{"id":4326,"date":"2022-03-28T08:11:02","date_gmt":"2022-03-28T06:11:02","guid":{"rendered":"https:\/\/aschaffenburgzweinull.stadtarchiv-digital.de\/?p=4326"},"modified":"2022-03-28T08:11:02","modified_gmt":"2022-03-28T06:11:02","slug":"bodendenkmaeler-stiftskirche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aschaffenburgzweinull.stadtarchiv-digital.de\/bodendenkmaeler-stiftskirche\/","title":{"rendered":"Bodendenkm\u00e4ler &#8211; Stiftskirche"},"content":{"rendered":"<p>Die kath. Stiftskirche St. Peter und Alexander gilt als die \u00e4lteste und bedeutendste Kirche Aschaffenburgs und befindet sich ganz im S\u00fcdosten der Oberstadt auf dem Badberg. Innerhalb der Kirche und der ehem. Bauten des Kollegiatsstiftes haben sich Befunde des Mittelalters und der fr\u00fchen Neuzeit, darunter auch Gr\u00e4ber, im Boden erhalten. Einige Autoren vermuten an dieser Stelle ein karolingisches K\u00f6nigsgut oder ein Kloster, wof\u00fcr aber nur indirekte Hinweise existieren. Zumindest m\u00fcssen in Aschaffenburg bereits entsprechende Baulichkeiten existiert haben, ohne die zwischen 865 und 874 eine Heirat von K\u00f6nig Ludwig III. und Liutgard nicht m\u00f6glich gewesen w\u00e4re. 885 wurde Liutgard in der Stiftskirche beigesetzt, wor\u00fcber eine glaubw\u00fcrdige Quelle aus dem 12. Jh. berichtet. Ein ihr zugeschriebenes Grab befindet sich im Chor der Kirche. Da Liutgard im sp\u00e4ten Mittelalter als fundatrix \u2013 also Gr\u00fcnderin \u2013 verehrt wurde, nahm sie wenigstens bedeutende Bauma\u00dfnahmen vor. Die fr\u00fcheste zeitgen\u00f6ssische Erw\u00e4hnung der Stiftskirche St. Peter und Alexander stammt hingegen erst aus einer Urkunde des Kaisers Otto II.<\/p>\n<p>Aus Anlass von Restaurierungsarbeiten f\u00fcr die Jahrtausendfeier der Stadt nahm man 1956 die Grablegen im Chor der Stiftskirche aus ihren Wandnischen heraus. Die Grabm\u00e4ler und Sarkophage wurden dabei kunsthistorisch untersucht, die Gebeine anthropologisch ausgewertet. Lederreste von Schuhen aus dem Liutgard zugeschriebenen Grab gelangten an die Museen der Stadt Aschaffenburg. 1772 wurde Liutgard nach Ausweis einer Inschriftenplatte zusammen mit ihrer Tochter Hildegard, die ebenfalls in der Stiftskirche beigesetzt worden war, an den neuen Platz im Chor verbracht. Die Umbettung war durch die Stufenanlage vor dem neuen Hochalter notwendig geworden. Der Sarkophag datiert zusammen mit dem Chorbau in die Mitte des 13. Jh. und war offenbar von Anfang an f\u00fcr ein Nischengrab bestimmt. Wem diese Grabstelle urspr\u00fcnglich zukam, ist nicht bekannt. Auch das Grab Herzog Ottos wurde 1772 umgebettet. Er war 982 in der Kirche bestattet worden. Seine Eltern sind die wahrscheinlichen Gr\u00fcnder des Stiftes gewesen. Otto selbst hatte die Stadt Aschaffenburg per Testament dem Erzstuhl Mainz geschenkt, wodurch Aschaffenburg zum Verwaltungszentrum des Oberstiftes wurde, dem gr\u00f6\u00dften Besitz der Mainzer Erzbisch\u00f6fe. Auch sein Sarkophag datiert in die Mitte des 13. Jh. Nach Ausweis des bildhauerischen Schmuckes war er ehemals frei aufgestellt. Die anthropologische Untersuchung der Skelette ergab v\u00f6llige \u00dcbereinstimmung mit der historischen \u00dcberlieferung. So war der im Grab des nur 28 Jahre alt gewordenen Herzogs Otto bestattete Mann in jungem Alter gestorben. Mit einer gesch\u00e4tzten K\u00f6pergr\u00f6\u00dfe von 1,77\u20131,78 m war er verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gro\u00df und offenbar der Oberschicht zugeh\u00f6rig. In dem anderen Grab waren zwei Frauen bestattet, die nach verschiedenen morphologischen Merkmalen offenbar nah verwandt waren.<\/p>\n<p><strong>Stiftskirche<\/strong><\/p>\n<p>Im M\u00e4rz 1949 wurde durch Dipl.-Ing. Martin Klewitz mit Forschungsgrabungen in der durch den Krieg besch\u00e4digten Stiftskirche begonnen. Sie sollten Fragen nach Alter und Gestalt von Vorg\u00e4ngerbauten kl\u00e4ren, die im Rahmen seiner Dissertation an der Technischen Hochschule Darmstadt zur Baugeschichte der Kirche aufgeworfen wurden. Die t\u00e4gliche Nutzung der Kirche durfte dadurch jedoch nicht gest\u00f6rt werden. Bis zum Oktober konnten auf diese Weise dennoch in allen Teilen der Kirche Grabungsschnitte angelegt werden, deren Ergebnisse bereits wenige Jahre sp\u00e4ter publiziert wurden. Die sehr kleinen Schnitte und die z.T. ausgesprochen kurz bemessene Untersuchungszeit erlaubte es fast nirgends gr\u00f6\u00dfere zusammenh\u00e4ngende Fundamentz\u00fcge freizulegen. Datierende Funde in unber\u00fchrten arch\u00e4ologischen Schichten wurden von Klewitz nicht beobachtet, sodass sich seine Rekonstruktion der Bauabl\u00e4ufe g\u00e4nzlich auf die Abfolge der Mauern und urkundlichen Nachrichten st\u00fctzt. Der \u00e4lteste Bauteil der Stiftskirche wurde im Chorbereich erschlossen. Nach Klewitz handelt es sich um einen selbstst\u00e4ndigen Bauk\u00f6rper, auf den der Chor der heutigen Kirche aufgesetzt ist und an den alle \u00e4lteren Bauphasen mit Baufugen ansto\u00dfen. So wurden die Fundamente des Querhauses und aller Chornebenr\u00e4ume sp\u00e4ter angebaut. Das Mauerwerk erwies sich mit einer St\u00e4rke von 2,4 m und mehr als ausgesprochen m\u00e4chtig, zumal der gesamte Bau lediglich 9,8 m breit und 14,7 m lang war. Putzreste und Spuren von Bemalung zeigen, dass auch aufgehendes Mauerwerk erhalten war. Die zum \u00e4ltesten Bau geh\u00f6rige Oberfl\u00e4che lag etwa 1,1 m unter dem heutigen Niveau. Die Deutung des Bauwerkes ist bis heute schwierig. M\u00f6glicherweise handelt es sich um die Grabeskirche Liutgards, die neben einer \u00e4lteren, vielleicht h\u00f6lzernen Kirche entstanden war.<\/p>\n<p>Bei dem zweiten nachgewiesenen Kirchenbau handelt es sich um eine wesentlich gr\u00f6\u00dfere Anlage. Dieser Bau entspricht vermutlich der 974 bereits geweihten Stiftskirche aus der \u00e4ltesten urkundlichen Erw\u00e4hnung des Stiftes. Ihr Bau k\u00f6nnte kurz nach der wohl zwischen 947 und 957 anzusetzenden Gr\u00fcndung des Kollegiatsstiftes begonnen worden sein. Der karolingische Bau blieb in der ottonischen Kirche als Sanktuarium erhalten. An ihn schloss sich ein Querhaus an. Das dreischiffige Langhaus war wesentlich k\u00fcrzer als beim heutigen Bau. Auch waren die Seitenschiffe deutlich schmaler. Der Abschluss nach Westen erfolgte durch ein Westwerk, das etwa ebenso breit wie das \u00f6stliche Querhaus war. Den kr\u00e4ftigen Fundamenten nach befanden sich an den Seiten zwei T\u00fcrme. Dieser Kirche war im Westen eine Anlage vorgelagert, die die Breite des Mittelschiffes besa\u00df. Vermutlich handelte es sich eher um ein Atrium als um eine \u00fcberdachte Vorhalle. Die Nebench\u00f6re mit halbrunden Apsiden sind sp\u00e4tere Erg\u00e4nzungen, wohl des 11. Jh. Noch in der 1. H\u00e4lfte des 12. Jh. sollen die Planungen und der Baubeginn f\u00fcr den heute bestehenden Bau erfolgt sein. Klewitz sieht die Errichtung des Nordturmes in der neuen Westfassade als erste Phase f\u00fcr den Neubau eines verl\u00e4ngerten Langhauses mit Seitenschiffen an. Die Fertigstellung der neuen, flach gedeckten Pfeilerbasilika erfolgte im 1. Drittel des 13. Jh. Chor und Querhaus mit sp\u00e4tromanischen und fr\u00fchgotischen Elementen wurden noch vor Mitte des 13. Jh. begonnen. Bei den Grabungen im Chor fiel ein Kanalsystem auf, das durch Klewitz vermutlich zutreffend als Heizanlage gedeutet wurde. Waren zu seiner Zeit solche Befunde noch sehr ungew\u00f6hnlich, so liegen mittlerweile verschiedene Nachweise von ottonischen Heizsystemen vor.<\/p>\n<p><strong>Stiftskapitelhaus<\/strong><\/p>\n<p>Das Stiftskapitelhaus neben der Stiftskirche diente als Versammlungsort der Stiftskanoniker und war von daher ein zentraler Bau der Stadt. Vermutlich geht das Bauwerk in seiner Funktion bereits auf die Gr\u00fcndung des Stiftes im 10. Jh. zur\u00fcck. Auch wenn keine Urkunde aus der Zeit den Gr\u00fcnder oder das Jahr der Gr\u00fcndung angibt, so ist wohl mit einer Errichtung zwischen 947 und 957 unter Anordnung von Herzog Liudolf von Schwaben und seiner Gemahlin Ida zu rechnen. Die \u00e4ltesten baulichen Reste datieren in das 12. Jh. Das Stiftskapitelhaus ist ein Ensemble von drei Stiftsgeb\u00e4uden, die sich um einen Kreuzgang gruppieren. Die vierte Seite wird durch die Stiftskirche geschlossen. Der Kreuzgang selbst wurde wohl noch vor der Mitte des 13. Jh. errichtet. Die einzelnen H\u00e4user des Stiftes wurden zwischen 1480 und 1483 zusammengelegt und erhielten eine einheitliche Fassade zum Stiftsplatz. Seit 1861 wurde hier ein Raum f\u00fcr die St\u00e4dtische Sammlung der Altert\u00fcmer zur Verf\u00fcgung gestellt. 1930 \u00fcberlie\u00df man schlie\u00dflich das gesamte Geb\u00e4ude dem St\u00e4dtischen Museum. Durch verschiedene Sanierungsma\u00dfnahmen im Stammhaus der Museen der Stadt Aschaffenburg waren auch umfassende Bodeneingriffe notwendig, die von Ausgrabungen und Befundsicherungen begleitet wurden.<\/p>\n<p>1954 fanden im Kapitelsaal (Stiftskapitelhaus, Ostfl\u00fcgel) Fundamentierungsarbeiten an den St\u00fctzpfeilern statt. Dabei wurde in 0,75 m Tiefe ein Sarkophag aus Sandstein angetroffen und ge\u00f6ffnet (Grab 1). F\u00fcr den fr\u00fchen Zeitpunkt der Auffindung ist die anschlie\u00dfende vorbildliche Untersuchung der K\u00f6rperreste und der beigegebenen Textilien eines hochmittelalterlichen Grabes ungew\u00f6hnlich. Dem Bestatteten waren Manipel und Stola als Zeichen seiner geistlichen W\u00fcrde beigegeben. Die verwendeten Seidenstoffe mit Goldstickerei waren ausgesprochen kostbar und ein Beleg f\u00fcr den Reichtum des Stiftes und der Stiftsherren. Da das Grab nach der stratigraphischen Situation \u00e4lter als der sp\u00e4tromanische Kapitelsaal ist, datiert es vermutlich noch in das 12. Jh. Im Zuge von Sanierungsarbeiten f\u00fchrte das Bayerische Landesamt f\u00fcr Denkmalpflege zusammen mit den Museen der Stadt Aschaffenburg von Mai bis Ende Juli 1986 eine arch\u00e4ologische Untersuchung im Kapitelsaal und im Keller des Westfl\u00fcgels des Stiftskapitelhauses durch. Die heute vorhandene Bausubstanz stammt haupts\u00e4chlich aus dem 13. Jh. Sein Ursprung reicht vermutlich bis in das 11., sicher jedoch das 12. Jh. zur\u00fcck. Durch sp\u00e4tere Bauma\u00dfnahmen, zuletzt im 17. Jh., wurde der Saal mehrfach verkleinert.<\/p>\n<p>Ein wesentliches Ergebnis der arch\u00e4ologischen Untersuchungen war die Auffindung der bislang nur archivalisch nachgewiesenen Michaelskapelle. Diese entsprach r\u00e4umlich dem s\u00fcdlichen Ende des Kapitelsaales und wurde bereits im 12. Jh. aus dem Geb\u00e4ude ausgegliedert. Der einfache rechteckige Bau, der nur durch eine Trennwand vom Saal geschieden wurde, wurde in der 2. H\u00e4lfte des 13. Jh. ausgebaut. Einer Urkunde von 1287 ist zu entnehmen, dass der Umbau damals gerade erfolgt war. Dieser zeitlichen Einordnung entspricht der arch\u00e4ologische Befund. Nach Osten wurde eine halbrunde Apsis angebaut, in deren Fundament eine Konsole vermauert worden war, die in Form und Ornamentik direkte Entsprechungen im Kreuzgang aus der 1. H\u00e4lfte des 13. Jh. besitzt. Der Zugang zur Kapelle wurde durch ein rundbogiges Portal und flankierende Fenster, die bis heute erhalten sind, repr\u00e4sentativ ausgestaltet. Innerhalb der Kapelle wurden drei Bestattungen (Grab 2 bis 4), darunter ein Kindergrab, aufgedeckt. Sp\u00e4testens im 16. Jh. wurde die Kapelle aufgegeben und die Apsis abgerissen. Unter den Fundamenten des Glockensaales wurde ein tief liegender, mehr als 2 m breiter Mauerzug festgestellt. Es k\u00f6nnte sich dabei um den Rest einer fr\u00fchen, m\u00f6glicherweise karolingischen Befestigung der Stadt oder auch eines vermuteten Klosters oder K\u00f6nigshofes handeln. Das Mauerfundament verl\u00e4uft parallel zur hochmittelalterlichen Stadtmauer, die bis heute die Geb\u00e4ude des Stiftskapitelhauses zum Hang des Stiftsberges nach Osten abschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Bei den Sanierungsarbeiten am Fundament der s\u00fcdlichen Innenwand des Kreuzganges konnten im Sommer 1978 mehrere Gr\u00e4ber dokumentiert werden. Sie wurden durch das Fundament des zwischen 1220 und 1250 erbauten Kreuzganges \u00fcberlagert und geh\u00f6ren demnach zu einem \u00e4lteren Friedhof des fr\u00fchen und hohen Mittelalters um die Stiftskirche. Insgesamt wurden vier ungest\u00f6rte Bestattungen und weitere verlagerte Knochen durch Mitarbeiter der Museen der Stadt Aschaffenburg untersucht. Die geosteten Bestattungen waren beigabenlos und befanden sich in einer Tiefe von ca. 0,9 m. Weitere acht Gr\u00e4ber fanden sich 1986 bei den Grabungen im Keller des Westfl\u00fcgels. Auch sie waren west-ost-orientiert und wurden vom \u00e4ltesten Bau des Stiftskapitelhauses gest\u00f6rt. Im Zuge von Neubauma\u00dfnamen konnten 1987 auf dem Stiftsplatz im Nordwesten der Stiftskirche baubegleitende Beobachtungen vorgenommen werden. Dabei wurden die noch erhaltenen, verf\u00fcllten Keller der 1865 abgerissenen Bebauung erfasst. Diese hatten das kleinr\u00e4umige sp\u00e4tmittelalterliche Platzensemble umschlossen. Zudem wurden weitere beigabenlose K\u00f6rpergr\u00e4ber festgestellt, zu denen doch keine n\u00e4heren Angaben vorliegen. Sie geh\u00f6rten zweifelsohne zum fr\u00fch- und hochmittelalterlichen Friedhof um die Stiftskirche. Bereits 1940 wurde unter dem Stiftsplatz nach einem Wasserrohrbruch ein gemauerter Gew\u00f6lbekeller festgestellt. In der Mitte dieses Kellers soll sich ein quadratischer Schacht befunden haben, der bis in ca. 5 m Tiefe verfolgbar war. Vermutlich handelt es sich dabei um einen Brunnenschacht (Vgl. Baudenkm\u00e4ler, <a href=\"https:\/\/aschaffenburgzweinull.stadtarchiv-digital.de\/?p=4026&amp;preview=true\">Stiftsgasse 3<\/a>).<\/p>\n<p>Quelle:<\/p>\n<p>Ina Gutzeit\/Hauke Kenzler: Kreisfreie Stadt Aschaffenburg. Ensembles, Baudenkm\u00e4ler, Bodendenkm\u00e4ler (Denkm\u00e4ler in Bayern. VI. Unterfranken, 71), M\u00fcnchen 2015, S. 211-213.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die kath. Stiftskirche St. Peter und Alexander gilt als die \u00e4lteste und bedeutendste Kirche Aschaffenburgs und befindet sich ganz im S\u00fcdosten der Oberstadt auf dem Badberg. 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