{"id":2012,"date":"2021-05-18T15:27:19","date_gmt":"2021-05-18T13:27:19","guid":{"rendered":"https:\/\/aschaffenburgzweinull.stadtarchiv-digital.de\/?p=2012"},"modified":"2022-01-19T22:17:07","modified_gmt":"2022-01-19T21:17:07","slug":"lulu-brentano","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aschaffenburgzweinull.stadtarchiv-digital.de\/lulu-brentano\/","title":{"rendered":"Lulu Brentano &#8211; eine &#8222;curiose&#8220; Lebensgeschichte erz\u00e4hlt in Briefen"},"content":{"rendered":"<p>Von Walter Scharwies<\/p>\n<p>\u201eOnkel Christian kam gestern hierdurch mit Frau und zwey sichtbaren &amp; einem unsichtbaren Kindchen; um nach Aschaffenburg zu ziehen\u201c, schrieb Louis Brentano am 10. Oktober 1838 von Frankfurt aus an seinen Onkel Clemens nach M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Dieses Briefzitat findet sich in dem neu erschienenen Buch von Walter Scharwies \u201e<a href=\"https:\/\/www.verlagshaus-roemerweg.de\/Waldemar_Kramer\/Walter_Scharwies-Lulu_Brentano-EAN:9783737404891.html\">Lulu Brentano \u2013 eine \u201acuriose\u2018 Lebensgeschichte erz\u00e4hlt in Briefen<\/a>.\u201c Sie hie\u00df eigentlich Ludovica, nannte sich selbst Lulu, und f\u00fchrte die Ehenamen Jordis und Des Bordes. Bekannter ist sie als Lulu Brentano. Im Freien Deutschen Hochstift\/Frankfurter Goethehaus, in der Preu\u00dfischen Staatsbibliothek zu Berlin und in weiteren Archiven (<a href=\"https:\/\/stadtarchiv-aschaffenburg.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Fibu-NL-01-2019-04-01.pdf\">u. a. im Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg<\/a>) liegen Autographen, geschrieben vom 10. Lebensjahr (1797) bis wenige Wochen vor ihrem Tod (1854). Sie dokumentieren eine Lebensgeschichte, die ihr Bruder Clemens als \u201ecurios\u201c bezeichnete. Bankiersgattin mit Kontakten in die allerh\u00f6chsten Kreise, gute Bekannte der Br\u00fcder Grimm, mit 25 Jahren Todessehnsucht, als Witwe erfolgreiche Unternehmerin in Paris, von Eichendorff hoch gelobte Schriftstellerin bilden Merkmale eines bislang wenig beachteten, von Br\u00fcchen begleiteten Lebensweges. In Lulu Brentano vereinigen sich erfolgreicher Brentanoscher Kaufmannsgeist und musisches Talent der Mutter La Roche, Schutz und Halt suchende Verbindung zu den Geschwistern und zur eigenen Familie, aber auch auf der Religion ruhendes soziales Engagement zu einer interessanten Pers\u00f6nlichkeit. Walter Scharwies hat ihre gro\u00dfenteils unver\u00f6ffentlichten Briefe \u00fcbertragen. Er beschreibt damit ein spannendes Frauenleben von der Napoleonischen Epoche bis hin zur b\u00fcrgerlichen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Die Neuerscheinung gibt durch die Wiedergabe zahlreicher Briefe auch eine Antwort auf die Frage, warum der Bruder Christian sich in Aschaffenburg niederlie\u00df und damit den Ruhm als Brentano-Stadt begr\u00fcndete. Die in der Literatur aufgestellte Behauptung, Christian habe aus Marienberg bei Boppard, wo er als Leiter eines M\u00e4dchen-Internats lebte, fl\u00fcchten m\u00fcssen und deshalb bei der Schwester Lulu auf Schloss Wasserlos Wohnung gefunden, um dann nach Aschaffenburg zu ziehen, ist schon deshalb unrichtig, da Lulu das heute zur Stadt Alzenau geh\u00f6rende Schloss erst ab 1845 besa\u00df.<\/p>\n<p>Es waren freundschaftliche Verbindungen, die Christian und vor allem seine Ehefrau Emilie veranlassten, um sich in der Stadt am Main niederzulassen. Das \u201eLulu-Buch\u201c nennt Einzelheiten.<\/p>\n<p>In einem Brief vom 6. November 1837 nannte Lulu zwei Namen, die vermutlich entscheidend daf\u00fcr waren, dass Christian und vor allem Emilie Brentano Ende des folgenden Jahres Aschaffenburg als Wohnsitz w\u00e4hlten. In der Stadt lebte der K\u00f6nigliche Forstmeister Joseph von Hertling (1802 Frankfurt \u2013 1867 Landshut) zusammen mit seiner Ehefrau Wilhelmine von Bourcourd (1811 Den Haag \u2013 1884 M\u00fcnchen) und deren zw\u00f6lf Kindern. Zur Familie geh\u00f6rte auch dessen Mutter Gisberta (1763 Bruchsal \u2013 1843 Aschaffenburg). Am 26. September 1843 schrieb Lulu an die Schw\u00e4gerin Emilie nach Aschaffenburg: \u201eMit der innigsten Theilnahme habe ich den Tod der vortrefflichen Mama Hertling vernommen. [&#8230;] da ich wei\u00df mit welcher Liebe du an dieser Familie h\u00e4ngst.\u201c<\/p>\n<p>Gisbertas Ehemann, Philipp von Hertling, Hessischer Geheimrat und Darmst\u00e4dter Hofgerichtsdirektor, war bereits 1810 in Aschaffenburg verstorben. Aus ihrer Ehe ging nicht nur der Aschaffenburger Forstmeister Joseph, sondern auch der weitere Sohn Jakob (1805 \u2013 1851) hervor. Dieser hatte Antonie (Tony) von Guaita (1816 \u2013 1881), Nichte von Lulu und Christian, geheiratet. Einer der Nachkommen von Jakob und Antonie machte Karriere: Georg von Hertling (1843 \u2013 1919) erlangte als Reichskanzler und Bayerischer Ministerpr\u00e4sident h\u00f6chste Staats\u00e4mter. In seinen Lebenserinnerungen schrieb der in Darmstadt geborene Zentrumspolitiker: \u201eDie Verwandten meines Vaters lebten zum gro\u00dfen Teile in Aschaffenburg. Ihre Verh\u00e4ltnisse waren den unseren \u00e4hnlich, vielleicht noch bescheidener, aber mit Humor und Gelassenheit schlug man sich durch. Der zahlreichen Jugend, die das dortige Haus belebte, war gro\u00dfe Freiheit gelassen, die sie aber meiner Erinnerung nach nur insofern mi\u00dfbrauchte, als sie sich dem schulm\u00e4\u00dfigen Lernen tunlichst entziehen suchte. Namentlich den \u00e4ltesten unter den noch lebenden Br\u00fcdern meines Vaters, der, selbst unverheiratet, den Mittelpunkt des dortigen Hauswesens bildete, liebten und verehrten wir.\u201c<\/p>\n<p>Zwei Monate sp\u00e4ter bringt ein Brief, den Lulu an ihren Bruder Christian Brentano nach Aschaffenburg schrieb, einen Hinweis auf die erste Wohnung der Brentanos in Aschaffenburg. Sie befand sich in dem in der Webergasse 1 gelegenen Anwesen des K\u00f6niglichen Medizinalrates Dr. Jodocus Reu\u00df (auch Reiss bzw. Rei\u00df genannt). Der Hausherr geh\u00f6rte zu den Pers\u00f6nlichkeiten der Stadt und starb bereits am 7. Dezember 1838 im Alter von 73 Jahren.\u00a0 Im darauffolgenden Jahr mietete Christian das benachbarte Anwesen (Kleine Metzgergasse 5), das als Brentanohaus und Sterbeort von Clemens Geschichte schreiben sollte.<\/p>\n<p>Fast ein Jahrzehnt wohnten Emilie und Christian Brentano mit ihrer gro\u00dfen Familie in dem idyllisch in der Aschaffenburger Altstadt gelegenen Haus mit der Anschrift Kleine Metzgergasse 5. Der Entschluss des Eigent\u00fcmers, Karl Maximilian Freiherr von Dalberg, die Immobilie zu verkaufen, brachte die Brentanos in gro\u00dfe Unruhe. Christian fehlte das n\u00f6tige Geld. Der Hilferuf ging an die reiche Schwester Lulu. Sie half trotz der wirtschaftlichen Einbu\u00dfen im Revolutionsjahr 1848 und trotz der Verluste, die ihr Gutsverwalter in Wasserlos eingefahren hatte. Lulu erwarb 1849 das Brentano-Haus in Aschaffenburg. Lulu Brentano (eigentlich Ludovica Freifrau von Des Bordes) starb 67j\u00e4hrig im November 1854. Zur Erbin des Brentano-Hauses bestimmte sie ihr Patenkind Lulu, Tochter von Emilie und Christian Brentano.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Walter Scharwies \u201eOnkel Christian kam gestern hierdurch mit Frau und zwey sichtbaren &amp; einem unsichtbaren Kindchen; um nach Aschaffenburg zu ziehen\u201c, schrieb Louis Brentano am 10. 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