{"id":4034,"date":"2022-03-28T10:42:03","date_gmt":"2022-03-28T08:42:03","guid":{"rendered":"https:\/\/aschaffenburgzweinull.stadtarchiv-digital.de\/?p=4034"},"modified":"2022-03-29T08:32:34","modified_gmt":"2022-03-29T06:32:34","slug":"treibgasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aschaffenburgzweinull.stadtarchiv-digital.de\/treibgasse\/","title":{"rendered":"Treibgasse"},"content":{"rendered":"<p>Die Treibgasse beginnt an der Herstallstra\u00dfe, verl\u00e4uft in nordwestlicher Richtung und m\u00fcndet in den 1992 geschaffenen St.-Agatha-Platz. Im Stra\u00dfennetz der Stadt nahm die Gasse fr\u00fcher eine untergeordnete Funktion ein, sie diente der Erschlie\u00dfung der Wirtschaftsh\u00f6fe in Stein- und Strickergasse. Noch bis in die Nachkriegszeit hatte sie die Funktion der Andienungsgasse, da sich hier die Zufahrten zu M\u00e4lzereien und Anwesen befanden. Der Name der Treibgasse wird damit begr\u00fcndet, dass hier entlang zu Zeiten, als noch eine gro\u00dfe Zahl der Stadtbewohner Landwirtschaft betrieb, das Vieh aus der Stadt auf die Weiden am Mainufer getrieben wurde. Aus einer Urkunde vom Beginn des 18. Jh. ist die Bezeichnung \u201eVietrieb\u201c \u00fcberliefert. Die Gasse wurde aber erst seit der 2. H\u00e4lfte des 19. Jh. durchgehend als Treibgasse bezeichnet, denn im Katasterplan von 1846 wird der Abschnitt zwischen Herstallstra\u00dfe und der Einm\u00fcndung der heutigen Entengasse \u201eNebenherstallgasse\u201c genannt. In einem Entwurf des Landesvermessungsamtes M\u00fcnchen von 1846 zu diesem Katasterblatt hei\u00dft dieses Teilst\u00fcck noch \u201eJudengasse\u201c. Diese Bezeichnung kommt daher, da in diesem Gebiet eine Ansiedlung von Juden nachweisbar ist. Noch heute befindet sich in Haus Nr. 20, dem ehem. Rabbinergeb\u00e4ude, das J\u00fcdische Dokumentationszentrum. Weder ihr Alter noch ihre ehem. Funktion ist der heute zur Fu\u00dfg\u00e4ngerzone ausgebauten Gasse noch anzusehen. Au\u00dfer den Einzeldenkm\u00e4lern ist von der Altsubstanz der Treibgasse nicht mehr viel erhalten.<\/p>\n<p><strong>Treibgasse 7<\/strong><\/p>\n<p>Auf dem von der Treibgasse bis zur Steingasse reichenden gro\u00dfen Grundst\u00fcck befand sich nachweislich bereits am Anfang des 14. Jh. eine \u201eZum Grasmann\u201c genannte Stiftskurie. 1456 war Hamann Echter II. von und zu Mespelbrunn Eigent\u00fcmer des Anwesens, welches er zuvor rechtm\u00e4\u00dfig erworben haben muss. Das Anwesen blieb bis 1927 im Besitz der Echter bzw. der Ingelheimer, die seit 1698 die Nachfolge des Adelsgeschlechts angetreten hatten. Es wird daher noch heute als \u201eEchterhaus\u201c oder \u201eIngelheimer Hof\u201c bezeichnet. \u00dcber der Hofeinfahrt des Anwesens ist das Ehewappen von Peter Echter III. (1520\u20131576) und Gertraud von Adolzheim (1525\u20131583) gemeinsam mit der Jahreszahl 1570 zu sehen, weshalb angenommen wird, dass das Paar die Bauherren der Renaissanceanlage waren. Der Hof diente der Adelsfamilie wohl als Stadtsitz in der N\u00e4he der Sommerresidenz der Mainzer Kurf\u00fcrsten. Im Erdgeschoss des zweigeschossigen Geb\u00e4udes waren St\u00e4lle f\u00fcr Pferde, Unterst\u00e4nde f\u00fcr Wagen sowie Wirtschaftsr\u00e4ume und Wohnstuben f\u00fcr Gesinde untergebracht, w\u00e4hrend sich im Obergeschoss die herrschaftlichen Wohn- und Schlafr\u00e4ume befanden. Urspr\u00fcnglich war das Geb\u00e4ude teilunterkellert, der Keller wurde jedoch Ende des 19. Jh. verf\u00fcllt. 1804 erfolgten Umbauten im Innern, bei denen wahrscheinlich die urspr\u00fcnglichen h\u00f6lzernen Unterz\u00fcge der St\u00e4lle durch W\u00e4nde ersetzt und Treppe und K\u00fcche verlegt wurden. 1874 hat man die Fenster der Fassade zur Treibgasse, darunter ein spitzbogiges, vergr\u00f6\u00dfert. 1927 wurde das Anwesen an den Frauenorden der Englischen Fr\u00e4ulein ver\u00e4u\u00dfert, die dort einen Kindergarten einrichteten. Im Zweiten Weltkrieg wurde die s\u00fcdwestliche Frontmauer im Obergeschoss und am Giebel durch Luftdruck aufgerissen, Granaten richteten Sch\u00e4den am Dach, an der s\u00fcd\u00f6stlichen Mauer und den Innenw\u00e4nden an, au\u00dferdem wurden s\u00e4mtliche Fenster und T\u00fcren zerst\u00f6rt. Trotz der erheblichen Zerst\u00f6rungen konnte der Kindergarten bereits 1945 wieder er\u00f6ffnet werden. 1974\u201376 fand eine durchgreifende Sanierung des Geb\u00e4udes statt. Es wird bis heute als Kindergarten genutzt, der seit 1961 von der katholischen Kirchenstiftung St. Agatha betrieben wird. Bei dem im Kern aus dem 16. Jh. stammenden Geb\u00e4ude handelt es sich um den einzigen in Aschaffenburg erhaltenen adeligen Stadthof einer ritterlichen Familie.<\/p>\n<p><strong>Treibgasse 19<\/strong><\/p>\n<p>1803 kaufte der Vizedomamtsregistrator Dr. Franz Josef Merz das ehem. Gartengrundst\u00fcck gegen\u00fcber dem Vizedomamt Treibgasse 28, auf dem sich bis dahin nur die zum Vizedomamt geh\u00f6rige Scheune befand, und errichtete dort ein neues Wohnhaus, bei dessen Planung er sich von Emanuel Joseph von Herigoyen und Landbaumeister Wolfgang Streiter beraten lie\u00df. Das Geb\u00e4ude wurde 1807 durch \u00dcberbauung der Hofeinfahrt in der Treibgasse an dieser Seite verl\u00e4ngert. Friedrich Kitz, welcher 1861 die Konzession zum Handeln von Wein erhalten hatte, erwarb das Anwesen 1863. Es bestand zu dieser Zeit aus dem unterkellerten Wohnhaus mit Einfahrt, Fasshalle, Stall und Hofraum. Der Weinh\u00e4ndler nutzte die Keller und baute die Fasshalle und die Scheune f\u00fcr seine Zwecke um. 1885 wurde die Fassade des Hauses nach Pl\u00e4nen von Hermann Reichard umgestaltet. Sie erhielt an den Geb\u00e4udekanten genutete Lisenen; die Obergeschossfenster wurden mit Br\u00fcstungsfeldern und einer geraden Verdachung versehen. W\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges besch\u00e4digten Luftdruck und Artillerie im November 1944 das Dach, die Kamine, Fenster und T\u00fcren des Hauses; Decken und W\u00e4nde wurden durchschossen. Nach rascher Behebung der Kriegssch\u00e4den konnte die Weinhandlung 1950 wieder er\u00f6ffnet werden und ist bis 1986 durch gehend als Familienbetrieb gef\u00fchrt worden. Seither wird in dem von Friedrich Kitz erworbenen Geb\u00e4ude kein Wein mehr gehandelt, sondern nur noch ausgeschenkt. Der zweigeschossige, zweifl\u00fcgelige Walmdachbau mit Fachwerkobergeschoss wurde an der stumpfwinkligen Ecke von Treibgasse und Agathaplatz errichtet. Jeder Fl\u00fcgel ist f\u00fcnf Achsen breit. Der urspr\u00fcnglich an der Treibgasse gelegene Eingang befindet sich seit dem Umbau 1999 in der Mittelachse der Fassade zum Agathaplatz und ist \u00fcber eine zweil\u00e4ufige Treppe erreichbar. Die Geb\u00e4udekante ist abgeschr\u00e4gt, die Fassaden sind jeweils mit einer (ehemals genuteten) Lisene begrenzt. Zwischen 1. und 2. Obergeschoss verlief ein Gurtgesims, welches bei den Instandsetzungsarbeiten nach dem Krieg nicht wieder hergestellt wurde.<\/p>\n<p><strong>Treibgasse 20<\/strong><\/p>\n<p>Auf dem Gel\u00e4nde der ehem. Judenschule (bis 1870) in unmittelbarer Nachbarschaft der alten Synagoge (bis 1887) wurde 1898 mit dem Bau eines neuen Rabbinatsgeb\u00e4udes begonnen. Den Neubau entwarf der Architekt A. Fr\u00f6hliger, die Bauausf\u00fchrung oblag der Firma Adam Schneider. In dem Geb\u00e4ude befanden sich die Wohnung des Bezirksrabbiners, R\u00e4ume f\u00fcr j\u00fcdischen Religionsunterricht und ein Tauchbad. Nach der Brandstiftung der neuen Synagoge in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 diente das Geb\u00e4ude der j\u00fcdischen Gemeinde f\u00fcr die Gottesdienste. Dann wurde es f\u00fcr einen NS-Kindergarten beschlagnahmt und die j\u00fcdische Gemeinde vertrieben. W\u00e4hrend des Krieges entstanden durch Luftdruck nur leichte Sch\u00e4den an Dach und Fenstern des Geb\u00e4udes, welches seit 1950 Eigentum der Stadt war und bis zur Fertigstellung des neuen Rathauses unterschiedlichen st\u00e4dtischen \u00c4mtern als Domizil diente. Bevor das Haus 1983 per Stadtratsbeschluss als Ort f\u00fcr eine Dauerausstellung zur Geschichte der ehem. j\u00fcdischen Gemeinde in Aschaffenburg von der ersten Erw\u00e4hnung einer j\u00fcdischen Schule im Jahr 1267 bis zur Zeit der Verfolgung im Nationalsozialismus bestimmt wurde, diente es den Englischen Fr\u00e4ulein als Klassenraum, dem Stadt- und Stiftsarchiv als Depot sowie der Sparkasse als B\u00fcro. Die wechselnden Nutzungen hatten zu Sch\u00e4den an der Bausubstanz des Hauses gef\u00fchrt, die 1983 bei einer grundlegenden Sanierung unter Leitung des Darmst\u00e4dter Architekten Prof. Philipp Economou beseitigt wurden. Der zweigeschossige Bau mit historistischer Fassade aus Architekturelementen aus rotem Mainsandstein und einer Verkleidung mit gelben Backsteinen erhebt sich \u00fcber einem Sockel aus rustizierten Sandsteinquadern. Die Geb\u00e4udekanten sind mit einer Eckquaderung betont. Ein hohes Mansarddach schlie\u00dft das Geb\u00e4ude ab.<\/p>\n<p>Die Fenster des Erdgeschosses sind breit und korbbogig gestaltet, die des 1. Obergeschosses sind rundbogig und auf der zur Entengasse gerichteten Fassade gekuppelt und mit einem geraden Sturz mit Zahnfries versehen. Br\u00fcstungsfelder unter den Fenstern, im Obergeschoss mit gotisierendem Blendma\u00dfwerk, verleihen dem Geb\u00e4ude einen herrschaftlichen Anspruch. Zwischen den beiden Geschossen verl\u00e4uft ein leicht vorkragendes Gurtgesims. Die vertikale Gliederung geschieht zus\u00e4tzlich durch umlaufende Sohlb\u00e4nder und im Erdgeschoss durch ein Band in K\u00e4mpferh\u00f6he. Die mittlere der drei Achsen an der Hauptfassade ist im Bereich des Mansarddaches mit einem Zwerchgiebel bekr\u00f6nt. Das mittlere Obergeschossfenster ist zus\u00e4tzlich mit einem gesprengten Giebel, in dessen Mitte eine Kartusche mit Rollwerk und Davidstern angebracht ist, versehen. Die reich gegliederte Fassade zeigt ein typisch historistisches Gemisch aus Stilelementen verschiedener Kunst- und Architekturstile. Das gotisierende Blendma\u00dfwerk in den Fensterbr\u00fcstungen tritt neben Formengut der Renaissance (Kartusche mit Rollwerk) gleichzeitig auf und verschmilzt zu einem Gesamteindruck.<\/p>\n<p><strong>Treibgasse 24<\/strong><\/p>\n<p>Das auf den ersten Blick wie ein Schulhaus wirkende, zweigeschossige Geb\u00e4ude wurde 1865 nach Pl\u00e4nen des Bauingenieurs Carl Wetter gegen\u00fcber dem Ingelheimer Wohnhaus in dem dazugeh\u00f6rigen Garten traufst\u00e4ndig als Rentamt und Wohnhaus f\u00fcr Ingelheimer Beamte errichtet. Ausgef\u00fchrt wurde der Bau von Maurermeister Franz Schmelz. Au\u00dfer dass dem Geb\u00e4ude 1900 ein eingeschossiger Anbau f\u00fcr eine Waschk\u00fcche angef\u00fcgt wurde, sind bis zu den einschneidenden Zerst\u00f6rungen im Zweiten Weltkrieg keine baulichen \u00c4nderungen vorgenommen worden. Eine Sprengbombe traf am 12. Dezember 1944 die r\u00fcckw\u00e4rtige Au\u00dfenmauer, wobei das Treppenhaus zerst\u00f6rt wurde. Au\u00dferdem kam es an Dach, Fenster und T\u00fcren zu Sch\u00e4den. Noch 1945 wurden die besch\u00e4digte R\u00fcckwand ausgebessert, die Zwischenw\u00e4nde instand gesetzt, der kaputte Putz wieder hergestellt, das Dach eingedeckt, die elektrische Lichtanlage sowie Wasserleitungen und sanit\u00e4re Anlagen repariert, sodass in dem Geb\u00e4ude vor\u00fcbergehend einige Dienststellen der Stadt untergebracht werden konnten. 1979 wurde das Geb\u00e4ude von der Dresdner Bank erworben, die 1983 einen Abbruchantrag einreichte, der jedoch vom Bayerischen Landesamt f\u00fcr Denkmalpflege abgelehnt wurde. Die Stadt hat das Geb\u00e4ude 1986 erworben und 1987 einer Sanierung unterzogen. Dabei wurden die Zwischenw\u00e4nde z.T. verschoben, der Kamin neu aufgef\u00fchrt und das Dach komplett erneuert. Am Au\u00dfenbau wurden keine baulichen \u00c4nderungen vorgenommen. So zeigt sich der Bau \u00e4u\u00dferlich heute noch in der Gestalt, wie er 1865 errichtet worden war. Der frei stehende, zweigeschossige Satteldachbau weist traufst\u00e4ndig mit der Hauptfassade zur Treibgasse. Die Giebel sind beide als Schildgiebel ausgebildet. In der Mitte ist ein Querbau eingeschoben, der auf der Hauptfassade nur als Zwerchgiebel in Erscheinung tritt, auf der r\u00fcckw\u00e4rtigen Seite aber deutlich vorsteht und mit einem Schildgiebel abschlie\u00dft. Das gesamte Geb\u00e4ude ist verputzt. Sockel, Fensterrahmungen und Traufe sind aus rotem Mainsandstein gefertigt. Von den sieben Fensterachsen der Hauptfassade befinden sich die beiden \u00e4u\u00dferen in einer eingetieften Blende, dabei sind die Obergeschossfenster im Bereich dieser Blende gekuppelt. Alle Fenster der Hauptfassade sind stichbogig abgeschlossen und mit einer Sandsteinrahmung versehen. Die Giebelseiten haben nur im Dachbereich ein Fenster, welches von drei schmalen Blendfenstern flankiert wird. Der das Treppenhaus aufnehmende Querbau verf\u00fcgt \u00fcber eine Dreierfenstergruppe in einer eingetieften Blende. Auf der s\u00fcdlichen Giebelseite befindet sich au\u00dferdem zwischen Erd- und Obergeschoss eine rundbogige Nische mit einer Sandsteinkonsole; eine Figur ist nicht \u00fcberliefert. Das Geb\u00e4ude ist teilunterkellert und enth\u00e4lt wohl im Erdgeschoss noch Teile der Bausubstanz des Vorg\u00e4ngerbaus. Erschlossen wird das Geb\u00e4ude \u00fcber den Eingang und das Treppenhaus auf der R\u00fcckseite. Die Innenaufteilung folgt einer einh\u00fcftigen Erschlie\u00dfung, der Gang liegt auf der r\u00fcckw\u00e4rtigen Seite, die Zimmer sind zur Stra\u00dfe ausgerichtet.<\/p>\n<p>Quelle:<\/p>\n<p>Ina Gutzeit\/Hauke Kenzler: Kreisfreie Stadt Aschaffenburg. Ensembles, Baudenkm\u00e4ler, Bodendenkm\u00e4ler (Denkm\u00e4ler in Bayern. VI. Unterfranken, 71), M\u00fcnchen 2015, S. 181-183.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Treibgasse beginnt an der Herstallstra\u00dfe, verl\u00e4uft in nordwestlicher Richtung und m\u00fcndet in den 1992 geschaffenen St.-Agatha-Platz. 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