{"id":4008,"date":"2022-03-28T11:00:29","date_gmt":"2022-03-28T09:00:29","guid":{"rendered":"https:\/\/aschaffenburgzweinull.stadtarchiv-digital.de\/?p=4008"},"modified":"2022-03-29T08:07:28","modified_gmt":"2022-03-29T06:07:28","slug":"schlossgasse-8-stadttheater","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aschaffenburgzweinull.stadtarchiv-digital.de\/schlossgasse-8-stadttheater\/","title":{"rendered":"Schlo\u00dfgasse 8 &#8211; Stadttheater"},"content":{"rendered":"<p>Das Stadttheater wurde w\u00e4hrend der Regierungszeit Carl Theodor von Dalbergs Anfang des 19. Jh. im \u00e4ltesten Siedlungsgebiet der Stadt im Innenhof eines ausgedehnten Renaissanceanwesens errichtet. Hier war in der 2. H\u00e4lfte des 16. Jh. w\u00e4hrend der Amtszeit des Vizedoms Hartmut von Kronberg (1578\u20131598) anstelle einer urkundlich \u00fcberlieferten Hofanlage des 14. Jh. eine repr\u00e4sentative Dreifl\u00fcgelanlage mit drei zur Schlo\u00dfgasse gerichteten Volutengiebeln errichtet worden. Dieses Anwesen erwarb 1715 Kardinal Damian Hugo von Sch\u00f6nborn mit der Absicht, es einer neu gegr\u00fcndeten Kommende des Deutschen Ordens zur Verf\u00fcgung zu stellen. 1734 lie\u00df er f\u00fcr diese an der Grenze zum heutigen Karlsplatz einen zweigeschossigen Neubau mit Stallungen im Erdgeschoss und Wohnungen im Obergeschoss errichten. Dieser Bau begrenzte gemeinsam mit der st\u00e4dtischen Zehntscheune das Areal der Ordensniederlassung in der Art, dass ein gro\u00dfer Innenhof entstand, in dem einige Jahrzehnte sp\u00e4ter der Bau des Theaters erfolgte.<\/p>\n<p>Da Aschaffenburg mit der Eroberung der Stadt Mainz 1792 durch franz\u00f6sische Revolutionstruppen zum st\u00e4ndigen Regierungssitz der Kurf\u00fcrsten von Mainz wurde, kamen Minister, Regierungsr\u00e4te, Juristen und Geistliche in die Stadt. Dies bef\u00f6rderte den Bau des Theaters, da die Mainzer Hof- und Bildungselite nach kultureller Unterhaltung verlangte. Emanuel Joseph von Herigoyen, Architekt des Kurf\u00fcrsten Friedrich Carl Joseph von Erthal und sp\u00e4terer Stadt- und Landbaumeister unter Carl Theodor von Dalberg, erarbeitete 1803 einen ersten Vorschlag zum Theaterbau, der zwar Zustimmung beim Landesherrn fand, aber wegen der noch offenen Frage des Bauplatzes aufgeschoben wurde. 1805 einigte man sich auf das dem Schloss gegen\u00fcbergelegene Gel\u00e4nde des Marstalls. Der Neubau kam hier jedoch nie zur Ausf\u00fchrung. 1809 war es die \u201eCasino- und Lesegesellschaft\u201c, ein Bildungs- und Gesellschaftsverein, der auf der Suche nach einem geeigneten Lokal f\u00fcr seine Veranstaltungen im M\u00e4rz 1810 das \u201eDeutsche Haus\u201c ersteigerte. Die Aktion\u00e4re verpflichteten sich mit dem Erwerb zum Errichten eines 1000 Zuschauer fassenden Theaters. Carl Theodor von Dalberg seinerseits unterst\u00fctzte den Theaterbau mit j\u00e4hrlich 3500 Gulden aus den Ertr\u00e4gen des Nilkheimer \u00d6konomiehofes f\u00fcr die Dauer von neun Jahren. Der Planverfasser des ausgef\u00fchrten Theaters ist nicht \u00fcberliefert. Angenommen wird ein Mitglied der Frankfurter Handelsfamilie Tabor, m\u00f6glicherweise Johann August Tabor (1731\u20131814), der als P\u00e4chter und sp\u00e4ter als k\u00fcnstlerischer Leiter des Frankfurter Com\u00f6dienhauses Erfahrung im Theaterwesen hatte.<\/p>\n<p>Die Bauausf\u00fchrung oblag dem Frankfurter Maurermeister Friedrich Samuel Susenbeth. Am 4. November 1811 wurde das \u201eGro\u00dfherzoglich privilegierte Theater\u201c mit einem Schauspiel und ein Jahr sp\u00e4ter der s\u00fcdlich an die B\u00fchne anschlie\u00dfende, auf den Grundmauern des 1734 erbauten R\u00fcckgeb\u00e4udes der Kommende des Deutschen Ordens errichtete Deutschhaussaal er\u00f6ffnet. Als Carl Theodor von Dalberg Aschaffenburg 1814 verlie\u00df und die Stadt zum K\u00f6nigreich Bayern kam, endete die erste kurze Glanzzeit des Theaters wohl vor allem, weil die Subventionen wegfielen. Ab 1828 wurde Alois Dessauer durch Ausbezahlung der Mitaktion\u00e4re alleiniger Eigent\u00fcmer des \u201eDeutschen Hauses\u201c und betrieb zeitweilig seine Buntpapierfabrikation in Teilen des Hauses. Nach dessen Tod 1850 wurde die Fabrik von seinen Erben in die Goldbacher Stra\u00dfe verlegt, woraufhin die Stadt das \u201eDeutsche Haus\u201c erwarb. Das nun als \u201eStadttheater\u201c gef\u00fchrte Haus wurde umgebaut und renoviert, einige R\u00e4ume sp\u00e4ter von der Frohsinngesellschaft genutzt und z. T. als Ausweichklassenr\u00e4ume f\u00fcr Schulen verwendet sowie f\u00fcr den Unterricht der Musikschule angemietet. Die s\u00fcd\u00f6stlich des Geb\u00e4udes stehende Zehntscheune wurde 1873 f\u00fcr die Unterbringung von Theaterkulissen umgebaut und blieb bis zu ihrer Zerst\u00f6rung 1944 in dieser Nutzung bestehen. Seit Errichtung des Theaters 1811 wurde das Geb\u00e4ude h\u00e4ufig saniert und teilweise umgebaut. Viele Arbeiten zielten auf technische Verbesserungen und Modernisierungen f\u00fcr den Theaterbetrieb und einen verbesserten Brandschutz. 1892 wurde der Orchestergraben \u00fcberbr\u00fcckt, sodass eine Verbindung zwischen Deutschhaussaal und Theaterraum entstand, was z.B. f\u00fcr B\u00e4lle zu Fasching genutzt wurde. Am 27. Oktober 1944 durch eine Luftmine und im Januar 1945 durch Brand schwer besch\u00e4digt, wurde nach dem Krieg sogar der Abbruch des Theaters erwogen. Dank Gr\u00fcndung einer \u201eGesellschaft der Theater- und Musikfreunde Aschaffenburg e.V.\u201c, in der sich B\u00fcrger f\u00fcr ihr Theater durch finanzielle Unterst\u00fctzung engagierten, konnte der Bau gesichert und unter schwierigen Bedingungen wieder aufgebaut werden.<\/p>\n<p>1959\/60 fand eine umfassende Restaurierung statt, die Zuschauerraum, Deutschhaussaal, K\u00fcnstlergarderobe, Au\u00dfenfassade und das Dach betraf. Au\u00dferdem wurde an der Schlo\u00dfgasse ein Eingangsbereich mit Foyer geschaffen. Ziel der Restaurierung war es, das Theater, soweit m\u00f6glich, in den vermeintlich bauzeitlichen Zustand zur\u00fcckzuf\u00fchren. F\u00fcr den Zuschauerraum nutzte man vorrangig die Farben Beige und Taubenblau. Diese Raumfarbigkeit stellte jedoch eine farbliche Neukonzeption dar, die die \u201edamaligen Vorstellungen von Klassizismus mit nachempfundener klassizistischer Dekorationsmalerei mit den damaligen, vom Bauhaus gepr\u00e4gten Gestaltungsprinzipien im Sinne einer ,sch\u00f6pferischen Denkmalpflege\u2018 kombinierte.\u201c Der im 19. Jh. als Redoutensaal f\u00fcr gehobene Veranstaltungen genutzte Deutschhaussaal, der seit einem Umbau f\u00fcr Feste und B\u00e4lle mit der B\u00fchne und dem Parkett zu einer Fl\u00e4che zusammengeschlossen werden konnte, wurde nach dem Krieg aufgegeben; heute wird er als Hinterb\u00fchne und Kulissenraum genutzt.<\/p>\n<p>Baubeschreibung:<\/p>\n<p>Da das Theater in den Innenhof des Deutschordenshauses integriert und mit den vorhandenen Bauten verbunden worden war, weist es nur zum Karlsplatz eine bauk\u00fcnstlerisch gestaltete Fassade auf. Diese ist f\u00fcnf Achsen breit, die mittleren drei treten in Form eines Risalits leicht hervor, der von einem Giebel bekr\u00f6nt wird. Im Erdgeschoss sind f\u00fcnf schmale rundbogige Fenstert\u00fcren mit Klappl\u00e4den \u00fcber zwei Stufen erreichbar. \u00dcber ihnen verl\u00e4uft ein eingetiefter Fries mit Malerei, die eine von Chim\u00e4ren flankierte Harfe mit Blattwerk darstellt. \u00dcber einem Doppelgesims folgt ein Mezzanin mit halbrunden Fenstern. Ein kr\u00e4ftiger Zahnfries unter der Traufe schlie\u00dft die Fassade ab.<\/p>\n<p>Zur Schloss- und zur Theatergasse blieben die Fassaden des als \u201eKronberger Hof\u201c errichteten Anwesens aus dem 16. Jh. zun\u00e4chst unver\u00e4ndert. So bestand bis zur Zerst\u00f6rung 1944 die Fassade zur Schlo\u00dfgasse aus einem zweigeschossigen, 16 Achsen langen Fl\u00fcgel mit r\u00fcckw\u00e4rtigen kurzen Seitenfl\u00fcgeln. Zur Gasse zierten den Bau drei geschwungene Volutengiebel, die an den Giebelseiten der Seitenfl\u00fcgel und in der Mitte \u00fcber der ehem. Einfahrt in den Hof angeordnet waren. Seit Errichtung des Theaterbaus diente der Renaissancebau als Eingangshalle und Foyer. Bis auf die Kellergew\u00f6lbe und den n\u00f6rdlichen der beiden Seitenfl\u00fcgel entlang der Theatergasse wurde dieser Bau im Krieg zerst\u00f6rt. 1960 errichtete man \u00fcber den erhaltenen Grundmauern das oben erw\u00e4hnte eingeschossige Foyer. Durch ein steiles Walmdach erkennbar, ist das Theater ein hoher rechteckiger Bauk\u00f6rper, in dem sich Zuschauerraum und B\u00fchne befinden. Der zun\u00e4chst als Logentheater gestaltete Zuschauerraum, der gegen die B\u00fchne nicht wie in der Regel \u00fcblich durch Proszeniumslogen abgesetzt ist, wurde mit der Sanierung 1872\u201375 zum Rangtheater umgebaut. Anstelle der Logenw\u00e4nde tragen seither gusseiserne St\u00fctzen die beiden R\u00e4nge. Der erste Rang bildet gegen den Zuschauerraum eine gebauchte Br\u00fcstung aus, die Br\u00fcstung im zweiten Rang ist vertikal. Mit Ausnahme der genannten Umbauma\u00dfnahme Ende des 19. Jh. hat der Zuschauerraum nur geringe architektonische Ver\u00e4nderungen erfahren. W\u00e4hrend er in seiner baulichen Substanz die klassizistische Situation widerspiegelt, wurde die Farbgestaltung mehrfach vollst\u00e4ndig ver\u00e4ndert. Bei den Restaurierungen von 1872\u201375, 1909\u201310, 1928 und 1959\u201360 handelt es sich jeweils um dem Zeitgeschmack geschuldete, \u00e4sthetisch motivierte Neudekorationen. Die farbliche und ornamentale Gestaltung des Raumes der Erbauungszeit konnte restauratorisch nicht ermittelt werden. Bei der letzten Sanierung wurde daher in Anlehnung an die Farbigkeit der sp\u00e4ten 1920er Jahre der Zuschauerraum in einer wei\u00df-grauen Farbigkeit mit Vergoldung von Zier- und Rahmenleisten unter Beibehaltung der Dekorationsmalerei von 1959\/60 neu gefasst.<\/p>\n<p>Das \u00c4u\u00dfere des Theaters war nach dem Krieg gepr\u00e4gt von der Behelfsfassade der 1950er Jahre (die Fassade zum Karlsplatz wurde 1975 rekonstruierend wieder hergestellt). Der Bau hatte aufgrund seiner Entstehungsgeschichte weder zur Schlo\u00dfgasse noch zu dem durch die Zerst\u00f6rungen des Krieges entstandenen Platz an der Dalbergstra\u00dfe eine gestaltete Fassade. 1995 lobte die Stadt einen Wettbewerb zur Neugestaltung der Theaterfront und des Theaterplatzes aus, die mit der Erweiterung und dem Neubau des Foyers auch entlang der Schlo\u00dfgasse zwischen 2008 und 2011 gemeinsam mit der durchgreifenden Restaurierung des Zuschauerraumes umgesetzt wurde. So ist der vor 1945 nicht existierende Theaterplatz Ausdruck der Stadtentwicklung nach den einschneidenden Ereignissen des Zweiten Weltkrieges. Das Aschaffenburger Stadttheater war wie viele kleinere Theater des 19. Jh. im deutschsprachigen Raum von einer Aktiengesellschaft gegr\u00fcndet und betrieben worden, ging aber vergleichsweise fr\u00fch in st\u00e4dtischen Besitz \u00fcber. Architektonisch nimmt es innerhalb der Theaterbauten jener Zeit eine Sonderstellung ein. W\u00e4hrend die meisten Bauten stadtbildpr\u00e4gend mit einer oder mehreren repr\u00e4sentativen Fassaden von der wirtschaftlichen und kulturellen Potenz der Bauherren k\u00fcndeten, war das Theater in Aschaffenburg in einen bestehenden Bau integriert und kaum sichtbar. Einzig die erw\u00e4hnte r\u00fcckw\u00e4rtige Fassade zum Karlsplatz, der infolge des Theaterbaus, der Errichtung des Ballsaals des Casinos (Bachsaal) und des Geb\u00e4udes des \u201eBeobachters am Main\u201c (sp\u00e4ter Mainecho) an der Stelle des ehem. R\u00fcbenhofgartens entstand, zeigt einen repr\u00e4sentativen Anspruch. Die neue, von der Arbeitsgemeinschaft Scheffler und Partner gestaltete Fassade zum neuen Theaterplatz umschlie\u00dft den historischen Bauk\u00f6rper mit einer modernen, stilistisch der Gegenwartsarchitektur verpflichteten Glas-Stahl-Fassade, die auch das Foyer der 1950er Jahre um ein Obergeschoss \u00fcberbaut. Die Rekonstruktion eines Renaissancegiebels an der Schlo\u00dfgasse wurde von den \u201eAschaffenburger Altstadtfreunden\u201c gefordert und finanziert.<\/p>\n<p>Quelle:<\/p>\n<p>Ina Gutzeit\/Hauke Kenzler: Kreisfreie Stadt Aschaffenburg. Ensembles, Baudenkm\u00e4ler, Bodendenkm\u00e4ler (Denkm\u00e4ler in Bayern. VI. Unterfranken, 71), M\u00fcnchen 2015, S. 122-125.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Stadttheater wurde w\u00e4hrend der Regierungszeit Carl Theodor von Dalbergs Anfang des 19. Jh. im \u00e4ltesten Siedlungsgebiet der Stadt im Innenhof eines ausgedehnten Renaissanceanwesens errichtet. Hier war in der 2. 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