{"id":4036,"date":"2022-03-28T10:40:28","date_gmt":"2022-03-28T08:40:28","guid":{"rendered":"https:\/\/aschaffenburgzweinull.stadtarchiv-digital.de\/?p=4036"},"modified":"2022-03-28T10:40:52","modified_gmt":"2022-03-28T08:40:52","slug":"treibgasse-pfarrkirche-st-agatha","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aschaffenburgzweinull.stadtarchiv-digital.de\/treibgasse-pfarrkirche-st-agatha\/","title":{"rendered":"Treibgasse &#8211; Pfarrkirche St. Agatha"},"content":{"rendered":"<p><strong>Treibgasse 32 &#8211; St. Agatha<\/strong><\/p>\n<p>Die kath. Pfarrkirche St. Agatha am westlichen Ausgang der Treibgasse befand sich bis zum Bau der Stadtbefestigung um die zuvor nur durch Wallgr\u00e4ben und Holzwerk gesch\u00fctzte Unterstadt 1346 au\u00dferhalb der Stadtmauer. Als solche, n\u00e4mlich \u201eparrochia extra muros\u201c, wird sie in der von Papst Lucius III. (1181\u20131185) verfassten Bulle vom 21. Dezember 1184 auch bezeichnet. Die Bulle gilt als die fr\u00fcheste schriftliche Nennung der Pfarrei, deren Gr\u00fcndung in die Mitte des 12. Jh. datiert wird. Sie ist damit die zweit\u00e4lteste Pfarrei der Stadt. 1279 wurde St. Agatha in das Kollegiatsstift inkorporiert und 1602 wieder selbstst\u00e4ndig. Erst 1784 erhielt sie das Taufrecht zur\u00fcck, was seit der Inkorporation der Stiftskirche vorbehalten war. Nach der S\u00e4kularisation wurde St. Agatha 1821 zur eigenen Pfarrei erhoben. 1979 von der Gemeinschaft der Pallottiner \u00fcbernommen, ist die Kirche heute eine von drei Innenstadtkirchen, die 2006 zur Pfarrgemeinschaft St. Martin zusammengeschlossen wurden. Vor der Kirche wurde nach dem Krieg der St.-Agatha-Platz geschaffen. An der Stelle des ehem. Stadtgrabens an der Nordwestseite des Kirchenbaus verl\u00e4uft die Ende des 19. Jh. angelegte Erthalstra\u00dfe.<\/p>\n<p>Baugeschichte:<\/p>\n<p>Es wird angenommen, dass die Kirche urspr\u00fcnglich als Friedhofskapelle errichtet wurde, deren Funktion mit dem Bau der St.-Anna-Kapelle mit Beinhaus als Friedhofskapelle in der 2. H\u00e4lfte des 14. Jh. wegfiel, sodass sich die kleine Kirche mit der Entwicklung der Unterstadt zur Pfarrkirche entfaltet hat. Erste bauliche Ver\u00e4nderungen in gr\u00f6\u00dferem Umfang wurden an der zun\u00e4chst als schlichter Rechteckbau errichteten Kirche Ende des 13. Jh. vorgenommen. Um 1280 wurde sie um einen gerade geschlossenen Chor erweitert und dem Turm ein Glockengeschoss aufgesetzt. In der 2. H\u00e4lfte des 14. Jh. wurden Seitenschiffe angef\u00fcgt und das Mittelschiff erh\u00f6ht. 1475\/85 hat man die Umfassungsmauern der Kirche etwas erh\u00f6ht und den Turm mit einem spitzen Turmhelm versehen. 1489 wurde der Chor erh\u00f6ht und im Innenraum durch eine Kommunionbank vom Langhaus getrennt. 1599 errichtete man eine Vorhalle auf der Nordwestseite des Chores, um Gl\u00e4ubigen mit ansteckenden Krankheiten die Teilnahme am Gottesdienst zu erm\u00f6glichen. 1613 erhielt das Langhaus eine korbbogige, verputzte Lattendecke. Demnach war wohl auch das Kirchendach des Mittelschiffes noch einmal erneuert worden. Das Langhaus wurde nun durch Obergaden belichtet. Au\u00dferdem wurde eine Orgelempore eingebaut. Nach den baulichen Ver\u00e4nderungen in der 1. H\u00e4lfte des 17. Jh. sind erst Ende des 18. Jh. wieder Arbeiten dokumentiert, u. a. 1778 Ausbesserungen am Glockenturm. Zur Zeit der S\u00e4kularisation Anfang des 19. Jh. befand sich die Kirche in schlechtem baulichem Zustand. Von Seiten des erzbisch\u00f6flichen Vikariats bestanden \u00dcberlegungen, die Pfarrei aufzul\u00f6sen und die Kirche abzurei\u00dfen. Wegen heftigen Widerstands aus der Bev\u00f6lkerung \u00fcbernahm die Stadt die Kosten f\u00fcr die dringend notwendigen Restaurierungsarbeiten, im Zuge derer die im 18. Jh. hinzugef\u00fcgte barocke Ausstattung entfernt und der Kircheninnenraum im neugotischen Stil gestaltet wurde. Dabei wurden die korbbogigen Obergadenfenster im Langhaus durch gekuppelte Spitzbogenfenster ersetzt und mit Butzenscheiben versehen. Zu Beginn des 20. Jh. sollte die Kirche wegen Platzmangels erweitert werden. Durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges kam es jedoch nicht zur Ausf\u00fchrung der 1914 ausgearbeiteten Pl\u00e4ne. Die Kirchenerweiterung erfolgte erst im Jahr 1934, f\u00fcr die der Architekt Albert Bo\u00dflet die Errichtung eines Querhauses zwischen Langhaus und gotischem Chor plante. Daf\u00fcr wurden das fr\u00fchgotische Chorjoch und die Sakristeibauten abgebrochen und im Winkel zwischen Chor und s\u00fcdlichem Querhausfl\u00fcgel eine neue Sakristei angef\u00fcgt. Im Zuge dieser Ma\u00dfnahme wurde die 1613 erstellte Korbbogentonne durch eine h\u00f6lzerne Flachdecke ersetzt und der Triumphbogen zum Chor wesentlich vergr\u00f6\u00dfert. Mit dieser Kirchenerweiterung war gleichzeitig eine durchgreifende Innenrestaurierung verbunden, die weit \u00fcber die Vorgaben des Bayerischen Landesamtes f\u00fcr Denkmalpflege hinausging und schlie\u00dflich die Purifizierung des nach 1880 im neugotischen Stil umgestalteten Kirchenraumes zum Ergebnis hatte.<\/p>\n<p>Beim Angriff auf die Stadt am 12. Dezember 1944 wurde die Kirche durch Spreng- und Brandbomben schwer zerst\u00f6rt. Durch Phosphorgranaten w\u00e4hrend der Belagerung im M\u00e4rz 1945 war zudem ein Gro\u00dfbrand entstanden, der die Kirche schlie\u00dflich bis auf den Chor und das Querschiff fast v\u00f6llig vernichtete. Ebenso fielen das Pfarrhaus und das gegen\u00fcber der Kirche gelegene St.- Agatha-Schulhaus, beides Fachwerkh\u00e4user des 15.\/16. Jh., dem Krieg zum Opfer. Nach Ende des Krieges bestanden Bestrebungen, die Kirche, unter Einbeziehung der erhalten gebliebenen Teile, in ihrer Vorkriegsgestalt wieder aufzubauen. So wurde im August 1948 mit Sicherungs- und Wiederaufbauarbeiten an Chor und Querschiff begonnen, gleichzeitig fanden Abbrucharbeiten am Kirchenschiff statt. Im Februar 1949 konnte das wieder hergestellte Kirchenschiff mit einem Dach geschlossen werden. Der Glockenturm musste abgebrochen und unter Verwendung einzelner Bauteile des alten Turmes neu errichtet werden; mangelnde Standfestigkeit machte den Erhalt unm\u00f6glich. Das Portal von der alten Vorhalle im Turm zum Mittelschiff versetzte man an das s\u00fcdliche Seitenschiff, wo es sich noch heute befindet. Am 1. November 1949 wurde die wieder hergestellte Kirche feierlich eingeweiht. Da kurz nach Errichtung des neuen Turmes Risse am Mauerwerk festgestellt worden waren, musste 1954 das Gel\u00e4ut eingestellt werden und es kam zum Beschluss eines Neubaus. So entstand 1962\/63 ein neues Westwerk nach Pl\u00e4nen des W\u00fcrzburger Ingenieurs Gustav Heinzmann. Der neue Glockenturm, eine Stahlbetonkonstruktion mit 18 m hohem Turmhelm, wurde an das n\u00f6rdliche Seitenschiff gestellt. Das Untergeschoss des Turmes ist in Form eines rundbogigen Durchgangs gestaltet. Zwischen Turm und Kirche wurde ein Raum geschaffen, der als Taufkapelle dienen sollte. Da auf der S\u00fcdseite das Dach des Mittelschiffs bis \u00fcber das Seitenschiff herabgezogen ist, entstand hier ein Andachtsraum, die Marienkapelle. Im Innern der Kirche hat man den Fu\u00dfboden erneuert und die Seitenschiffe mit einer hellen Holzdecke versehen. Die Wiederaufbauarbeiten waren am 20. Dezember 1964 vollendet. Bei der Renovierung der Kirche 1981 wurde die Sakristei umgebaut, das Dach neu gedeckt und der Putz ausgebessert. Au\u00dferdem wurden die Sandsteingew\u00e4nde der Fenster und die Grabplatten an der Au\u00dfenfassade des Chores und des s\u00fcdlichen Seitenschiffes gereinigt.<\/p>\n<p>Baubeschreibung:<\/p>\n<p>Der basilikale Bau mit \u00fcberh\u00f6htem Langhaus und niedrigeren Seitenschiffen sowie eingezogenem gotischem Chor mit F\u00fcnfachtelschluss ist nach Nordosten ausgerichtet. Zwischen Chor und Langhaus ist ein Querhaus, dessen Traufh\u00f6he der des Langhauses entspricht, eingeschoben. An das Langhaus ist im Westen ein aus Glockenturm, Taufkapelle, Vorhalle und Andachtskapelle bestehendes modernes Westwerk angef\u00fcgt. Das dreiteilige Kirchenportal ist mit einem gezackten Vordach \u00fcberfangen. Das Zacken-Motiv wiederholt sich im Innenraum der Kirche unterhalb der im Zusammenhang mit der neuen Vorhalle errichteten Orgelempore. Diese wird von vier schmalen Betonpfeilern getragen, deren Arkaden in Form von Dreiecksgiebeln ausgebildet sind. Die Seitenschiffe sind zum Langhaus hin mit jeweils f\u00fcnf Spitzb\u00f6gen ge\u00f6ffnet. Dar\u00fcber liegen f\u00fcnf gekuppelte spitzbogige Obergaden. Der \u00dcbergang von Lang- zu Querhaus ist als gro\u00dfer spitzbogiger Triumphbogen gestaltet. Der Bogen zum Chor ist etwas kleiner. Das Hauptschiff ist mit einer flachen Holzdecke abgeschlossen. Der verputzte und hell get\u00fcnchte Kircheninnenraum vermittelt einen sachlichen Eindruck. Trotz seiner Umgestaltung in den 1960er Jahren wurde versucht, den gotischen Charakter beizubehalten. Der Chorraum wurde 1962 der neuen nachkonziliaren Liturgie angepasst und der neugotische Hochaltar von 1882 in das linke Seitenschiff versetzt. In der Vierung steht ein schlichter Altarblock aus Rotsandstein, daneben ein in gleicher Weise gefertigter Ambo und im Chor anstelle des Hochaltars ein Sakramentsh\u00e4uschen in Form eines vergoldeten Tabernakels in einem Sandsteingeh\u00e4use. Die f\u00fcnf gotischen Chorfenster haben eine farbig gestaltete Verglasung. Im Querhaus wurde eine Faltdecke eingezogen. Darunter h\u00e4ngt seit 1987 \u00fcber dem Altar das von Bildhauer Tilmar Hornung aus Bergtheim und Goldschmied Markus Engert aus W\u00fcrzburg gefertigte gro\u00dfe Altarkreuz. Der Gekreuzigte ist hier als bereits vom Kreuz gel\u00f6st und auf die Menschen zukommend dargestellt. Die Kreuzenden sind mit Symbolen der vier Evangelisten auf Emaillequadraten versehen. Der im n\u00f6rdlichen Querschiffarm aufgestellte ehem. Hochaltar mit Messingvergoldung auf rotem Grund zeigt im Schrein ein Kruzifix und in den geschnitzten Fl\u00fcgeln Szenen des neuen Testaments. Er ist gerade abgeschlossen ohne Gesprenge. Neben dem Altar befindet sich an der Wand zum Chor die Figur der hl. Agatha mit einem Palmzweig und einer Zange in den H\u00e4nden.<\/p>\n<p>Im s\u00fcdlichen Querschiffarm steht der 1950 von der B\u00e4ckerinnung des Untermains gestiftete \u201eB\u00e4ckeraltar\u201c. Der von der Bildhauerin Kathi Hock (einer Tochter des Aschaffenburger K\u00fcnstlers Adalbert Hock) aus Eiche geschnitzte Altar zeigt in der Predella das Wappen der Innung, eine b\u00e4uerliche Szene und das Wappen der Stadt. Im dreiteiligen Aufsatz sind in der Mitte Christus im Segensgestus, links die Mannaspeisung und rechts die Brotvermehrung als Reliefs dargestellt. An den Seiten sind die hll. Antonius von Padua und Klemens Maria Hofbauer als Vollplastiken dargestellt. Neben dem B\u00e4ckeraltar befindet sich die Figur des hl. Martin, des Stadtpatrons, der hier mit zwei Bettlern dargestellt ist. Die gro\u00dfe Bronzeplastik Mariens rechts des Triumphbogens hat der W\u00fcrzburger Bildhauer Helmut Weber 1965 als \u201eMutter der Kirche und aller Gl\u00e4ubigen\u201c geschaffen. Weiter sind die Figuren des hl. Josef und des hl. Antonius an zwei Pfeilern angebracht. In den Seitenschiffen h\u00e4ngen hinten Gedenktafeln mit Namen Gefallener beider Weltkriege. Die 1964 neu gebaute Orgel stammt aus der Werkstatt Wei\u00df in Zellingen. Die Marienkapelle rechts des Eingangs wird von einer Wand aus durchbrochenen Betonelementen mit farbiger Verglasung dezent beleuchtet. In der Kapelle am Zugang zum s\u00fcdlichen Seitenschiff befindet sich das romanische Portalgew\u00e4nde aus rotem Sandstein. Das Relief im Scheitel zeigt drei Gestalten, die noch nicht identifiziert werden konnten. Die einstige Taufkapelle ist nicht mehr in Gebrauch. Der Taufstein steht im n\u00f6rdlichen Querschiffarm. Im 1964 errichteten neuen Glockenturm l\u00e4uten seither vier Glocken. Eine von ihnen, die \u201eDreifaltigkeitsglocke\u201c, gegossen 1478 von dem Frankfurter Glockengie\u00dfer Martin M\u00fcller, hat den Krieg \u00fcberstehen k\u00f6nnen. Drei weitere \u201eSt. Agatha\u201c, \u201eMaria\u201c und \u201eJosef\u201c wurden 1956 in der Heidelberger Glockengie\u00dferei Schilling neu gegossen. Am Giebel der Westfassade ist \u00fcber dem Kirchenportal eine Sandsteinfigur angebracht, welche die hl. Agatha nach einem Entwurf von Julius Bausenwein zeigt und von den Bildhauern Ernst Singer und Willi Grimm aus W\u00fcrzburg gefertigt worden ist. An der n\u00f6rdlichen Au\u00dfenfassade des Chores und am s\u00fcdlichen Seitenschiff befinden sich einzelne erhaltene Epitaphien angesehener Aschaffenburger Familien. Des Weiteren ist an der Au\u00dfenfassade des s\u00fcdlichen Seitenschiffes ein gotisches Sprengwerk angebracht, welches sich bis zur Zerst\u00f6rung der Kirche im Zweiten Weltkrieg an der s\u00fcdlichen Au\u00dfenwand des alten Glockenturmes befand. Es handelt sich m\u00f6glicherweise um die Stiftung eines Tuchmachers oder der entsprechenden \u00f6rtlichen Innung. Das relativ gut erhaltene bildhauerische Werk aus Sandstein ist eines von sehr wenigen \u00fcberlieferten steinernen Zeugnissen der sp\u00e4tmittelalterlichen Tuchmacher in Aschaffenburg. Die Platte aus rotem Sandstein unter dem gotischen Sprengwerk pr\u00e4sentiert ein Relief des kreuztragenden Christus. Es handelt sich hierbei um die 1484 von Steinmetz Peter Klar gefertigte plastische Darstellung des Fu\u00dffalls, welche sich bis zum Abbruch des Glockenturmes um Fu\u00df desselben befand.<\/p>\n<p>Quelle:<\/p>\n<p>Ina Gutzeit\/Hauke Kenzler: Kreisfreie Stadt Aschaffenburg. Ensembles, Baudenkm\u00e4ler, Bodendenkm\u00e4ler (Denkm\u00e4ler in Bayern. VI. Unterfranken, 71), M\u00fcnchen 2015, S: 184-186.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Treibgasse 32 &#8211; St. Agatha Die kath. 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