{"id":4355,"date":"2022-03-28T08:06:27","date_gmt":"2022-03-28T06:06:27","guid":{"rendered":"https:\/\/aschaffenburgzweinull.stadtarchiv-digital.de\/?p=4355"},"modified":"2022-03-29T09:19:24","modified_gmt":"2022-03-29T07:19:24","slug":"bodendenkmaeler-alte-dechantei-st-peter-und-alexander","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aschaffenburgzweinull.stadtarchiv-digital.de\/bodendenkmaeler-alte-dechantei-st-peter-und-alexander\/","title":{"rendered":"Bodendenkm\u00e4ler &#8211; &#8222;Alte Dechantei&#8220; St. Peter und Alexander"},"content":{"rendered":"<p>Das Gel\u00e4nde der \u201eAlten Dechantei\u201c des Stiftes St. Peter und Alexander im zentralen Teil der Oberstadt reicht von der Pfaffengasse 13 r\u00fcckw\u00e4rtig bis an die Schlo\u00dfgasse heran. Zum Stiftshof geh\u00f6rten Haupthaus, Nebenh\u00e4user, Schuppen und Wagen-Einstellplatz. Die erste urkundliche Erw\u00e4hnung aus dem Jahre 1315 weist bereits auf den Wohnsitz des Dekans hin. Diese Funktion behielt das Anwesen bis zum Jahre 1764, als die neu erbaute Kurie \u201eZur Alten M\u00fcnze\u201c in der Stiftsgasse zum Sitz des Stiftsdechanten erhoben wurde. Der Hof in der Pfaffengasse war zu dieser Zeit deutlich heruntergekommen. 1824 wurde hier durch die \u201eKasinogesellschaft\u201c ein Ballsaal errichtet, ein vollkommen neues Geb\u00e4ude ohne Ber\u00fccksichtigung der alten Bebauungsstrukturen. Dabei wurden auch die Stra\u00dfenfluchten in der Pfaffengasse und zum Karlplatz hin ver\u00e4ndert. Zun\u00e4chst fanden 1987 im r\u00fcckw\u00e4rtigen Grundst\u00fccksteil des Stiftshofes Umbauten zur Einrichtung des Restaurants \u201eZum Fegerer\u201c statt. Dabei wurde auch ein etwa 2 m tiefer Keller angeschnitten, der aus Bruchsteinen errichtet und mit einem Tonnengew\u00f6lbe abgeschlossen war. Aus der Verf\u00fcllung stammen zahlreiche Keramik- und Glasfunde des ausgehenden 17. und 18. Jh. Das Fundmaterial geh\u00f6rt offenbar in den Kontext des gleichen \u00fcppigen Festes aus der Zeit um 1740 wie die unter dem Bachsaal entdeckten Funde (Vgl. Baudenkm\u00e4ler, <a href=\"https:\/\/aschaffenburgzweinull.stadtarchiv-digital.de\/?p=3982&amp;preview=true\">Pfaffengasse 13<\/a>).<\/p>\n<p>Im Zuge von Umbauarbeiten wurde im April 1989 begonnen, den westlichen Teil des Bachsaales, des ehem. Ballsaals der Kasinogesellschaft, zu unterkellern. Die baubegleitenden arch\u00e4ologischen Untersuchungen wurden von den Museen der Stadt Aschaffenburg mit Unterst\u00fctzung des Bayerischen Landesamtes f\u00fcr Denkmalpflege durchgef\u00fchrt. Bei den Arbeiten wurden, dicht beieinanderliegend, ein fr\u00fchneuzeitlicher Brunnen, eine fr\u00fchneuzeitliche Latrine mit zahlreichen Funden sowie eine vermutlich sekund\u00e4r umgelagerte Kulturschicht aufgedeckt, die Funde der Sp\u00e4thallstatt-\/Fr\u00fchlat\u00e8nezeit, der Sp\u00e4tlat\u00e8nezeit, der V\u00f6lkerwanderungszeit und des fr\u00fchen und hohen Mittelalters enthielt. Die Latrinengrube und der Brunnen waren in ein ca. 1,4 m m\u00e4chtiges, dunkles Erdpaket eingetieft worden, welches unter einer mittelalterlichen Deckschicht lag. Eine stratigraphische Schichtung war hierin allerdings nicht zu beobachten. Die ur-und fr\u00fchgeschichtlichen Funde lagen \u00fcberwiegend in der Latrine \u00fcber den neuzeitlichen Funden. Dies bedeutet, dass der Aushub bei Anlage der Latrinengrube kurzfristig neben dieser gelagert und dann wieder zur Verf\u00fcllung benutzt worden war. Die noch aus Schichtzusammenhang geborgenen Funde waren ebenfalls durchmischt, sodass lat\u00e8nezeitliche Keramik mit fr\u00fchmittelalterlicher Pingsdorfer Ware vergesellschaftet war. Somit wurde offenbar bereits das dunkle Schichtpaket sekund\u00e4r an dieser Stelle gelagert. Beim dem ur- und fr\u00fchgeschichtlichen Fundgut handelt es sich \u00fcberwiegend um stark zerscherbte Reste typischer Siedlungskeramik, die nicht immer eindeutig zu periodisieren sind. Einzelne Funde belegen eine bronzezeitliche sowie eine sp\u00e4tantike Besiedlung. Auff\u00e4llig sind sehr seltene Teile eines Zaumzeuges vom Typ Wijshagan, ein Schwertscheidenbeschlag und qualit\u00e4tvolle Keramik, welche auf die Anwesenheit fr\u00fchlat\u00e8nezeitlicher Eliten hindeuten.<\/p>\n<p>Die neuzeitliche Latrine, eine langrechteckige Grube von 2,5 m Tiefe und gut 1 m Breite, war vermutlich nur wenige Tage in Benutzung. Darauf deuten die Verf\u00fcllung mit dem Aushubmaterial und die fehlende Versteifung der W\u00e4nde. In dem \u00fcberwiegend sandigen Boden w\u00e4re die ungesicherte Grube sehr wahrscheinlich bald eingebrochen. Beachtenswert ist vor allem das zeitlich recht homogene Fundmaterial, das wohl um 1740 entsorgt wurde und offensichtlich mit einem einzigen Ereignis zusammenh\u00e4ngt. Die Art der Funde spricht f\u00fcr ein \u00fcppiges, mehrt\u00e4giges Fest. Die Masse des Materials machen Keramik und Glas aus. Reich dekorierte, mit Nuppenauflagen versehene oder geschliffene R\u00f6mer, Becher, Stangen- sowie Kelchgl\u00e4ser fanden sich ebenso wie Weinflaschen. Unter der Keramik sind malhorndekorierte Teller und Sch\u00fcsseln aus Irdenware ebenso vertreten wie elegante Fayencen mit Rokokomalereien. Dazu treten Kannen und Kr\u00fcge aus Steinzeug. Rasiersch\u00fcsseln und Nachtt\u00f6pfe k\u00f6nnen den Eindruck einer tagelangen Lustbarkeit nur unterst\u00fctzen. Reste t\u00f6nerner Tabakspfeifen lassen sich besonders exakt datieren und wurden ma\u00dfgeblich f\u00fcr die Datierung herangezogen. Die herausragenden Erhaltungsbedingungen f\u00fcr organische Abf\u00e4lle gestatten einen Einblick in den Speisezettel. Es wurden die \u00dcberreste von zwei Ochsen, vier Schweinen, vier Schafen, V\u00f6geln, verschiedenen Fluss- und Meeresfischen, Austern, Herzmuscheln und Weinbergschnecken gefunden. Daneben erhielten sich Reste von Mohn, Koriander, verschiedenen Beeren und Obstsorten. Die ungew\u00f6hnlichen Funde von Siegeln und Siegellack k\u00f6nnten auf die Zweitverwendung der Stiftskorrespondenz aus der Latrine deuten.<\/p>\n<p>Der Brunnen konnte im Juli und August 1989 vollst\u00e4ndig untersucht werden. Er war beim Bau des Bachsaales nach 1824 mit einem Tonnengew\u00f6lbe abgedeckt worden. Als Baumaterial fanden Gneis und behauener Sandstein Verwendung. Das Material, dessen sorgf\u00e4ltige Zurichtung sowie die gro\u00dfe Tiefe sprechen f\u00fcr eine Errichtung in der fr\u00fchen Neuzeit. Eine stratigraphische Beziehung zur benachbarten Latrine konnte nicht hergestellt werden. Vermutlich handelt es sich um einen 1797 und 1804 beschriebenen Brunnen, der von einem Geb\u00e4ude der Dechantei \u00fcberdeckt war. Da die T\u00fcr zum Brunnen auf die Stra\u00dfe f\u00fchrte und der Brunnentrog vor dieser T\u00fcr auf der Stra\u00dfe stand, wurde er vermutlich von den Bewohnern der Pfaffengasse gemeinschaftlich benutzt. Zuletzt war der Brunnen vernachl\u00e4ssigt worden, die Einfassung war zwar noch gut erhalten, der h\u00f6lzerne Deckel aber vermodert und von der Wasserpumpe nur noch eine eiserne Stange vorhanden. Die arch\u00e4ologischen Untersuchungen mussten aufgrund der gro\u00dfen Tiefe in bergm\u00e4nnischer Manier durchgef\u00fchrt werden. Bei einem lichten Durchmesser von 1,6 m wurde das Grundwasser erst in 22 m Tiefe erreicht. Der \u00fcberwiegende Teil der Anlage war noch offen, lediglich die letzten 4 m waren verf\u00fcllt. Der Grundwassersammler war aus behauenen Sandsteinen gesetzt und ruht auf einem aus Eichenholz gezimmerten Ring: ein klarer Beleg f\u00fcr die Verwendung des Absenkverfahrens f\u00fcr den Bau. Heute kann der Brunnen im Untergeschoss des evang. Dekanatsgeb\u00e4udes besichtigt werden. Im September\/Oktober 1989 wurde auf dem Grundst\u00fcck Pfaffengasse 13 bei Baggerarbeiten ein kleiner Gew\u00f6lbekeller aufgefunden. Er lag recht zentral auf dem Grundst\u00fcck im Norden des Dechantei-Geb\u00e4udes, war aus Gneis aufgemauert und besa\u00df eine Innenfl\u00e4che von 3,5\u00d72,5 m; der Boden bestand aus anstehenden hellgrauen Letten. In dem Deckengew\u00f6lbe war eine Einf\u00fcll\u00f6ffnung angebracht. Unter neuzeitlichem Bauschutt fanden sich mehrere, z.T. sehr fundreiche Auff\u00fcllschichten. Darunter auch eine Schicht mit einer ausgesprochen gro\u00dfen Anzahl von Fragmenten von Tabakspfeifen. In den \u00fcbrigen Schichten waren \u00e4hnliche Funde wie in der Latrine zu beobachten, also ein ausgesprochen reiches Material mit Bruchst\u00fccken von Glastellern, geschliffenen Gl\u00e4sern, Fayencen, Kacheln und weiteren keramischen und gl\u00e4sernen Gef\u00e4\u00dfresten aus der Mitte des 18. Jh.<\/p>\n<p>Unter dem Mitteltrakt des evangelischen Dekanats parallel zur Pfaffengasse, aber um ca. 10 m zur\u00fcckversetzt befindet sich ein gro\u00dfer Gew\u00f6lbekeller. Da er einige Besonderheiten aufweist, gab er 2010 Anlass zu einer nachtr\u00e4glichen Aufnahme ins Aschaffenburger Kellerkataster und punktuellen arch\u00e4ologischen Untersuchungen. Nach der Bauaufnahme durch Falko Ahrendt besteht der Keller aus einem einzigen tonnen\u00fcberw\u00f6lbten Raum von rund 11,2\u00d76,2 m und einer derzeitigen Raumh\u00f6he von maximal 2,5 m. Der Boden ist mit Stampflehm aufgef\u00fcllt. Der ungew\u00f6hnliche Grundriss ist nicht rechteckig sondern als Parallelogramm um 1,5 m verschoben. An den beiden Stirnseiten befinden sich zugemauerte Rundbogen\u00f6ffnungen. Der heutige Zugang geschieht vom Hof aus \u00fcber eine steile Sandsteintreppe. Urspr\u00fcnglich erfolgte der Einstieg hingegen durch eine Aussparung in der Tonnendecke und eine innen liegende Holztreppe.<\/p>\n<p>Die Datierung des Kellers ist bislang ebenso unklar wie die Ursache f\u00fcr seinen verschobenen Grundriss. Letzterer k\u00f6nnte in Zusammenhang mit einer heute nicht mehr erhaltenen Grundst\u00fccksaufteilung stehen. Die beiden Rundbogentore an den Stirnseiten lassen zus\u00e4tzlich vermuten, dass zur Zeit der Anlage ein wesentlich tieferes Bodenniveau bestand, das erst sp\u00e4ter angehoben wurde. Heute liegt der Keller ungew\u00f6hnlich tief, der Gew\u00f6lbescheitel rund 4 m unter dem Stra\u00dfenniveau. Um der L\u00f6sung dieser Fragen n\u00e4her zu kommen, wurden von Ahrendt und Mitgliedern der Kirchenverwaltung unter Begleitung der Museen der Stadt Aschaffenburg einige kleine Suchschnitte im Kellerinnern ausgef\u00fchrt. Dadurch wurde festgestellt, dass das originale Bodenniveau rund 0,7 m unter dem heutigen Stampflehmboden lag. Die Sandsteintreppe liegt auf dem jetzigen Boden auf und wurde wohl beim Neubau des Dekanats 1824 angelegt. In der Raummitte wurde ein gemauerter Ring von etwa 2 m Durchmesser angeschnitten, der in unbekannte Tiefe reicht. Die Innenwand dieser Konstruktion ist mit einem d\u00fcnnen Glattputz und einer Dichtschicht aus blauem Ton versehen. Unter den wenigen Funden befinden sich ein eiserner Grapen sowie insbesondere Bruchst\u00fccke von M\u00f6nch- und Nonneziegeln.<\/p>\n<p>Quelle:<\/p>\n<p>Ina Gutzeit\/Hauke Kenzler: Kreisfreie Stadt Aschaffenburg. Ensembles, Baudenkm\u00e4ler, Bodendenkm\u00e4ler (Denkm\u00e4ler in Bayern. VI. Unterfranken, 71), M\u00fcnchen 2015, S. 218-221.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Gel\u00e4nde der \u201eAlten Dechantei\u201c des Stiftes St. Peter und Alexander im zentralen Teil der Oberstadt reicht von der Pfaffengasse 13 r\u00fcckw\u00e4rtig bis an die Schlo\u00dfgasse heran. 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