler Heinrich Br\u00fcning) und 1935 als Reichkommissar f\u00fcr Preis\u00fcberwachung. Mit der Annahme dieses Amtes war er aus der DNVP ausgetreten, der er seit 1919 angeh\u00f6rt hatte und in der er zwischenzeitlich hohe Partei\u00e4mter bekleidete (er war im Vorstand der Gesamtpartei 1922 \u2013 1927). Grund f\u00fcr den Austritt war wohl die fundamentale Opposition der Partei und ihres Vorsitzenden Alfred Hugenberg zu der auf Reichsebene vertretenen Wirtschaftspolitik.<\/p>\n<p>Die historische Forschung deutet Carl Goerdelers Wirken ab 1933 und seine tradierten Schriften als Beleg daf\u00fcr, dass er 1933 den Regierungswechsel und den damit verbundenen politischen Umbruch begr\u00fc\u00dfte und bis 1938 noch daran glaubte, auf den NS-Staat m\u00e4\u00dfigenden Einfluss aus\u00fcben zu k\u00f6nnen. Er bewegte sich \u201ein einem steten Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen Kooperation und Konfrontation zum Hitler-Regime\u201c.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Im November 1936 trat er vom Posten des Oberb\u00fcrgermeisters in Leipzig zur\u00fcck: W\u00e4hrend er sich auf einer Dienstreise befand, hatten Nationalsozialisten um seinen Stellvertreter Haake die Gelegenheit genutzt, eine Statue des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy entfernen zu lassen \u2013 wogegen Carl Goerdeler zuvor Vorbehalte formuliert hatte. F\u00fcr seine darauffolgenden Proteste erhielt er weder vom Stadtrat noch auf Reichsebene nennenswerten R\u00fcckhalt. Daraufhin erfolgte sein R\u00fccktritt.<\/p>\n<p>Nach der Macht\u00fcbernahme durch die Nationalsozialisten Ende Januar 1933 unterst\u00fctzte Carl Goerdeler mehrere politische Entwicklungen, wie Ines Reich in ihrer Teil-Biografie 1997 zu Carl Goerdelers Wirken als OB in Leipzig verdeutlichte. \u201eDie Affinit\u00e4t Goerdelers zu autorit\u00e4ren Verfassungsl\u00f6sungen, antidemokratischen und antiparlamentarischen Ideen sowie au\u00dfenpolitischem Revisionismus, wie sie der Nationalsozialismus propagierte, wurzelte in seiner geographischen und sozialen Herkunft.\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Auch andere Autoren betonen die tiefe Verbundenheit Goerdelers mit den Staats- und Kulturtraditionen der Wilhelminischen Gesellschaft, seine Herkunft aus einer ostpreu\u00dfischen Juristenfamilie sowie sein Aufwachsen im Geiste altpreu\u00dfisch-konservativen Beamtentums im Grenzgebiet zu Polen. Grundlegend f\u00fcr Goerdelers anf\u00e4ngliche Bereitschaft zur Kooperation mit den Nationalsozialisten waren \u201epolitische Interessensparallelit\u00e4ten\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> im Bereich der Kommunalpolitik, einen in Goerdelers politischem Verst\u00e4ndnis ma\u00dfgeblichen Kernbereich. Gemeinsamkeiten erstreckten sich \u201eauf die grunds\u00e4tzliche Forderung nach dem Selbstverwaltungsrecht der Gemeinden, auf die Revision der Weimarer Verh\u00e4ltnisse in den Kommunalverfassungen, was eine Entparlamentarisierung der Verwaltung und den Ausbau der st\u00e4dtischen Exekutive bedeutete, und auf die Durchsetzung des F\u00fchrerprinzips\u201c.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Au\u00dferdem teilte Goerdeler au\u00dfenpolitische Ambitionen des NS-Regimes (Revision des Versailler Vertrags, Wiedererlangung der Kolonien). \u201eDer Weg Goerdelers vom Systemtr\u00e4ger zum Systemgegner war verschlungen und steinig\u201c, wie Ines Reich res\u00fcmierte. Der Weg in den erkl\u00e4rten Widerstand f\u00fchrte ihn \u00fcber eine Teilopposition (ablehnende Kritik ab 1935) und eine sp\u00e4testens seit Sommer 1937 nachweisbare Oppositionshaltung gegen\u00fcber dem NS-Regime. Unterst\u00fctzt etwa von Robert Bosch und dessen oppositionellen Stuttgarter Kreis \u2013 aber auch mit Zustimmung Hermann G\u00f6rings \u2013 unternahm er 1938 und 1939 ausgedehnte Auslandsreisen, die seinen au\u00dfenpolitischen Horizont erweiterten. Mit umfassenden Berichten \u00fcber die politische und \u00f6konomische Lage der Nachbarl\u00e4nder suchte er (weitgehend erfolglos) Einfluss auf die Regierung zu nehmen und die Entfesselung eines Krieges zu verhindern.<\/p>\n<p>\u201eVon fundamentaler Bedeutung war die Verbindung, die sich 1941 zwischen Goerdeler und dem K\u00f6lner Gewerkschaftskreis, insbesondere zu Wilhelm Leuschner und Jakob Kaiser, herstellte\u201c, befand Hans Mommsen.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> \u00dcber Carl Goerdelers Beziehungen zu Mitgliedern und Sympathisanten unterschiedlicher Gruppierungen des Widerstands gegen das NS-Regimes gibt es in der genannten Literatur ausf\u00fchrliche Darstellungen. In den Planungen und auf Ministerlisten des b\u00fcrgerlichen Widerstands (ab Winter 1941\/42) war Goerdeler als Regierungschef nach dem Umsturz vorgesehen. Carl Goerdeler verfasste eine ungew\u00f6hnlich gro\u00dfe Zahl an Denkschriften und kritischen Reflexionen \u00fcber innen- wie au\u00dfenpolitische Konstellationen. Welche Einfl\u00fcsse seine Verbindungen und theoretischen \u00dcberlegungen im Falle eines gegl\u00fcckten Umsturzes gehabt h\u00e4tten, l\u00e4sst sich nur schwer beurteilen.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Fest steht, was hier nicht n\u00e4her erl\u00e4utert werden muss, dass er ein bedeutendes Mitglied des aktiven Widerstands gegen das NS-Regime war. Nach dem Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 wurde er auf der Flucht verhaftet (der Haftbefehl datierte bereits auf den 12. Juli 1944) und am 2. Februar 1945 in Berlin-Pl\u00f6tzensee erh\u00e4ngt.<\/p>\n<p><strong>Carl Goerdeler und der Antisemitismus<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich die historische Forschung einig dar\u00fcber ist, dass Carl Goerdeler eine herausgehobene Rolle im zivilen Widerstand gegen Adolf Hitler und das NS-Regime spielte (sein tats\u00e4chlicher Einfluss wird differenzierend bewertet), gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen dar\u00fcber, wie seine Haltung gegen\u00fcber den Juden zu beurteilen sei. \u201eDie Ansichten \u00fcber Goerdelers Verh\u00e4ltnis zu den Juden liegen [\u2026] nach wie vor weit auseinander\u201c, wie Manuel Limbach j\u00fcngst in seinem Aufsatz \u201eCarl Goerdeler und die Juden\u201c konstatierte.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Dabei geht es weniger um neue Quellen als um die Ausdeutung seiner tradierten Schriften, die seit 2003 in einer doppelb\u00e4ndigen Edition vorliegen, herausgegeben von Sabine Gillmann und Hans Mommsen. Eine aktuelle Gesamtbiografie liegt nicht vor; seit 1954 bleibt die in mehreren Auflagen erschienene Biografie \u201eCarl Goerdeler und die deutsche Widerstandsbewegung\u201c von Gerhard Ritter ma\u00dfgeblich.<\/p>\n<p>Beginnend in den 1980er Jahren nahmen Historiker wie Christof Dipper und Hans Mommsen die Haltung von Mitgliedern des konservativen Widerstands gegen\u00fcber Juden kritisch in den Blick. Konservative Widerst\u00e4ndler \u2013 darunter Carl Goerdeler \u2013 wurden als Anh\u00e4nger eines traditionellen Antisemitismus bezeichnet. Hans Mommsen pr\u00e4gte den Begriff des \u201edissimilatorischen Antisemitismus\u201c, den die konservativen Eliten des Kaiserreichs herausgebildet h\u00e4tten \u2013 und dem auch Carl Goerdeler zuzuordnen sei. Mommsen bezog sich auf die Haltung gegen\u00fcber den Juden, wie sie etwa im Programm der Deutschkonservativen Partei aus dem Jahr 1892 zum Ausdruck kam: Der \u201ezersetzende j\u00fcdische Einfluss\u201c m\u00fcsse zur\u00fcckgedr\u00e4ngt werden, hie\u00df es darin.<\/p>\n<p>Es existieren keine Quellen, die Carl Goerdelers Einstellung zu Juden in jungen Jahren dokumentierten. In der rezipierten Literatur wird sein Aufwachsen in einem Umfeld genannt, das von antij\u00fcdischen und antisemitischen Ressentiments gepr\u00e4gt war. Auch seine Mitgliedschaft in der DNVP wird als Beleg daf\u00fcr herangezogen, dass deren im Parteiprogramm festgehaltene antisemitische Haltung zumindest seiner Mitwirkung im Vorstand der Partei nicht entgegenstand. Im Programm der DNVP aus dem Jahr 1920 hie\u00df es: \u201eWir wenden uns nachdr\u00fccklich gegen die seit der Revolution immer verh\u00e4ngnisvoller hervortretende Vorherrschaft des Judentums in Regierung und \u00d6ffentlichkeit.\u201c<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> In seiner T\u00e4tigkeit f\u00fcr die Partei trat seine Haltung zur \u201eJudenfrage\u201c nicht explizit, etwa in Form von Reden, in Erscheinung.<\/p>\n<p>Kriegsniederlage und Novemberrevolution 1918 empfand Carl Goerdeler als Zusammenbruch der von ihm anerkannten staatlichen Ordnung. Im M\u00e4rz 1919 schloss er sich den national gesinnten Freikorps an, die in der Regel eine Mitgliedschaft von Juden in ihren Reihen nicht erlaubten. Es sind keine Quellen dar\u00fcber \u00fcberliefert, ob er die Vorbehalte gegen\u00fcber Juden teilte oder gar guthie\u00df. Erst deutlich sp\u00e4ter, in einer Denkschrift in Gefangenschaft 1944, berichtete Carl Goerdeler von einer Begebenheit aus dem Jahr 1917.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> Danach h\u00e4tten er und sein Bruder Franz in Uniform im Berliner Zoo gesessen. Zwei \u00e4ltere j\u00fcdische Ehepaare seien an ihren Tisch gekommen und h\u00e4tten sich absch\u00e4tzig \u00fcber Offiziere ge\u00e4u\u00dfert. Angeekelt \u00fcber die Taktlosigkeiten h\u00e4tten sich die Br\u00fcder entfernt. In den Gedanken aus dem Jahr 1944 f\u00fcgt Carl Goerdeler dem Bericht direkt an: \u201eUnd ich bin kein Antisemit. Nach dem Kriege verstanden die Juden nicht, sich dem nationalen Ungl\u00fcck gegen\u00fcber zur\u00fcckzuhalten.\u201c Offensichtlich bezugnehmend auf den Vorfall schrieb er: \u201eSo liegt die Schuld bei allen auch bei den Juden, die jedenfalls in Deutschland im ersten Weltkrieg und nachher sich zu taktlos in den Vordergrund geschoben haben.\u201c<\/p>\n<p>Carl Goerdeler verstand sich nicht als Antisemit. Tats\u00e4chlich hat er in seiner Zeit in K\u00f6nigsberg 1927 an einer j\u00fcdischen religi\u00f6sen Feier teilgenommen und sich 1933 gegen den Boykott j\u00fcdischer Gesch\u00e4fte in Leipzig gewandt. In der Literatur wird besonders Carl Goerdelers Haltung gegen\u00fcber der sogenannten \u201eJudenfrage\u201c kontrovers diskutiert. In den Fokus geriet dabei seine Vorstellung zu deren \u201eL\u00f6sung\u201c in der zentralen Denkschrift \u201eDas Ziel\u201c aus dem Jahr 1941,<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> die er 1944 in Gefangenschaft in modifizierter Form erneut aufgriff (\u201eGedanken eines zum Tode Verurteilten \u00fcber die deutsche Zukunft\u201c). Er pl\u00e4dierte darin f\u00fcr die Schaffung eines Judenstaates in \u00dcbersee (Kanada, S\u00fcdamerika): Die Errichtung eines j\u00fcdischen Staates sollte den Juden Rechtssicherheit bringen. Goerdler vertrat eingangs die Auffassung: \u201eDass das j\u00fcdisch Volk einer anderen Rasse angeh\u00f6rt, ist eine Binsenweisheit.\u201c Zeitgen\u00f6ssische Verwendungen des \u201eRassebegriffs\u201c einbeziehend, lie\u00dfe sich daraus allerdings noch kein genuiner Rassismus ableiten.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Die Gr\u00fcndung eines j\u00fcdischen Staates legt auf den ersten Blick dennoch Parallelen zu entsprechenden NS-Pl\u00e4nen nahe, die im Gegensatz zu Goerdeler aber alles andere als Rechtssicherheit f\u00fcr die Juden im Blick hatten.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> Der Rechtswissenschaftler Fritz Kieffer erkennt etwa keine Zusammenh\u00e4nge zwischen Carl Goerdelers Idee und Pl\u00e4nen des NS-Regimes. Christof Dipper und andere kritisierten jedoch, Carl Goerdelers Pl\u00e4ne w\u00fcrden einer Ausb\u00fcrgerung deutscher Juden gleichkommen, eine \u201egesellschaftliche Isolierung des j\u00fcdischen Volksteils\u201c<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a> bedeuten und trotz der von Goerdeler vorgesehenen Ausnahmen die meisten (deutschen) Juden zu Ausl\u00e4ndern machen. Gegen diese Auslegung, die f\u00fcr Goerdelers Ziel eines j\u00fcdischen Staates einen traditionellen bzw. dissimilatorischen Antisemitismus mit verantwortlich machen, wendete sich vehement der Historiker Peter Hoffmann in seiner Publikation \u201eCarl Goerdeler gegen die Verfolgung der Juden\u201c aus dem Jahr 2013. Hoffmann vertritt die Auffassung, den formulierten \u201eAusnahmen\u201c Goerdelers zufolge \u201ew\u00e4re der \u00fcberw\u00e4ltigenden Mehrheit der deutschen Juden die deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit erhalten geblieben bzw. wieder gew\u00e4hrt worden\u201c<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a>; letztlich w\u00e4ren die Ausnahmen die Regel gewesen. Hoffmann liefert \u201ezum Beweis\u201c zahlreiche Statistiken, die seine These untermauern sollen. Wie bereits der Titel seiner Publikation nahelegt, sieht Peter Hoffmann Carl Goerdeler als Anwalt der Juden: \u201eGoerdelers Verhalten war eindeutig. Er lehnte die nach dem 30. Januar 1933 einsetzende antij\u00fcdische Politik sofort ab und bek\u00e4mpfte sie.\u201c<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a> F\u00fcr einen dissimilatorischen Antisemitismus sieht Peter Hoffmann bei Carl Goerdeler keinen Beleg; den genannten Kritikern wirft er fehlerhafte Quellenauslegung vor. Hoffmanns Thesen und Ausdeutungen haben in der Widerstandsforschung harsche Kritik, aber auch teilweise Zustimmung hervorgerufen.<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a><\/p>\n<p>Die meisten Forschenden erkennen bei Carl Goerdeler antisemitische Ressentiments. Einig ist die Zunft sich darin, dass Goerdeler Gewalt gegen Juden allgemein und den Holocaust im Besonderen entschieden ablehnte. Die Historikerin Ines Reich kommt zu folgendem Fazit:<\/p>\n<p>\u201eDie Auffassungen Goerdelers und der NSDAP in der \u201aJudenfrage\u2018 differierten in zwei wesentlichen Punkten. Der Antisemitismus besa\u00df f\u00fcr Goerdelers Weltbild nicht die konstitutive Bedeutung wie f\u00fcr die nationalsozialistische Weltanschauung. Au\u00dferdem lehnte er jede Form von Terror und Gewaltanwendung ebenso ab wie deren physische Vernichtung. Goerdelers traditioneller Antisemitismus, der das Zur\u00fcckschrauben j\u00fcdischer Assimilation und Emanzipation ebenso umfasste wie die Forderung nach Ausb\u00fcrgerung und Fremdenrecht f\u00fcr die j\u00fcdische Minderheit, bewegte sich doch in gef\u00e4hrlicher N\u00e4he zur nationalsozialistischen Rassenideologie.\u201c<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a><\/p>\n<p>Hans Mommsen wies darauf hin, dass Carl Goerdeler den Rassegedanken im engeren Sinne nie teilte, sich selbst keineswegs als Antisemit ansah und sich bewusst dem Boykott gegen Juden 1933 widersetzte. Aber:<\/p>\n<p>\u201eGleichwohl befand sich Goerdeler im Einklang mit den namentlich in der deutschen Oberschicht verbreiteten Vorstellungen eines dissimilatorischen Antisemitismus. Dies kam in dem in den Gef\u00e4ngnisschriften mehrfach auftauchenden Hinweis auf \u201adie gro\u00dfe Schuld der Juden\u2018 zum Ausdruck, der jedoch von der Formulierung gefolgt war: \u201aWir d\u00fcrfen den Juden die Rechte nicht versagen, die allen Menschen durch Gott verliehen sind\u2018. In jedem Falle aber stand er den gewaltsamen Verfolgungsma\u00dfnahmen des Regimes eindeutig ablehnend gegen\u00fcber und verurteilte er die Gewaltakte des 9. November 1938, die Eingriffe gegen das polnische Judentum im Sp\u00e4therbst 1939 und die sp\u00e4tere Vernichtungspolitik mit \u00e4u\u00dferster Sch\u00e4rfe.\u201c<a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a><\/p>\n<p>Manuel Limbach gelangte nach dem Studium von Quellen und Literatur zu folgendem Fazit:<\/p>\n<p>\u201eDie Judenverfolgung missbilligte Goerdeler zutiefst und sch\u00e4mte sich f\u00fcr die Gr\u00e4ueltaten seiner deutschen Mitb\u00fcrger. Dennoch kamen seine begrenzten antisemitischen Ressentiments auch in seinen Schriften in Widerstand und Gefangenschaft deutlich zum Vorschein. Die Idee der Gr\u00fcndung eines j\u00fcdischen Staates erinnert zwar an besagte NS-Pl\u00e4ne dieser Jahre. Doch entsprangen sie einem g\u00e4nzlich anderen Motiv: Goerdeler wollte den Juden weltweit einen Status zuweisen, der ihnen Rechtssicherheit gebracht h\u00e4tte. F\u00fcr die Juden in Deutschland sah er damit jedoch \u2013 zumindest seiner erkl\u00e4rten Absicht nach \u2013 in der Regel die Ausb\u00fcrgerung vor. Die ihm von Hoffmann und Kieffer zugeschriebene Intention, allen Juden die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft zu erhalten, l\u00e4sst sich anhand seiner Schriften nicht belegen, w\u00e4hrend das Ziel der Ausb\u00fcrgerung aus dem jeweiligen Gastland redundant ist. [\u2026]<\/p>\n<p>Der Befund begrenzter antisemitischer Vorbehalte \u00e4ndert derweil nichts an der Bewertung des Widerst\u00e4ndlers Carl Friedrich Goerdeler, der die Judenverfolgung und den Holocaust zutiefst verurteilte und auch deshalb den Umsturz plante.\u201c<a href=\"#_ftn21\" name=\"_ftnref21\">[21]<\/a><\/p>\n<p>Wie die eingangs zitierte Aussage des renommierten israelischen Holocaust-Forschers Saul Friedl\u00e4nder nahelegt, gilt Carl Goerdeler manchen Historikern bis heute als \u201eerkl\u00e4rter Antisemit\u201c.<\/p>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Dipper, Christof: Der Widerstand und die Juden. In: Geschichte und Gesellschaft 9 (1983), S. 349 \u2013 380.<\/li>\n<li>Friedl\u00e4nder, Saul: Ein Genozid wie jeder andere? In: Ders. et al.: Ein Verbrechen ohne Namen. Anmerkungen zum neuen Streit \u00fcber den Holocaust. M\u00fcnchen 2022, S. 15 \u2013 31.<\/li>\n<li>Gillmann, Sabine\/Mommsen, Hans (Hrsg.): Politische Schriften und Briefe Carl Friedrich Goerdelers. 2 B\u00e4nde. M\u00fcnchen 2003.<\/li>\n<li>Hehl, Ulrich von: Der Leipziger Oberb\u00fcrgermeister Carl Friedrich Goerdeler im Streit der Meinungen. In: Historisch-Politische Mitteilungen 20 (2013), S. 17 \u2013 35.<\/li>\n<li>Hoffmann, Peter: Carl Goerdeler gegen die Verfolgung der Juden. Ko\u0308ln et al. 2013.<\/li>\n<li>Kieffer, Fritz: Carl Friedrich Goerdelers Vorschlag zur Gr\u00fcndung eines j\u00fcdischen Staates. In: Zeitschrift der Savigny-Stiftung f\u00fcr Rechtsgeschichte 125 (2008), S. 474 \u2013 500.<\/li>\n<li>Limbach, Manuel: Carl Goerdeler und die Juden. In: Dolff, Christian-Matthias\/Gehrke, Julia\/Studt, Christoph (Hrsg.): \u201eMit jedem Leben, das wir retteten, bek\u00e4mpften wir Hitler!\u201c J\u00fcdischer Widerstand und der Widerstand und die Juden. Augsburg 2021, S. 101 \u2013 121.<\/li>\n<li>Mommsen, Wolfgang: Carl Friedrich Goerdeler im Widerstand gegen Hitler. In: Gillmann, Sabine\/Ders. (Hrsg.): Politische Schriften und Briefe Carl Friedrich Goerdelers. M\u00fcnchen 2003, S. xxxvii \u2013 lxv.<\/li>\n<li>Reich, Ines: Carl Friedrich Goerdeler. Ein Oberb\u00fcrgermeister gegen den NS-Staat. Ko\u0308ln et al. 1997.<\/li>\n<li>Ritter, Gerhard: Carl Goerdeler und die deutsche Widerstandsbewegung. Mit einem Brief Goerdelers in Faksimile. Stuttgart 1954.<\/li>\n<li>Wei\u00df, Hermann: Goerdeler-Kreis. In: Benz, Wolfgang\/Pehle, Walter H. (Hrsg.): Lexikon des deutschen Widerstands. Frankfurt am Main 2001, S. 218 \u2013 222.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Friedl\u00e4nder, S. 22.<\/li>\n<li><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Mommsen, S. li.<\/li>\n<li><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Limbach, S. 121.<\/li>\n<li><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Reich, S. 275.<\/li>\n<li><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Reich, S. 276<\/li>\n<li><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Reich, S. 276.<\/li>\n<li><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Mommsen, S. l f.<\/li>\n<li><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Mommsen, S. xlix ff.<\/li>\n<li><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Limbach, S. 103.<\/li>\n<li><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Zitiert nach Reich, S. 158.<\/li>\n<li><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Siehe Reich, S. 157 (hier auch die Zitate im Folgenden); Limbach, S. 105.<\/li>\n<li><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Gillmann\/Mommsen, S. 873 \u2013 949, darin zu \u201eJuden\u201c S. 895 \u2013 897. Deutungen bei Limbach, S. 115 \u2013 120.<\/li>\n<li><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Mommsen, S. lxi, Limbach, S. 116.<\/li>\n<li><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Limbach, S. 117. Der Rechtswissenschaftler Fritz Kieffer erkennt keine Zusammenh\u00e4nge<\/li>\n<li><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Mommsen, S. lxi.<\/li>\n<li><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Hoffmann, S. 243. Ausf\u00fchrlich dazu S. 197 \u2013 232 sowie S. 238 \u2013 248.<\/li>\n<li><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Hoffmann, S. 235.<\/li>\n<li><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Zusammenfassend der Beitrag von Ulrich von Hehl sowie \u2013 darauf basierend &#8211; Limbach, S. 103.<\/li>\n<li><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> Reich, S. 277.<\/li>\n<li><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> Mommsen, S. lxi.<\/li>\n<li><a href=\"#_ftnref21\" name=\"_ftn21\">[21]<\/a> Limbach, S. 121.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Goerdelerstra\u00dfe (Nilkheim), benannt 1988 nach Carl Friedrich Goerdeler (1884 \u2013 1945) Jurist und Politiker; Widerstand * 31. 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